Losone und seine Asylsuchenden

Es gibt sogar eine «Willkommensgruppe». Seit dem 20. Oktober lebt die Tessiner Gemeinde mit der Präsenz der Flüchtlinge in der Kaserne.

Der geschlossene Eingang der stillgelegten Kaserne von Losone: Heute sind hier Asylbewerber untergebracht. Foto: Keystone

Der geschlossene Eingang der stillgelegten Kaserne von Losone: Heute sind hier Asylbewerber untergebracht. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nicht Soldaten, sondern private Sicherheitskräfte bewachen die Kaserne San Giorgio. Besser gesagt: die ehemalige Kaserne. Lang stand diese Militärunterkunft leer. Das Schild «Piazza d’armi» – Waffenplatz – ist geblieben. Seit dem 20. Oktober wird die Struktur als Aussenstelle des Empfangs- und Verfahrenszentrums Chiasso geführt. Derzeit sind 139 Asylsuchende dort untergebracht, hauptsächlich stammen sie aus Eritrea. Ihre Präsenz ist unübersehbar in Losone, einer Nachbargemeinde des Tessiner Nobelorts Ascona. Denn bisher waren hier kaum dunkelhäutige Personen zu sehen. Einige Flüchtlinge sitzen an diesem Nachmittag in der Bushaltestelle namens Caserma.

Die Eröffnung des Asylzentrums hatte in Losone zu einiger Aufregung geführt. Bereits 2012 waren unter der Führung der lokalen SVP mehr als 6000 Unterschriften gegen die damals noch ­hypothetische Nutzung der Kaserne als Asylunterkunft gesammelt und auf der Bundeskanzlei eingereicht worden. Viele Unterschriften kamen von aussen, zählt Losone selbst doch gerade mal 6500 Einwohner. Es ist eine stark wachsende Gemeinde mit vielen jungen Familien, einer Mittelschule für die Region und einer im Kantonsvergleich starken SVP. In der Nähe der Kaserne befindet sich ein Wohnquartier mit vielen Einfamilienhäusern.

«Ich bin sicher, dass es passiert»

Inzwischen hat man sich an die Präsenz der Asylbewohner gewöhnt, auch wenn nach wie vor geschimpft wird. Besonders exponiert hat sich FDP-Gemeinderat Tiziano Cavalli, Präsident der Elternvereinigung der Primarschule. Er will festgestellt haben, dass sich viele Asylbewerber ständig auf den Parkbänken eines kleinen Hügels direkt vor der Primarschule tummeln und dort massenweise Bier konsumieren. Sie urinierten gegen die Bäume und belästigten vorbeilaufende Mütter und Schülerinnen. In einer Interpellation schlägt Cavalli vor, die Parkbänke abzumontieren.

Bestätigt fühlten sich Kritiker durch die mutmassliche Vergewaltigung einer Frau im Asylzentrum Anfang November. Ein junger Eritreer wurde in Untersuchungshaft genommen. Später mussten die Einsatzkräfte nochmals ausrücken, um einen Streit zwischen Asylbewerbern zu schlichten. Lega-Nationalrat Lorenzo Quadri sprach von «unhaltbaren Zuständen».

In Sorge ist auch Giorgio Ghiringhelli, Initiant der Tessiner Burkaverbotsini­tiative und wohnhaft in Losone. Er befürchtet, dass es im Sommer zu Vergewaltigungen von einheimischen Mädchen kommen wird, da sich nahe der ­Kaserne der beliebte Freizeitpark Meriggio direkt am Ufer des Flusses Maggia befindet. Der Mix aus Hormonen, Hitze, Alkohol und Bikinis werde explosiv sein. «Ich bin leider sicher, dass es passiert», so Ghiringhelli.

Erfundene Schauermärchen

Ein Augenschein vor Ort zeigt allerdings, dass von unhaltbaren Zuständen nicht die Rede sein kann, auch wenn ein Grüppchen von Asylbewerbern zu sehen ist, das Bier trinkt. Dies bestätigen auch die Aussagen von einigen befragten Losonern im Umfeld der Kaserne. «Es funktioniert bisher gut», meint Francesca Martignoni (Linke), die im kleinen Gemeinderat für soziale Fragen zuständig ist. Ein Teil der Bevölkerung erfinde buchstäblich Schauermärchen über die Asylbewerber, meint sie. Auch der Direktor der Primarschule, Alberto Fornera, hat nichts Aussergewöhnliches festgestellt. Zwei Eltern haben sich an ihn gewandt, sorgenvoll ob der Präsenz der Asylbewerber im Ort, aber ohne eigene unangenehme Erfahrungen. «Eine Gemeinde wie Losone muss sich natürlich daran gewöhnen, eine Gemeinschaft von Flüchtlingen zu beherbergen», sagt Priester Don Jean-Luc Farine, «doch die schweigende Mehrheit hat keinerlei Probleme und ist sehr hilfsbereit.» Wir treffen den Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinde im Zentrum La Torre, wo an diesem Nachmittag ein Begegnungstreffen für Asylbewerber stattfindet. Eine Bürgergruppe hat sich spontan gebildet, um zumindest einmal pro Woche den Flüchtlingen die Gelegenheit zu geben, einen sorgenfreien Nachmittag zu verbringen.

