«In den nächsten 15 Jahren dürften 500 Gemeinden verschwinden»

Ende Jahr gibt es wieder 30 Gemeinden weniger in der Schweiz. Warum sie fusionieren, ob das Geld spart, und was das mit Work-Life-Balance zu tun hat, erklärt der Gemeindeforscher Reto Steiner.

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Seit 1860, als die Schweiz noch über 3200 Gemeinden zählte, sinkt die Zahl dieser Verwaltungseinheiten stetig. In den letzten 20 Jahren hat sich der Trend noch beschleunigt. Nachdem der Bestand von 1990 bis 2000 bereits um 122 Einheiten zurückgegangen war, verschwanden seither über 600 weitere Gemeinden, also fast 40 pro Jahr. Per Ende Jahr werden es wieder 30 Gemeinden weniger sein, schweizweit noch 2294.

Reto Steiner geht davon aus, dass sich der Fusionsprozess fortsetzen dürfte: «In den nächsten 15 Jahren dürften weitere 500 Gemeinden verschwinden», sagt der Dozent am Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern. Auf diesem Niveau dürfte sich die Zahl der Gemeinden ab 2030 stabilisieren, prognostiziert Steiner. Betroffen seien vor allem kleine Gemeinden in ländlichen Gebieten. «Während sich urbane Räume bereits in den 1920er-Jahren ein erstes Mal stark umstrukturiert haben, läuft dieser Prozess in der Peripherie erst seit der Jahrtausendwende.»

Glarus wollte mit der Gemeindefusion 6 Millionen Franken einsparen.

Am radikalsten im Kanton Glarus: 2011 schlossen sich die bestehenden 25 Gemeinden zu den drei Grossgemeinden Glarus Nord, Glarus und Glarus Süd zusammen. Ein gewichtiges Argument war das Sparpotenzial: 6 Millionen Franken Verwaltungskosten sollen durch den Zusammenschluss wegfallen. Ob die Einsparungen tatsächlich so hoch sind, wollte die Glarner Staatskanzlei auf Anfrage nicht beantworten. Der Bericht zu den Auswirkungen der Grossfusion wird erst im Januar veröffentlicht.

Glarus vor der Fusion 2007 (Bild: Wikipedia).

Glarus nach der Fusion 2011 (Bild: Wikipedia).

Für Steiner sind Gemeindefusionen finanziell aber grundsätzlich ein «Nullsummenspiel». Zwar könnten teilweise Verwaltungskosten eingespart werden, diese würden aber durch den Leistungsausbau wieder aufgefressen. Das Ergebnis sei daher nicht eine Kosteneinsparung, sondern eine Professionalisierung der Leistungen.

Für die Bevölkerung stehe dies heute im Vordergrund: «Die Gemeinde wird als funktionaler Raum wahrgenommen», sagt Steiner. Zur Identifikation diene die Gemeinde heute weniger als früher. Tatsächlich zeigt das aktuelle Identifikationsbarometer der Credit Suisse, dass die Bedeutung der Gemeinde für die Identität der Bevölkerung massiv abgenommen hatte: Fühlten sich 2011 noch 44 Prozent der Stimmbürger in erster Linie der Gemeinde zugehörig, sind es heute nur noch 19 Prozent.

Die Identifikation mit der Gemeinde hat stark abgenommen: Sorgenbarometer der Credit Suisse (Grafik: CS).

«Darin zeigt sich der Wertewandel, der einen elektronischen Schalter für Gemeindeleistungen höher gewichtet als Gemeindegrenzen», sagt Steiner. Eine Folge der Fokussierung auf die Work-Life-Balance: Vielen Gemeinden fehlen Menschen, die willig sind, sich ehrenamtlich auf kommunaler Ebene zu engagieren.

Gestiegene Ansprüche und mangelndes Personal zwingen dann Gemeinden zur Fusion. Das nennt Steiner eine «reaktive Gemeindefusion»: Eine kleine Gemeinde in der Peripherie kann ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen und schliesst sich daher mit anderen Gemeinden zusammen. Fusionsprojekte entstünden aber insbesondere im städtischen Raum auch, um Standortvorteile zu festigen oder neu zu schaffen. Ein Beispiel für einen solchen «proaktiven» Zusammenschluss sei der Raum Aarau, wo 11 Gemeinden eine Fusion prüfen.

Ob sich alle Gemeinden dazu bereit erklären, ist offen. Generell seien die Chancen auf Erfolg aber gut, Zwei Drittel der Fusionsprojekte würden von der Bevölkerung gutgeheissen. Im europäischen Vergleich ein hoher Wert: «In europäischen Ländern ist der Widerstand gegen Gemeindefusionen oft viel grösser, weil sie von oben verordnet werden», erklärt Steiner. Hierzulande geschehe das unter «typisch schweizerischem» Einbezug der Bevölkerung und werde folglich eher mitgetragen. Damit gäbe es weniger Fusionen, dafür solche, welche akzeptiert würden.

Erstellt: 18.12.2015, 15:13 Uhr

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