Hintergrund

Schulhausverbot wegen Fussballspiels

Der Gemeindepräsident von Oensingen hat drei Schülern das Betreten des Schulhausareals untersagt, weil sie abends auf dem Sportplatz Fussball spielten.

Fussball löst eine kleine politische Krise aus: Schulanlage Oberdorf in Oensingen SO. Screenshot: Google Maps.

Fussball löst eine kleine politische Krise aus: Schulanlage Oberdorf in Oensingen SO. Screenshot: Google Maps.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich wollten sie doch nur Fussball spielen. Doch was die drei Jungen im Alter von zehn und elf Jahren auslösten, als sie vergangenen Samstag über den Zaun des Turn- und Spielplatzes des Primarschulhauses Oberdorf in Oensingen kletterten, ist eine kleine politische Krise. Anwohner des Platzes ist nämlich Gemeindepräsident Markus Flury. Dieser rief die Polizei, nach «mehreren Verwarnungen», wie er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagte. Der Vater von D.* – einer der betroffenen Buben – sagt, er als Erziehungsberechtigter sei nicht informiert worden.

Willen der Anwohnerinnen und Anwohner

Am Dienstag darauf erhielten die Eltern der Fussball spielenden Jungen einen geharnischten Brief des Gemeindepräsidenten. Die Buben hätten sich «unter Missachtung der vorhandenen Einfriedung» Zugang zum Areal verschafft. Ein richterliches Verbot verbiete die Nutzung des Platzes ausserhalb der Nutzungszeiten. Dieses beruhe auf einem Gemeinderatsbeschluss des Jahres 2005 und entspreche dem Willen der «Anwohnerinnen und Anwohner des Turn- und Spielplatzes», also auch des Gemeindepräsidenten selbst. Im Sinne einer «erzieherischen Massnahme» spricht der Gemeindepräsident im Brief zudem ein «umgehend in Kraft tretendes Schulhaus- und Schularealverbot» aus. «Das bedeutet, dass sich D. grundsätzlich nicht mehr auf dem Gelände des Schulhauses Oberdorf und dem Turn- und Sportplatz aufhalten darf», wie es im Brief heisst. Dies ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil der Junge in genau diesem Schulhaus zur Schule geht. Die anderen betroffenen Jungen, die andere Schulhäuser besuchen, dürften demnach nicht mehr in die Jugendriege und ins Wintertraining des Fussballclubs. Auch künftige Mitgliedschaften bei in diesen Turnhallen trainierenden Sportvereinen wären somit juristisch ausgeschlossen.

Auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet verteidigt der Gemeindepräsident sein Vorgehen und relativiert das im Brief ausgesprochene Rayonverbot. «Natürlich bedeutet das nicht, dass der Junge die Schule nicht mehr besuchen darf.» Flury macht sich vor allem Sorgen, dass die Einwohnergemeinde haften würde, «falls auf dem Sportplatz etwas passiert». Am fraglichen Samstag habe er die Jungen verwarnt, diese seien davongelaufen mit einem «Läck mer doch»-Gesicht. Darauf hätten sie einfach auf einem von ihm nicht einsehbaren Teil des Platzes weitergespielt.

Kein Polizeistaat

Ganz anders sieht es einer der betroffenen Väter. Am fraglichen Samstagabend habe sich sein Junge gegen 18 Uhr endlich für einmal vom Computer losgerissen, um mit seinen Freunden Fussball zu spielen. Um 20.30 Uhr meldete sich dann die Polizei beim Vater und informierte ihn über die Ereignisse. Vom Gemeindepräsidenten habe er bis dahin nichts gehört, so der Vater. Am folgenden Dienstag schliesslich kam zum Erstaunen des Vaters der Brief des Gemeindepräsidenten mit dem Rayonverbot. «Niemand hat zuvor mit mir das Gespräch gesucht, Abmahnungen gab es auch keine.» Verwirrt war er auch, da das Verbot faktisch bedeutet hätte, dass die Buben auch die Schule, respektive die Sportvereine nicht mehr hätten besuchen dürfen. So behielt die Familie den Bub zunächst zu Hause, bis man bei der Schule abgeklärt hatte, dass der Junge die Schule noch besuchen darf. Empört ist der Vater auch, weil der fragliche Spiel- und Sportplatz während der Schulzeit nicht benutzt werden dürfe, und auch ausserhalb der Schulzeit mehrheitlich gesperrt sei: «Wo bitte sollen die Jungen denn noch spielen dürfen, wenn überall richterliche Verbote hängen?»

Davon will Flury aber nichts wissen. «Ich will keinen Polizeistaat, aber Ordnung muss sein», meint der Gemeindepräsident. Er habe keineswegs etwas gegen Junge, unterstütze auch Jugendförderung, aber so etwas gehe nun mal nicht von heute auf morgen. Er erwarte zudem ein «gewisses Mass an Toleranz», allerdings nicht den spielenden Kindern gegenüber, sondern «gegenüber fremdem Eigentum». Gegen einen der betroffenen Väter, der die Sache publik gemacht hat, will er jetzt Strafanzeige wegen Verleumdung einreichen. Denn dieser habe den Brief auf Facebook veröffentlicht und in einem Kommentar dazu auch noch Urkundenfälschung moniert. Damit habe er der Gemeinde einen «riesigen Imageschaden» zugefügt.

Auch ein Politiker aus Bern habe sich bei ihm gemeldet, aber dem habe er ins Gesicht gelacht. «Bei mir gibt es keine Reithalle und keinen rechtsfreien Raum», sagt Flury. Und auch keine Kinder, die ausserhalb der festgelegten Zeiten Fussball spielen.

*Name der Redaktion bekannt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.06.2013, 11:47 Uhr

Auf Bild klicken: Der Brief des Gemeindepräsidenten.

Artikel zum Thema

Holt die Kinder aus dem goldenen Käfig!

Mamablog Mamablog Ein Schulhaus unter Denkmalschutz verbietet das Spielen. Gedanken zu einer Grenze, wo mehr als der Spass aufhört. Zum Blog

Das teuerste Schulhaus von Zürich

Es gibt Streit um die Anlage Blumenfeld in Zürich-Affoltern, die zum teuersten Schulhaus der Stadt wird. Politiker führen dies auf übertriebene Standards für Neubauten zurück: «Jede Schublade wird normiert.» Mehr...

Brand in Berner Schulhaus geht glimpflich aus

Stadt Bern In einem Klassenzimmer des Schulhauses Gäbelbach in Bern-Bethlehem ist aus noch ungeklärten Gründen ein Brand ausgebrochen. Verletzt wurde niemand, die Schule bleibt aber bis auf weiteres geschlossen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Sonnenbaden mit gummigem Halsband: Dieses Krokodil trägt schon seit zwei Jahren einen Pneu um den Hals.
(Bild: Antara Foto/Mohamad Hamzah/ via REUTERS) Mehr...