Leben neben dem Sprengstofflager

Die Mitholzer, so sagt man, sind Bergler. Die werden auch mit 3500 Tonnen Munition fertig. Doch so einfach ist es nicht.

Das Mahnmal im Rücken: Ursula Künzi wohnt mit ihrer Familie direkt vor dem ehemaligen Munitionsdepot in Mitholz im Berner Oberland. Foto: Nicole Philipp

Das Mahnmal im Rücken: Ursula Künzi wohnt mit ihrer Familie direkt vor dem ehemaligen Munitionsdepot in Mitholz im Berner Oberland. Foto: Nicole Philipp

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Was Ursula Künzi gerade durch den Kopf geht, lässt sich nur schwer erahnen. Gebannt schaut sie nach vorn. Dorthin, wo Behördenvertreter in der Turnhalle von Mitholz im Berner Oberland erläutern, wie im Notfall das ganze Dorf evakuiert werden soll. Künzis Bauernbetrieb ist eines jener Häuser, die am nächsten beim ehemaligen Munitionsdepot der Armee liegen. Nur hundert Meter trennen die fünfköpfige Familie vom Sprengstoff, der noch immer dort begraben liegt.

Die Stimmung an der Informationsveranstaltung ist gedrückt. Rund 90 Personen haben sich in der Turnhalle eingefunden. Gerade ist die Rede davon, dass sich die Bewohner in einem einen Kilometer vom Dorf entfernten Restaurant registrieren sollen, bevor sie bei einer Evakuierung das Gebiet verlassen. Zudem empfehlen die Behörden, dass alle Einwohner einen Keller im eigenen Haus einrichten, in dem sie sich einen Tag lang aufhalten können. Für den Fall, dass an eine Flucht gar nicht mehr zu denken ist.

Der tägliche Blick hoch

Ursula Künzi nimmt all das stillschweigend zur Kenntnis. In ihrem Kopf wälzt sie jedoch Fragen, wie sie später sagt. «Reicht die Zeit, um die Kinder in Sicherheit zu bringen? Was machen wir mit den 80 Stück Vieh? Und wie geht es nach einer Evakuierung weiter?»

Mitholz, rund 200 Einwohner, auf 960 Metern über Meer, ist am 28. Juni von einem Tag zum anderen zu einem schwarzen Fleck auf der Schweizer Landkarte geworden. Damals hat Verteidigungsminister Guy Parmelin bekannt gegeben, dass vom ehemaligen Munitionsdepot eine grössere Gefahr ausgeht als bisher angenommen. Rund 3500 Tonnen Munition schlummern seit der Explosionskatastrophe im Jahr 1947 noch in der Bunkeranlage und im Schuttkegel davor. Ein Pulverfass, das irgendwann in die Luft gehen könnte.

Seit jener Orientierung Ende Juni sind fünf Monate vergangen. Doch das Leben in Mitholz hat sich in der Zwischenzeit nicht normalisiert.

«Erst mit der Zeit wurde mir klar, wie grundlegend dies die Zukunft verändern könnte.»Ursula Künzi, Bäuerin und Mutter

Einige Tage vor der Informationsveranstaltung sitzt Ursula Künzi in der Küche ihres Hauses. Der dreijährige Sohn spielt vergnügt mit einem Puzzle, Ehemann Samuel kümmert sich draussen um die Kühe. «Höllisch mitten in der Nacht hats gelodert und gekracht, Himmelsfriede steig hernieder, mach getrost und froh uns wieder», steht im Holz der Fassade eingeritzt.

Erbaut wurde das Haus 1948, ein Jahr nachdem Ursula Künzis Schwiegervater zwei Geschwister und die Grossmutter bei der Explosionskatastrophe verloren hatte. Noch heute leben die Schwiegereltern dort – mittlerweile gemeinsam mit der jungen Familie.


Bildstrecke: Die Katastrophe von 1947


«Angst vor einer erneuten Explosion habe ich nicht», sagt die 37-Jährige. Schliesslich sei in den letzten 70 Jahren auch nichts geschehen. Und doch blickt Ursula Künzi jeden Morgen, wenn sie sich um die Kälber hinter dem Haus kümmert, zur Felswand hoch. Wie ein Mahnmal steht sie dort über dem Dorf. Bei der Katastrophe 1947 ist die Fluh eingestürzt und hat eine Narbe in der Landschaft hinterlassen.

