Neuenburg ist die Hauptstadt der Crystal-Meth-Süchtigen

Forscher der Uni Lausanne suchten im Abwasser nach Spuren von verschiedenen Rauschgiften. Der überraschendste Befund: Nirgends wird mehr Crystal Meth konsumiert als in Neuenburg.

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Die Schweizer konsumieren jährlich Kokain im Wert von rund 650 Millionen Franken. Das lässt sich von einer Studie ableiten, über die «Le Temps» berichtete. Forscher des Kriminalwissenschaftlichen Instituts der Universität Lausanne haben im Abwasser von Schweizer Städten nach Spuren von Benzoylecgonin, dem Hauptbestandteil des weissen Rauschmittels, gesucht. Und sie wurden fündig: Hochgerechnet werden laut der Studie in der Schweiz jeden Tag 22 Kilogramm Kokain konsumiert.

Die Hauptstadt des Kokains ist Zürich. Das Abwasser der grössten Schweizer Stadt enthält pro 1000 Einwohner und Tag 600 Milligramm Benzoylecgonin, in Basel oder Genf sind es je rund 450 Milligramm. Dieser Befund bestätigt frühere Untersuchungen. Letztes Jahr stellte die Eawag fest, dass in Zürich von allen Schweizer Städten am meisten Kokain konsumiert wird, täglich rund 1,6 Kilogramm. Damit lag Zürich hinter Antwerpen (Belgien) und Amsterdam (Niederlande) auf Platz drei der Kokser-Städte Europas.

Die Forscher suchten ausserdem nach Amphetamin, Cannabis, Heroin, Methamphetamin und MDMA (Ecstasy). Und fast überall zeigt sich ein ähnliches Bild wie beim Kokain. Auch Ecstasy wird in Zürich am intensivsten geschluckt. Allerdings fällt auf, dass die Droge in der Ostschweiz vergleichsweise beliebter ist als Kokain. MDMA-Marker tauchten im St. Galler Abwasser am zweithäufigsten auf, wo alle anderen Drogen unterdurchschnittlich häufig festgestellt wurden.

Der wohl überraschendste Befund: Die Hochburg des Crystal Meth liegt nicht in Zürich, sondern in der Westschweiz. Nirgends wird mehr Methamphetamin konsumiert als in Neuenburg. Zürich liegt auf Rang 2. Basierend auf der Analyse schätzen die Neuenburger Behörden, dass in der 35'000-Einwohner-Stadt 200 bis 300 Konsumenten leben. Crystal Meth – spätestens seit der Fernsehserie «Breaking Bad» einer breiten Öffentlichkeit bekannt – wird synthetisch hergestellt und erzeugt sehr rasch eine starke Abhängigkeit und ruiniert die Gesundheit der Konsumenten in Kürze.

Die Forscher nahmen die Proben im März 2014 an sieben aufeinanderfolgenden Tagen. Dadurch gibt die Studie auch Aufschluss darüber, wann die verschiedenen Drogen konsumiert werden. Ecstasy ist die Partydroge schlechthin, am Sonntag fanden die Forscher siebenmal so viele Marker im Abwasser wie am Donnerstag. Auch Kokain und Amphetamin (Speed) wird am Wochenende leicht häufiger konsumiert als unter der Woche, allerdings zeigt der zeitliche Verlauf, dass viele Süchtige die Drogen auch täglich konsumieren. Die Substanzen, die gravierende Abhängigkeiten verursachen, werden von Freizeitkonsumenten offenbar gemieden. Crystal Meth und Heroin werden an sieben Tagen der Woche in einem vergleichbaren Ausmass konsumiert.

Die Abwasseranalysen erlauben, viel schneller und häufiger zu vergleichbaren Daten zu kommen als mit bisherigen Drogenmonitorings. Dadurch lassen sich Trends oder neu auftauchende Substanzen rascher erkennen. Rückschlüsse auf die tatsächliche Anzahl von Konsumierenden sind jedoch nicht zuverlässig. Ebenso geben die Daten keinen Aufschluss über Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status der Drogenkonsumenten. Doch für den Co-Autor der Studie, Pierre Esseiva, gibt es trotzdem gute Gründe, die Studie weiterzuführen: «Auf lange Sicht kann diese Methode ermöglichen, die Auswirkungen der Präventionspolitik zu überprüfen», sagt er zur «Le Temps».

Link (fxs)

Erstellt: 06.10.2015, 11:22 Uhr

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