Hintergrund

Plötzlich fehlt der Lohn

Der Fall von Kevin Hafner hat die Westschweiz bewegt. Und er beschäftigt nun auch das eidgenössische Parlament.

«Man muss das Gesetz ändern.»: Kevin und sein Vater Marc Hafner im Februar 2012 zu Hause in Le Bouveret VS.

«Man muss das Gesetz ändern.»: Kevin und sein Vater Marc Hafner im Februar 2012 zu Hause in Le Bouveret VS. Bild: Chantal Dervey («24 Heures»)

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Was Kevin passiert ist, kann allen passieren, die in ihrer Jugend einen Unfall hatten. Beim damals 15-Jährigen war es ein Sturz mit dem Mountainbike. Dabei hatte er sich die rechte Schulter ausgerenkt. Jahre später – während der Lehre als Automechaniker – erlitt Kevin einen Rückfall und musste erneut operiert werden. In der Folge fehlte er mehrere Monate am Arbeitsplatz und erlebte eine grosse Überraschung: Sein Lohnausfall war nicht versichert.

Wäre Kevin erst als Lehrling gestürzt und nicht bereits während der Schulzeit, hätte er es besser. Dann käme die Unfallversicherung für einen Grossteil des Lohnausfalls auf. Doch weil der Vorfall auf einen Unfall vor dem Berufseintritt zurückzuführen ist, zahlt die Unfallversicherung nicht. So will es das Gesetz. Dessen Logik: Kevin unterstand zum Zeitpunkt des Sturzes noch nicht dem Unfallversicherungsgesetz (UVG), folglich gilt dieses auch nicht für die Folgen des Sturzes. Vielmehr muss die Krankenkasse für die Kosten der erneuten Operation aufkommen – nicht aber für den Lohnausfall.

«Man muss das Gesetz ändern»

Während vier Monaten hat der heute 21-jährige Kevin keinen Lohn erhalten. Das ist für ihn nicht existenzbedrohend, da er noch bei den Eltern wohnt. Was aber ist, wenn er eine eigene Familie zu ernähren hat und dann einen weiteren Rückfall erleidet? Und was ist mit anderen ähnlich gelagerten Fällen? Die Suva zahlt laut eigenen Angaben in 50 bis 100 Fällen pro Jahr nicht, da es sich um Folgewirkungen eines Unfalls vor Berufseintritt handelt (bei total über 400'000 Unfällen).

Für Kevins Vater Marc ist daher klar: «Man muss das Gesetz ändern.» Man dürfe doch niemanden dafür bestrafen, dass er zu früh verunfallt sei. «Das ist diskriminierend», empört sich Marc Hafner. Auch mehrere Politiker sind aktiv geworden, nachdem vor zwei Jahren die Fernsehsendung «A bon entendeur» (das welsche Pendant zum «Kassensturz») über Kevin berichtet hatte.

CVP-Präsident Christophe Darbellay will per Motion dafür sorgen, dass künftig auch bei derartigen Rückfällen der Lohnausfall versichert ist. Der Walliser spricht von einer Gesetzeslücke, die es zu schliessen gelte. Man könne doch nicht die Jugendlichen zu mehr Sport animieren und sie dann im Stich lassen, wenn ein Sportunfall Spätfolgen habe. «Dieser Zustand ist unhaltbar, insbesondere wenn die verletzte Person mit ihrem Erwerbseinkommen eine Familie ernähren soll», so Darbellay. Es gehe nicht an, dass die Gefahr des Lohnausfalls wie ein Damoklesschwert über dem Kopf der Betroffenen schwebe.

Bundesrat sieht keinen Handlungsbedarf

Der Bundesrat sieht allerdings keinen Handlungsbedarf. Zwar spricht auch er von einer Lücke, will diese aber nicht selbst schliessen. Denn er hält die damit verbundenen Kosten für «nicht verantwortbar». Die Arbeitgeber könnten stattdessen auf freiwilliger Basis Taggeld- Kollektivversicherungen abschliessen. Für obligatorisch will er diese jedoch nicht erklären – aus Kostengründen.

Darbellay entgegnet, es gehe nicht um viel Geld. Für die wenigen Betroffenen habe die heutige Gesetzeslücke aber gravierende Folgen. Mit dieser Argumentation setzte er sich im Nationalrat durch. Die grosse Kammer hiess seine Motion im September mit 93 zu 87 Stimmen gut. Nun ist der Ständerat an der Reihe. Voraussichtlich heute Freitag diskutiert die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK), danach das Plenum. Stimmt die kleine Kammer wie der Nationalrat zu, muss der Bundesrat die Lücke schliessen.

Sozialminister Alain Berset hätte damit wohl keine grosse Mühe. Die Landesregierung hatte das Nein zur Motion noch vor seiner Wahl in den Bundesrat beschlossen. Nun muss der Sozialdemokrat die ablehnende Haltung vertreten. Im Nationalrat hat er sich aber schon einmal bereit erklärt, das Problem auch bei einem Nein genauer anzusehen.

Erstellt: 10.01.2014, 09:12 Uhr

Christophe Darbellay.
(Bild: Keystone )

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