«Was bringst du uns heute?», denkt Künzi in diesen Momenten. Zwar versuche man weiterzumachen wie vor dem 28. Juni. So richtig gelinge dies aber nicht.

Zu Beginn habe sie gefasst auf die Hiobsbotschaft reagiert. «Erst mit der Zeit wurde mir klar, wie grundlegend dies die Zukunft verändern könnte», sagt sie. Ihre Familie wohne nicht einfach in Mitholz. «Unser ganzes Leben findet hier statt.» Insbesondere die Ungewissheit sei belastend.

«Wir müssten an einem anderen Ort komplett von vorn beginnen. Das wollen wir schlicht und einfach nicht.»Ursula Künzi, Bäuerin und Mutter

So ist noch immer unklar, ob die Munition überhaupt geräumt werden kann. Und wenn nein, wie die Gefahr anders gebannt werden könnte. Bis voraussichtlich Mitte 2020 müssen die Leute im Dorf auf einen entsprechenden Entscheid warten.

Ebenfalls ungewiss ist, ob Mitholz für längere Zeit evakuiert werden muss, sobald die Arbeiten an der explosiven Hinterlassenschaft beginnen. Dieser Umstand macht Künzis am meisten zu schaffen. «Stellen Sie sich vor, was das für uns bedeuten würde. Es ginge um unsere Existenz», sagt die Mutter.

Die rund 80 Stück Vieh könne man nicht einfach in einen Koffer packen und woanders wieder rauslassen. Zudem befindet sich ein grosser Teil von Künzis Land auf der Wiese oberhalb des ehemaligen Munitionslagers, zwei der drei Kinder gehen bereits in Kandergrund zur Schule und in den dortigen Kindergarten. «Wir müssten an einem anderen Ort komplett von vorn beginnen. Das wollen wir schlicht und einfach nicht.»

Die Ungewissheit habe auch Auswirkungen auf den Bauernbetrieb. «Eigentlich sind mein Mann und ich in einem Alter, in dem wir Gas geben möchten. Investitionen überdenken wir derzeit aber doppelt», sagt Künzi. Dabei sollte das Dach des Wohnhauses renoviert werden, und auch der Güllenkasten auf der Fluh ist in die Jahre gekommen.

In dieser Situation bleibt der Bauernfamilie nur eines übrig: «Wir hoffen, dass die Gefahr auch ohne Evakuierung beseitigt werden kann.»

Die neue Überwachung

Ob das möglich ist, darüber gab es am Info-Anlass für die Bevölkerung nichts Neues zu erfahren. Vielmehr wurde orientiert, welche Arbeiten bisher gemacht worden sind. Während sich eine Arbeitsgruppe um langfristige Lösungen bemüht, werden im Munitionslager derzeit verschiedene Sensoren und Kameras installiert. Sie sollen Alarm schlagen, wenn irgendetwas nicht stimmt. Ende Februar werden die letzten Komponenten des Systems in Betrieb genommen.

Zudem wurden Konzepte erarbeitet, viele Konzepte. Wie kann Kandersteg im Notfall erschlossen werden? Was tut die BLS, wenn die Züge Mitholz nicht mehr passieren können? Und vor allem: Wie kann sich die Bevölkerung bei einer Explosion schützen? Antwort auf die letzte Frage gibt ein Merkblatt, das die Behörden verteilten.

Aber eigentlich gibt es in einem solchen Fall nur eines: Unverzüglich Schutz im vorbereiteten Keller suchen. Empfohlen wird zudem, dass alle Mitholzer auf ihren Smartphones die Alarmierungs-App Alertswiss installieren. So erhalten sie im Notfall weitergehende Informationen und Anweisungen.

Nicht im Publikum sitzt an diesem Abend Albert Künzi, der mit Ursulas Ehemann verwandt ist. Der Buschauffeur muss arbeiten. Er fährt gerade die Strecke Kandersteg–Frutigen–Adelboden. Jedes Mal, wenn er Mitholz und sein Haus passiert, kommt ihm für einen kleinen Augenblick die lauernde Gefahr in den Sinn.

