Psychostress beim Job: Greift der Arzt zu rasch zum Stift?

Absenzen bei der Arbeit aus psychischen Gründen werden häufiger. Oft kommt prompt das Arztzeugnis. Zu schnell, ertönt nun die Kritik.

Längere Absenzen am Arbeitsplatz stehen häufig am Anfang einer späteren IV-Rente. Foto: Mauritius Images

Längere Absenzen am Arbeitsplatz stehen häufig am Anfang einer späteren IV-Rente. Foto: Mauritius Images

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Im Jahr 2012 fehlten die Arbeitnehmenden in der Schweiz aus gesundheitlichen Gründen während 182 Millionen Stunden am Arbeitsplatz. Für rund 70 Prozent dieser Absenzen war der Grund eine Krankheit. Zunehmend werden Arbeitnehmende mit psychischen Diagnosen krankgeschrieben, meistens wegen Depressionen. Diesen Trend bestätigen mehrere grosse Taggeldversicherungen. Helsana, eine der Grossen im Taggeldgeschäft, verzeichnete zwischen 2009 und 2012 eine jährliche Zunahme der psychisch begründeten Krankschreibungen um 8 bis 10 Prozent. 2009 betrug bei Helsana der Anteil der Taggeldleistungen wegen psychischer Diagnose noch 16 Prozent, mittlerweile liegt er bei 20 Prozent. Bei der CSS beträgt der Anteil über den Zeitraum von 2002 bis 2012 rund 25 Prozent.

Ebenfalls eine stetige Zunahme der Taggeldzahlungen aus psychischen Gründen meldet Swica, mit einem jährlichen Prämienvolumen von 560 Millionen Franken die grösste Krankentaggeldversicherung. Fast immer werde als psychisches Leiden eine Depression angeführt, sagt Swica-Sprecherin Silvia Schnidrig. 2011 erfolgten bei Swica 10,3 Prozent der Taggeldzahlungen wegen dieser Diagnose, 2012 waren es 12,2 und 2013 bereits 12,7 Prozent.

Oft kontraproduktiv

Dass in der Schweiz Arbeitnehmer zunehmend aus psychischen Gründen krankgeschrieben werden, stellte vor einigen Monaten auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einem Bericht fest. Niklas Baer, der am OECD-Bericht beteiligt war, beobachtet diese Krankschreibungen seit längerer Zeit mit Sorge. Denn längere Absenzen am Arbeitsplatz aus psychischen Gründen stünden häufig am Anfang einer späteren IV-Rente, sagt der Leiter der Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation der Psychiatrie Baselland.

Oft versteckten sich hinter der psychiatrischen Diagnose Probleme am Arbeitsplatz. «Häufig wird aus Konflikten heraus krankgeschrieben, statt dass der Arzt den Kontakt zum Arbeitgeber sucht und vermittelt. Ärzte schreiben ihre Patienten zu lang und zu undifferenziert krank», kritisiert Baer. In diesen Fällen sei die Krankschreibung kontraproduktiv. «Denn die Angst des Betroffenen, an den Arbeitsplatz zurückzukehren, wird mit der Dauer der Absenz immer grösser.» Zudem stiegen der Ärger im Team und die Wahrscheinlichkeit, dass der Arbeitgeber kündige. Stattdessen sollten alle Beteiligten versuchen, die Betroffenen am Arbeitsplatz zu behalten, allenfalls mit anderen Aufgaben oder temporärer Entlastung.

Weil krankheitsbedingte Arbeitsabsenzen vielfach eine Invalidisierung einleiten, wurde Ärzten, Arbeitgebern oder Versicherungen das Recht zur Frühmeldung solcher Fälle an die Invalidenversicherung (IV) eingeräumt. Rund 25 Prozent der jährlich über 11 000 Frühmeldungen an die IV erfolgen durch die Taggeldversicherer. Gemessen an der Zahl der Krankschreibungen könnten es allerdings mehr sein. Drei angefragte Taggeldversicherer gaben denn auch an, dass sie in der Frühphase lieber selber beim Arbeitgeber intervenieren, statt dies der IV zu überlassen. «Die Versicherer kennen in der Regel die Arbeitgeber bereits, weil das ihre Kunden sind», sagt Patrick Weibel, Direktionsmitglied der CSS. «Die IV ist meistens zu weit weg von den Fällen und unternimmt bei Meldungen in einer Frühphase nicht viel.»

