Hintergrund

Schweizer Bauern weniger öko als gedacht

Ob Düngung oder Einsatz von Pflanzenschutzmittel – deutsche, österreichische und französische Landwirte schneiden laut einer Studie besser als die hiesigen ab. Bauernpräsident Markus Ritter widerspricht.

Beim Tierschutz besser, bei vielen anderen Punkten schlechter als die Berufsgenossen im benachbarten Ausland: Schweizer Bauer im Kuhstall.

Beim Tierschutz besser, bei vielen anderen Punkten schlechter als die Berufsgenossen im benachbarten Ausland: Schweizer Bauer im Kuhstall. Bild: Keystone

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«Die Schweizer Produktion ist ökologischer als im Ausland.» In einer Demoscope-Umfrage von letztem Jahr war dies eine der meistgenannten Begründungen, weshalb Gemüse, Fleisch oder Milch von einheimischen Bauern bevorzugt würden. Noch deutlich öfter bekamen die Meinungsforscher zu hören, die Schweizer Produktion achte «besser auf Tierwohl und artgerechte Haltung». Der Ruf, den die hiesige Landwirtschaft geniesst, ist offenkundig exzellent. Zu verdanken hat sie ihn nicht nur ihren Produkten, sondern auch einer sorgfältigen und aufwendigen Imagepflege: Laut einem Bericht des «SonntagsBlicks» gaben die landwirtschaftlichen Verbände allein im Jahr 2011 insgesamt 110 Millionen Franken für Werbetätigkeiten aus.

Ernüchternde Erkenntnisse

Das auf Hochglanz polierte Branchenbild könnte nun durch eine neue Studie, die das Bundesamt für Landwirtschaft unlängst publizierte, eine gewisse Trübung erfahren. Die Forscher des Büros Agrofutura, welche die Umweltfreundlichkeit des Agrarbetriebs einem internationalen Vergleich unterzogen haben, kommen in verschiedenen Bereichen zu einem ernüchternden Fazit:

Düngung: Schweizer Bauern scheinen die Böden keineswegs besonders schonend zu düngen. Laut den Statistiken der Studie sind die Stickstoff- und Phosphorüberschüsse mindestens gleich hoch, tendenziell sogar etwas höher als in Österreich, Deutschland und Frankreich. Von den Vergleichsregionen schneiden nur die Niederlande wesentlich schlechter ab.
Pflanzenschutzmittel: Schweizer Bauern gehen im internationalen Vergleich durchaus grosszügig mit Fungiziden und Herbiziden um. Die ermittelten Verkaufszahlen, soweit vergleichbar, lassen gar auf eine etwas intensivere Nutzung als in Deutschland, Österreich und Frankreich schliessen. In der Studie werden verschiedene mögliche Erklärungen dafür aufgeführt, etwa das ungünstige, feuchte Klima hierzulande. Den höchsten Chemieverbrauch verzeichnen die Niederlande.
Grundwasser: Gemäss Messproben ist das Grundwasser in der Schweiz eher stärker mit Pflanzenschutzmitteln verschmutzt als in den übrigen untersuchten Ländern – und dies trotz der hierzulande eher geringen Bedeutung des Ackerbaus. Besser steht die Schweiz bei der Nitratbelastung da. Insgesamt aber erlauben die verfügbaren Daten laut der Studie «nicht den Schluss, dass sich die Schweiz positiv von den Vergleichsregionen abhebt».
Luftreinhaltung: Gemessen an der landwirtschaftlichen Nutzfläche wird in der Schweiz offenbar mehr Methan produziert als in Deutschland, Österreich und Frankreich. Den Grund verorten die Studienautoren bei der hohen Viehdichte in der Schweiz. Die schlechtesten Werte werden wiederum in den Niederlanden gemessen.
Tierschutz: Wenn es um das Wohl der Kühe, Schweine, Hühner und übrigen Nutztiere geht, kommt der Schweiz gemäss Studie tatsächlich eine «internationale Vorreiterrolle» zu. Die Vorschriften seien insgesamt klar strenger als in den umliegenden Ländern. Der Vollzug dieser Gesetze stellt aber offenbar eine beachtliche Herausforderung dar. Zwischen den Kantonen gebe es hier grosse Unterschiede. Und die für das Tierwohl «vermutete Spitzenposition» der Schweiz lasse sich «nicht ohne weiteres mit Zahlen belegen», da zu viele Daten fehlten.

Die Quellenlage bereitete den Agrofutura-Forschern ohnehin Probleme: In sehr vielen Bereichen sind Vergleiche demnach unmöglich oder unzulässig, sei es wegen Datenmangels, sei es wegen unterschiedlicher Methoden bei der Datenerhebung. Mit Länderranglisten halten sich die Autoren zurück. Stattdessen listen sie zuhanden der agrarpolitischen Entscheidungsträger eine lange Reihe von Empfehlungen auf. Diese laufen in der Tendenz auf griffigere Umweltvorschriften und bessere Kontrollen des Vollzugs hinaus.

Bauernpräsident widerspricht

Im Bundesamt für Landwirtschaft nimmt man die Untersuchung als Diskussionsbeitrag zur Kenntnis.

Irritiert über die Ergebnisse zeigt sich Markus Ritter, CVP-Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Bauernverbands. Er ist überzeugt, dass seine Schützlinge ihren guten Ruf zu Recht geniessen. «Mir wird im Ausland immer wieder bestätigt, dass wir sowohl beim Umweltschutz als auch beim Tierschutz den europäischen Ländern um zehn Jahre voraus sind. Das gilt für die Vorschriften, aber auch für den Vollzug», betont Ritter. In der EU gebe es derzeit Bestrebungen, das ökologische Niveau der Landwirtschaft jenem in der Schweiz anzugleichen. «Aber es stimmt, dass unser Vorsprung in Zahlen schwer zu messen ist», so Ritter – «vor allem weil die Datenlage im Ausland schlecht ist.»

Wenn es um das Wohl der Kühe geht, kommt der Schweiz gemäss Studie eine «internationale Vorreiterrolle» zu. Kühe auf einer Alp in Graubünden. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Erstellt: 07.05.2013, 09:02 Uhr

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