Wohnt mit seiner Familie noch näher am Depot: Albert Künzi. Foto: Nicole Philipp

«Ich weiss nicht, wie ich das Gefühl beschreiben soll», sagt er einige Tage vor dem Anlass, stockt und legt die Hand an die Brust. Dorthin, wo sein Herz ist. «Es ist hier drinnen einfach nicht mehr dasselbe.»

Der 60-Jährige wohnt gemeinsam mit seiner Frau sogar noch einige Meter näher am Sprengstoff als die junge Nachbarsfamilie. Verloren kommen sie sich vor, so Albert. Verloren in der eigenen Heimat, in der seine Vorfahren seit über vier Generationen lebten.

Angst aber habe auch er nicht. Doch eine Unruhe und Schreckhaftigkeit hat Albert Künzi gepackt, seit er von der Gefahr weiss. Als er etwa vor einigen Tagen krank daheim lag und geschlafen hat, ist ein Militärjet über das Haus geflogen. Er habe einen enormen Krach gemacht. «Ich bin aufgeschreckt und habe im ersten Moment gedacht: Jetzt hat es eine Explosion gegeben.» Erst nach einer Zigarette hat er sich wieder beruhigt.

Die Überlebenschance im Perimeter von Künzis Haus liegt bei einer grossen Explosion bei gerade mal 25 Prozent.

Was im Falle einer erneuten Katastrophe geschehen könnte, darüber will Künzi weder nachdenken noch sprechen. «Das darf ich mir gar nicht ausmalen.»

Der grosse Unterschied

Verständlich, denn im Expertenbericht wird die Überlebenschance in dem Perimeter, in welchem sich Künzis Haus befindet, bei einer grossen Explosion mit gerade mal 25 Prozent angegeben. «So ein Ereignis wird nicht geschehen. Wir müssen optimistisch bleiben, sonst können wir hier gar nicht mehr wohnen», erwidert Albert darauf. Wegziehen komme denn auch nicht infrage. «Ich bin durch und durch Mitholzer», sagt er und ergänzt: «Uns bringt man nicht so schnell zu Fall.»

Das hiess es auch, nachdem die erhöhte Explosionsgefahr bekannt geworden war. Die Mitholzer, das sind Bergler, die sind sich Lawinen und Hochwasser gewohnt, die werden auch mit der Munition fertig. Doch so einfach ist es nicht.

«Mit Naturgefahren haben wir zu leben gelernt», sagt Albert Künzi. Hochwasser und Lawinen seien abschätzbar, wenn man die Natur beobachte. Zudem könne man sie mit Verbauungen bändigen. «Das Munitionslager jedoch ist etwas ganz anderes. Niemand weiss genau, wie es sich verhält.»

«Irgendwann soll unser Dorf für junge Familien wieder ein attraktiver Wohnort sein.»Ursula Künzi, Bäuerin und Mutter

In der Turnhalle ist der Informationsanlass mittlerweile bei der Diskussion angelangt. Einzelne Anwesende nutzen die Gelegenheit, um Fragen zu stellen. Andere bringen ihren generellen Unmut über die Situation zum Ausdruck.

Nach der Veranstaltung steht Ursula Künzi beim Ausgang der Turnhalle. Sie wirkt nachdenklich. «Es wühlt auf, wenn den ganzen Abend über ein Ereignis gesprochen wird, von dem alle hoffen, dass es nie eintritt», sagt sie. Zumal die wenigsten Häuser in Mitholz einen Keller hätten, in dem bei einer Explosion Zuflucht gesucht werden könnte. Ihre Familie eingeschlossen.

Einmal mehr bleibt zudem die Ungewissheit über die Zukunft bestehen. Vorwürfe an die Adresse der Behörden erhebt sie trotzdem keine. «Es ist klar, dass nicht von heute auf morgen Lösungen präsentiert werden können», sagt Künzi.

Sie erwarte aber, dass man alles tue, um Mitholz eine Zukunft zu ermöglichen. «Irgendwann soll unser Dorf für junge Familien wieder ein attraktiver Wohnort sein.» Bis dahin sei es noch ein weiter Weg, das wisse sie. Aber er müsse beschritten werden.

Und wenn es dann tatsächlich einmal so weit ist und die Gefahr gebannt ist, dann weiss Albert Künzi schon, was er tun wird. «Ich stehe vor die Felswand, strecke beide Arme in die Höhe und breche in Jubel aus.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.12.2018, 16:17 Uhr

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