Hintergrund

Parteien entdecken Senioren als Wahlhelfer

Die SP hat als dritte Partei eine schweizerische Seniorensektion gegründet. Dies gilt als Investition in die Zukunft: Bei den Solothurner Regierungsratswahlen etwa agierte die CVP 60+ als Wahlhelferin.

Senioren wurden als Wähler jahrelang vernachlässigt: Parteiversammlung der CVP 60+ in Bern.

Senioren wurden als Wähler jahrelang vernachlässigt: Parteiversammlung der CVP 60+ in Bern. Bild: CVP Schweiz

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Jahrzehntelang haben die Parteien in der Schweiz versucht, junge Menschen als Wähler und Mitglieder zu gewinnen. Mit mässigem Erfolg. Gerade mal 2,9 Prozent der 18- bis 39-Jährigen gaben bei den Befragungen für den Sozialbericht 2012 an, Mitglied einer Partei zu sein. Auch die Wahlbeteiligung ist tief bei den Jungen: Zum Beispiel an der Abstimmung über das Tierseuchengesetz Ende November beteiligten sich gemäss einer Umfrage des Forschungsinstituts GFS Bern 17,6 Prozent der 18- bis 39-Jährigen. Ganz anders sieht es bei den über 60-Jährigen aus: Dort ist jede zehnte Person Mitglied einer Partei – mehr als in jeder anderen Altersgruppe. Und über das Tierseuchengesetz stimmten immerhin 39,4 Prozent der über 60-Jährigen ab. Weil die Menschen in der Schweiz immer älter werden, nimmt die Gruppe der Senioren weiter zu.

Nun haben auch die Schweizer Parteien das Potenzial der Senioren entdeckt. Die SP Schweiz gründete unter dem Label 60+ unlängst eine eigene Seniorenabteilung. Nach der SVP und CVP ist dies die dritte gesamtschweizerische Seniorensektion einer grossen Partei. Die FDP hat keine schweizerische, jedoch acht kantonale Seniorengruppierungen. Das Einbinden der Pensionierten erfolgt nicht nur uneigennützig: Die SP 60+ brauche es auch darum, weil die SP dadurch das Engagement der älteren Genossen wirkungsvoller nutzen könne, schreibt die SP auf ihrer Internetseite. Die Leute über 60 brächten viel Erfahrung mit und seien motiviert, sich für die Partei einzusetzen, sagt SP-Co-Generalsekretärin Flavia Wasserfallen. Zum Beispiel für Unterschriftensammlungen oder Abstimmungskämpfe: Die beiden Initiativen «AHV plus» und «Für eine öffentliche Krankenkasse» beträfen die Senioren selber stark, sagt Wasserfallen. Das Interesse an der neuen SP 60+ scheint gross: Seit der Gründung vor sechs Monaten haben sich über 1000 Personen angemeldet. Die meisten waren bereits Mitglied einer SP-Sektion.

Wahl trotz schwieriger Ausgangslage

Wie sich mit der Hilfe von Senioren Wahlen gewinnen lassen, haben Mitte April die Regierungsratswahlen im Kanton Solothurn gezeigt. Die Mitglieder der Solothurner CVP 60+ klebten Plakate, schrieben Leserbriefe, verschickten Wahlwerbung per Post und E-Mail oder suchten in den Dörfern das direkte Gespräch mit den Leuten, wie der Solothurner CVP-60+-Präsident Peter Henzi sagt. Mindestens 20 Personen seien im Einsatz gewesen. Ehemalige Spitzenpolitiker berieten zudem die zwei CVP-Kandidaten im Rahmen von Coachings. Trotz schwieriger Ausgangslage nach dem ersten Wahlgang schafften beide Politiker die Wahl. Die CVP 60+ habe mitgeholfen, die Wahlen zu gewinnen, lobte die Mutterpartei ihre Senioren darauf in einer Medienmitteilung.

Die Christlichdemokraten profitierten nicht zum ersten Mal von ihren älteren Mitgliedern: Auch beim Unterschriftensammeln für die beiden mittlerweile eingereichten Familieninitiativen engagierten sich diese stark, wie bei mehreren Kantonalparteien zu erfahren ist. «Das Engagement der Senioren war matchentscheidend», sagt CVP-60+-Präsident Norbert Hochreutener. Zahlen zur Unterschriftensammlung sind allerdings nicht erhältlich. «Die Senioren sind als Wahlkampfhelfer nicht zu unterschätzen», sagt auch Kaspar Voellmy, der bei der SVP für die Schweizer Dachorganisation der SVP Senioren zuständig ist. Ältere Leute seien oft viel besser verankert in ihren Wohnorten und würden viele Leute kennen.

Kampagnenberater raten den Parteien schon länger, ihre Senioren in die Wahlkämpfe miteinzubeziehen. Die Parteien hätten das Potenzial der Generation 60+ lange Zeit sträflich vernachlässigt, sagen Politikberater Louis Perron und Mark Balsiger. Sie halten die 60+-Abteilungen der Parteien für ein gutes Instrument, um die älteren Leute in der Politik zu halten. «Kümmert sich eine Partei um ihre Senioren, investiert sie damit in die Zukunft», sagt Perron. Denn je weiter die Alterung der Gesellschaft fortschreite, desto mehr wachse auch das Wählersegment der Senioren.

Rebellische Zeitgenossen

Ältere Menschen seien aber nicht bloss dankbare Ressourcen für Fronarbeit und Wählersegmente, sondern brauchten auch viel Betreuung, sagt Balsiger. Die Parteien organisieren regelmässig gesamtschweizerische und kantonale Versammlungen für die Senioren. Dazu gehören auch Unterhaltung, Vorträge oder Firmenrundgänge. Teilnehmerzahlen von 200 Personen seien keine Seltenheit, heisst es bei der SVP und CVP. Mit der Pensionierung fühlten sich viele Leute von der Gesellschaft abgehängt, sagt Alt-Nationalrat Hochreutener. Da freue man sich umso mehr über die Einladung an einen Parteianlass. Über anstrengende und unbequeme Senioren, die die Parteisekretariate mit Beschwerden und Anfragen auf Trab halten, spricht man in den Parteizentralen nur hinter vorgehaltener Hand. Generationenforscher François Höpflinger sagt dazu: Im Gegensatz zur eher pragmatischen Jugend seien die Senioren rebellische Zeitgenossen. Dies zeige sich etwa an den vielen Leser- und Reklamationsbriefeschreibern über 60 Jahre.

Erstellt: 08.05.2013, 07:03 Uhr

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