Konstruktives Verhältnis

Gut 20 Flüchtlinge haben das Angebot angenommen. Gerne würden mehr kommen, doch die Zahl ist beschränkt, um ein direktes Gespräch zwischen den einheimischen Freiwilligen der «Willkommensgruppe» und den Asylbewerbern zu ermöglichen. An einem Tisch wird gestrickt, an einem anderen gebastelt. Dort sitzen Frauen. Am dritten Tisch wird geredet, insofern es sprachlich möglich ist. Hier sitzen vor allem Männer und erklären, wie sie in die Schweiz gekommen sind. «Ich bin seit mehr als 10 Jahren auf der Flucht», erzählt ein 33-jähriger Eritreer, der im Gegensatz zu den meisten seiner Landsleute etwas Englisch spricht. Er arbeitete in Kenia und Südafrika, bevor er nach Europa kam – Boatpeople. Alle erzählen von ihrer teuer bezahlten Flucht von Libyen übers Mittelmeer nach Italien. «Besonders schlimm war aber die Passage durch die Sahara-Wüste», sagt der Eritreer, der davon träumt, mit seiner Ehefrau in Zürich leben zu können.

Zwei Kleinkinder spielen auf einem Teppich, den ein Teppichhändler gespendet hat. Eine Mutter stillt ihr Baby. Im Untergeschoss wird Tischtennis gespielt. Um 17 Uhr macht sich die Gruppe auf den Weg in Richtung Kaserne. Ein junger Mann aus der Ukraine sagt, man sei sehr dankbar für diesen Nachmittag: «Das gibt natürlich etwas Abwechslung.» Ausserhalb dieser institutionellen Treffen sei es nicht leicht, mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Nur ein kleiner Teil, zurzeit rund 25 Asylsuchende, arbeitet in gemeinnützigen Programmen. Einige halfen bei den Reinigungsarbeiten nach dem Hochwasser des Lago Maggiore, andere sind bei der Littering-Bekämpfung in der Gemeinde Losone oder bei der Säuberung des Flussbettes aktiv.

Trotz negativer Stimmen scheint sich ein konstruktives Verhältnis eingespielt zu haben. Zwei Monate nach Eröffnung des Asylzentrums zieht auch das Bundesamt für Flüchtlinge eine positive Bilanz. Die Inbetriebnahme des auf drei Jahre befristeten Zentrums sei planmässig verlaufen, der Austausch habe sich rasch eingespielt, heisst es. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.12.2014, 06:40 Uhr

Asylzentren des Bundes

Die Suche verzögert sich

Anders als geplant sind die Standorte der neuen Asylzentren des Bundes Ende Jahr noch nicht klar.

Eigentlich hätten die Behörden bis Ende Jahr entscheiden wollen, wo neue Bundesasylzentren mit insgesamt mehreren Tausend Plätzen entstehen sollen. Doch der Zeitplan war zu ambitioniert. Gestern teilte das Bundesamt für Migration (BFM) mit, dass die Standortplanung noch nicht fertig sei. Gemäss BFM-Sprecher Martin Reichlin liegt dies daran, dass mehr Standorte als ursprünglich angenommen geprüft wurden. Deshalb seien die baurechtlichen Abklärungen und politischen Meinungsbildungsprozesse noch nicht überall abgeschlossen, sagt Reichlin.

Die Schaffung neuer Bundesasylzentren ist zentral für die von Justizministerin Simonetta Sommaruga geplante Neustrukturierung des Asylwesens. Gemäss BFM wirkt sich die Verzögerung bei der Standortsuche aber nicht auf das Gesamtprojekt aus. Sommarugas Gesetzesvorlage hat den parlamentarischen Prozess noch nicht durchlaufen.

Nach der Revision will der Bund die Mehrheit der Asylsuchenden in den eigenen Zentren unterbringen und nicht mehr auf die Kantone verteilen. Dazu braucht es statt der aktuell 2000 etwa 5000 Plätze. Geplant wird in den sechs Regionen Zürich, Bern, Nordwestschweiz, Westschweiz, Ostschweiz sowie Zentral- und Südschweiz. In jeder Region sollen zwei bis vier Bundeszentren entstehen. Über den Stand der Planung in den einzelnen Regionen gibt Sprecher Reichlin keine Auskunft.

Schweizweit wurden gemäss BFM 94 Standorte für die neuen Asylunterkünfte evaluiert. 28 davon werden nun noch weiterverfolgt. Die Planung sieht neu wie folgt aus: Die sechs Regionen sollen ihr Standortkonzept «im Verlaufe der nächsten Monate» selber bekannt geben. Christian Brönnimann, Bern

(Tages-Anzeiger)

Artikel zum Thema

170 neue Betten für Asylsuchende

Der Bund eröffnet in der Tessiner Gemeinde Losone TI eine temporäre Asylunterkunft. Mit einer eigenen Notfall-Hotline sollen die Befürchtungen der Anwohner beseitigt werden. Mehr...

Asylunterkunft an der Autobahn trotz zu hoher Lärmwerte

Anwohner haben sich gegen eine Container-Siedlung in Zürich-Seebach gewehrt. Das Bundesgericht bestätigt zu hohe Lärmimmissionen, lässt den Bau aber trotzdem zu. Mehr...

Er will die Laaxer Asylunterkunft bodigen

Reto Gurtner holte als Erster die verschmähten Snowboarder in sein Skigebiet und baute ihnen einen Palast. Am meisten Aufsehen erregt er nun aber an einer anderen Front. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Outdoor Warm und trocken durch den Winter

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

Die Welt in Bildern

Umstrittene Staatsoberhäupter: Bewohner von Pyongyang verneigen sich zu Ehren des siebten Todestags des nordkoreanischen Dikdators Kim Il Sung vor seiner Statue und deren seines Nachfolgers Kim Jong Il. (17. Dezember 2018)
(Bild: KIM Won Jin) Mehr...