Neuauflage des Wahlkampfstreits um das Rütli

Die CVP-Sektionen der Zentralschweiz laufen gegen das Projekt einer neuen Nationalhymne Sturm – und eröffnen damit ihren Wahlkampf 2015.

Anlass zur Debatte: Nach der Bundesfeier auf dem Rütli im Jahr 2007 diskutierte die ganze Deutschschweiz über die Bedeutung des Rütli. Foto: Alessandro Della Bella / Keystone

Anlass zur Debatte: Nach der Bundesfeier auf dem Rütli im Jahr 2007 diskutierte die ganze Deutschschweiz über die Bedeutung des Rütli. Foto: Alessandro Della Bella / Keystone

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Das wohl umstrittenste Thema im Wahlkampfjahr 2007 begann mit einem Leserbrief in der Schwyzer Lokalpresse. Darin ärgerte sich der Brunner FDP-Präsident Josef Dettling über die geplante Bundesfeier auf dem Rütli mit Beteiligung von Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey. Er regte an, dass die Gemeinde am 1. August ihren Hafen sperrt und damit Besuchern die Fahrt über den Vierwaldstättersee zur Rütliwiese verwehrt.

Dank Unterstützung der CVP ging der Plan auf. Brunnen schloss für einen Tag seinen Hafen. Nur dank Sonderschiffen aus Luzern konnten Calmy-Rey und die Festbesucher auf dem Rütli ihre Feier mit ausschliesslich Rednerinnen abhalten. Bis es allerdings so weit war, debattierte die ganze Deutschschweiz über die Bedeutung des Rütli ­respektive die Identität der Schweiz. Fast bis zur letzten Minute sah es so aus, als müsse die Feier abgesagt werden.

Für die Mitteparteien FDP und CVP funktionierte die Debatte als Wahlkampflokomotive. Einerseits grenzten sie sich damit von der Linken und deren Bundesrätin Calmy-Rey ab. Andererseits inszenierten sie sich als Hüterinnen des wahren schweizerischen Wesens und wischten der SVP eins aus, die sich davor weit erfolgreicher symbolisch inszeniert hatte. Der damalige SVP-Präsident Ueli Maurer enervierte sich derart, dass er verkündete: «Das Rütli ist nur eine Wiese mit Kuhdreck!»

Der Bundesrat soll eingreifen

Acht Jahre später versuchen die Zentralschweizer Sektionen der CVP eine Neuauflage des symbolträchtigen Streits. Dieses Mal geht es zwar nicht um das Rütli und die Bundesfeier, jedoch um die Nationalhymne, die unmittelbar mit diesen verbunden ist. Mit einer 9-Punkte-Resolution richten sich die CVP Schwyz, Zug, Luzern, Uri, Nid- und Obwalden gegen einen derzeit laufenden Wettbewerb für eine neue Hymne. Der Bundesrat müsse eingreifen, heisst es im gestern publizierten Text, und «sämtliche Aktivitäten» der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) «rund um eine neue Nationalhymne beenden».

Mit der SGG betreibt die CVP mit einer Organisation Wahlkampf, die sonst eher im Hintergrund tätig ist. Die Gesellschaft unter Führung des früheren Jesuiten Lukas Niederberger amtet als Verwalterin des Rütli und organisiert dort die Bundesfeier. Daneben engagiert sie sich für Anliegen wie die Freiwilligenarbeit oder ein besseres Zusammenleben der Generationen.

Derzeit organisiert die SGG den kritisierten Wettbewerb für eine neue Nationalhymne. Eine Jury hat soeben die sieben besten Beiträge nominiert. Ab April kann die Bevölkerung im Internet die Hymnen anhören und abstimmen, welche drei Beiträge anlässlich eines Finals am 12. September 2015 im Schweizer Fernsehen live aufgeführt werden. Später, so die Hoffnung der SGG, sollen Bundesrat und Parlament die Siegerhymne zur neuen Nationalhymne erklären.

Echter Sprengstoff

SGG-Geschäftsleiter Niederberger zeigt sich erstaunt ob des koordinierten Widerstands aus der Innerschweiz. «Bis jetzt ist der Wettbewerb eine reine Privatangelegenheit», sagt er. «Wenn wir den Siegerbeitrag später in Bern vorstellen, können sich der Bundesrat und das Parlament nach ihrem Gutdünken dazu äussern.» Allenfalls könnten sie eine Volksabstimmung durchführen. Der Luzerner CVP-Präsident Pirmin Jung streitet jeden Zusammenhang mit dem Wahlkampfjahr energisch ab.

Welchen wortwörtlichen Sprengstoff Debatten wie die soeben lancierte in sich tragen, zeigt der Ausgang des Rütli-Streits 2007. Damals explodierte kurz nach der Bundesfeier ein Knallkörper auf der Rütliwiese, der Menschen hätte verletzen können. Wer dafür verantwortlich war, ist bis heute unklar.

Erstellt: 30.12.2014, 20:44 Uhr

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