Kinder als Kläger und Opfer

Im Kampf gegen die «Love Life»-Kampagne ging es den Klägern nicht um Kinderschutz, sondern nur um Moral.

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20 Sekunden nur dauert der Spot, der am 13. Mai auf einigen TV-Stationen ausgestrahlt wurde – und doch gibt er seit Monaten zu reden. Einerseits, weil er mehr oder weniger nackte Paare zeigt, die sexuelle Handlungen imitieren. Anderseits, weil der Bund die Produktion und die Verbreitung des Materials finanzierte. Die Kombination von beidem veranlasste eine bisher kaum bekannte Stiftung mit christlich-fundamenta­listischen Zügen dazu, bis vor Bundesverwaltungs­gericht dagegen zu kämpfen.

Die Darstellungen seien eine Gefahr für Kinder und Jugendliche, argumentierten die Kläger. Sie sprachen von einem Nachahmungseffekt, von einer Schädigung der geistigen und sexuellen Integrität ihrer schutzbedürftigen Sprösslinge. Es steht jedem frei, die Kampagne anstössig oder geschmacklos zu finden, doch eines ist recht offensichtlich: Den Klägern ging es nicht um Kinderschutz, sondern nur um Moral. Die Klage wurde eingereicht, ehe die Eltern die Plakate gesehen hatten. Und sie hielten ihren Kampf aufrecht, nachdem sie längst wieder verschwunden waren. Das Einzige, was die besorgten Eltern mit ihrem Vorgehen erreichten, ist, dass länger über die Kampagne berichtet wird – und die Bilder, die sie stören, noch ­etwas länger zu sehen sind.

An sich ist den Eltern zu danken. Unfreiwillig helfen sie dabei, die Aufmerksamkeit länger auf das Ziel der «Love Life»-Kampagne zu lenken: die Schweizerinnen und Schweizer vor einer HIV-Infektion zu bewahren. Noch immer stecken sich jährlich über 500 Menschen mit dem Virus an, das jedes Leben in eine Tragödie verwandelt. So wären die Irrungen einer kleinen Stiftung kaum der Rede wert, hätte sie für ihre Kampagne gegen «die Verbreitung einer tabulosen ­Sexualmoral» nicht 35 Kinder ins Feld geschickt. 12 davon sind jünger als 10 Jahre, das jüngste ­gerade mal 4-jährig. Diese Kinder dienten ihren Eltern lediglich als Vorwand, um vor Gericht bessere ­Chancen zu haben – und für ihren moralischen Kampf mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Schutzlos aus­geliefert sind die Kinder nicht einer Präventions­kampagne, sondern dem Kreuzzug ihrer Eltern.

Erstellt: 09.10.2014, 22:48 Uhr

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