Eine andere Versicherung begründet die Zurückhaltung bei der Frühmeldung an die IV damit, dass sie die eigenen Case-Manager für kompetenter halte. Die Taggeldversicherer melden Krankheitsfälle meist erst nach vier bis fünf Monaten der IV. Alle Versicherungen betonen, dass sie die Zunahme der Taggeldbezüge nicht einfach hinnähmen. Helsana verweist etwa darauf, dass sie den Unternehmen ein betriebliches Gesundheitsmanagement anbiete.

Die Ärzte wehren sich gegen den Vorwurf, leichtfertig Zeugnisse auszustellen. «Wir befinden uns in einem Spannungsfeld zwischen ärztlicher Tätigkeit, den Erwartungen des Patienten, des Arbeitgebers und der Sozialversicherungen», sagt Peter Wiedersheim, Rheumatologe und Präsident der St. Galler Ärztegesellschaft. Diese reagierte auf die Kritik an Arztzeugnissen mit einem runden Tisch mit allen Beteiligten. Aus der Zusammenarbeit resultierte ein neues Arztzeugnis, das sich zunehmend in der ganzen Schweiz durchsetzt.

Milliarden an Sparpotenzial

Auf dem Zeugnis wird mit dem Einverständnis des Patienten vermerkt, ob der Arzt eine Rücksprache mit dem Arbeitgeber wünscht. Damit werde diesem die Kontaktaufnahme mit dem Arzt erleichtert und Misstrauen abgebaut, sagt Wiedersheim. Falls der Arbeitgeber genauere Angaben über die Gründe der Absenz wünscht, kann er ein detailliertes Zeugnis verlangen. In einem Pilotversuch im Kanton St. Gallen seien mit dem neuen Zeugnis sowie einem Präsenz- und Gesundheitsmanagement in den Betrieben die krankheitsbedingten Fehlzeiten um über 30 Prozent reduziert worden. Bei gesamtschweizerisch rund 200 Millionen ausgefallenen Arbeitsstunden ergebe sich ein Sparpotenzial von mehreren Milliarden Franken.

Für Baer belegt der erhebliche Rückgang der Fehlzeiten im Pilotversuch, dass vielfach unnötig oder zu lange krankgeschrieben wird. Allerdings genügten das neue Arbeitszeugnis und ein Gesundheitsmanagement nicht. Wie etwa in Schweden müssten in der Schweiz Richtlinien erarbeitet werden, die den Ärzten Kriterien vorgeben würden, bei welchen psychischen Problemsituationen am Arbeitsplatz Krankschreiben angezeigt und wann andere Massnahmen nützlicher seien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2014, 23:59 Uhr

Taggeldversicherungen
Kein Obligatorium bei Krankheit

Taggeldversicherungen decken den Lohnausfall bei Krankheit und Unfall ab. Anders als bei Unfällen ist eine Versicherung bei Krankheit nicht obligatorisch. Krankentaggeldversicherungen unterstehen meist dem Privatversicherungsrecht: Versicherungen können die Aufnahme je nach Gesundheitszustand verweigern und Prämien risikogerecht festsetzen. Firmen, die einem Gesamtarbeitsvertrag angehören, schliessen meist eine Kollektivversicherung ab, bei der keine Gesundheitsprüfung nötig ist. Gesetzlich festgelegt ist die Lohnfortzahlungspflicht der Arbeitgeber im Krankheitsfall. Diese hängt von den Dienstjahren ab und reicht von 3 Wochen (1. Dienstjahr) bis zu 46 Wochen (Zürcher Skala) oder 24 Wochen (Berner Skala). Taggeldversicherungen zahlen meist unabhängig von Dienstjahren zwei Jahre lang. (br)

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