Schweizer Ermittler auf Bärenjagd mit Russen

Wegen eines Jagdausflugs hat der ehemalige Bundespolizist Viktor K. ein Verfahren am Hals. Jetzt wehrt sich der Russlandspezialist.

Tatort Kamtschatka? Auf der grössten Halbinsel Ostasiens soll der Schweizer Viktor K. Bären gejagt und Fische gefangen haben. Foto: Yuri Smityuk (Getty Images)

Tatort Kamtschatka? Auf der grössten Halbinsel Ostasiens soll der Schweizer Viktor K. Bären gejagt und Fische gefangen haben. Foto: Yuri Smityuk (Getty Images)

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Eines Morgens Mitte Februar 2017 stand ein Dutzend Kantonspolizisten im Büro von Viktor K. (Name geändert) bei der Bundeskriminalpolizei in Bern und führte ihn ab. Damit endeten die mehr als zwei Jahrzehnte des Russland-­Experten bei Fedpol. Sein Arbeitgeber erhob in einer Anzeige Korruptionsvorwürfe gegen den verdienten Verbrechensbekämpfer. K. wurde verhört und entlassen. Nun ist der 59-jährige Familienvater arbeitslos.

«Das Strafverfahren hat meinem Mandanten praktisch alles genommen: Arbeit, Karriere, Selbstvertrauen», sagt Anwalt Dominic Nellen. Er macht der Bundesanwaltschaft schwere Vorwürfe: «Dass diejenige Behörde, für die er jahrelang selber mit viel Herzblut tätig war, nun sein Leben weitgehend zerstört hat, kommt für meinen Mandanten einem Dolchstich in den Rücken gleich.» Die Bundesanwaltschaft wollte sich zur Kritik nicht äussern – wegen des laufenden Verfahrens.

Nicht verloren hat K. seinen Willen, um seine Existenz und Rehabilitation zu kämpfen. Jüngst konnte er einen Erfolg verbuchen. Die Bundesanwaltschaft hat sein Verfahren eingestellt, die ursprünglichen Vorwürfe wie Bestechung sind in sich zusammengefallen. K. wird für seine Verteidigung mit rund 14'000 Franken entschädigt. Darüber freuen kann er sich nicht, denn es gibt neue Vorwürfe: K. habe sich von Russen auf zwei Jagdausflüge einladen lassen, einmal davon eine Woche auf die Halbinsel Kamtschatka, «wo er Bären jagte und angelte». Gegenwert: «mindestens CHF 10'000», heisst es im Strafbefehl. Wegen mehrfacher Vorteilsannahme will die Bundesanwaltschaft K. zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse verurteilen. Doch K. erhebt Einsprache.

Er hatte zu viele Überstunden

Das Unheil nahm nach Weihnachten 2016 seinen Lauf, am Anfang stand eine Moskau-Reise. Als eine Art Chefdiplomat der Schweizer Strafverfolgung für die Ex-Sowjetunion war K. unzählige Male für den Bund nach Russland geflogen. Doch diesmal war er informell und auf eigene Faust unterwegs. Sein Vorgesetzter bei der Bundeskriminalpolizei hatte ihm die Reise nicht genehmigt. Begründung: zu viele Überstunden. «Mir ist diese Logik fremd, aber ihm mache ich keinen Vorwurf», sagt K. im Rückblick trocken. «Als gewissenhafter Beamter muss er schauen, dass sich ja alle an alle Vorschriften halten.»

Er selber, sagt K., habe sich mit grossem Engagement auch ausserhalb der Bürozeiten und in den Ferien für die Sache eingesetzt. In der Kommunikation mit Russland habe er eine Art Carte blanche gehabt. «Davon profitierte der Bund jahrelang. Zum Dank für meinen Einsatz für die Schweiz werde ich vernichtet.»

Doch wieso flog er ohne Erlaubnis nach Moskau? «Es ging darum, einen Fall zu retten», erklärt K. «Die Russen hatten mir in Aussicht gestellt, dass ich ein Schlüsseldokument bekäme, das die Bundesanwaltschaft dringend brauchte und für das ich jahrelang gekämpft hatte.» Dabei ging es um einen Korruptionsfall mit einer russischen Ex-Landwirtschaftsministerin. Er habe vom Verfahrensleiter der Bundesanwaltschaft den mündlichen und schriftlichen Auftrag gehabt, informell in Erfahrung zu bringen, ob das Versprochene bald eintreffe. Andernfalls müsse das Verfahren im Januar eingestellt werden.

Sie traf K. in Moskau: die umstrittene russische Anwältin Natalija Weselnizkaja. Foto: Reuters

Der Moskau-Aufenthalt fing gemäss Viktor K. mit einer Enttäuschung an. Sein Partner bei der russischen Generalstaatsanwaltschaft beschied dem Schweizer Gast, er bekäme das Dokument doch nicht. Das Njet käme von ganz oben. Die Rechtshilfe sei blockiert.

Andere Fälle wurden besprochen – so die internationale Affäre um Wirtschaftsprüfer Sergei Magnitski, der in einem russischen Gefängnis umgekommen war. Die Generalstaatsanwaltschaft brachte ihren Besucher aus Bern mit Anwältin Natalija Weselnizkaja zusammen. Weselnizkaja vertritt im Magnitski-­Verfahren in der Schweiz und in den USA russische Klienten – und sie sollte es bald zu internationaler Bekanntheit bringen. Während des US-Präsidentschaftswahlkampf lobbyierte sie im Trump Tower in New York beim Sohn des Kandidaten Donald Trump.

Hängen blieben zwei Hotelnächte

Vom Moskau-Kurztrip wirft die Bundesanwaltschaft K. nun noch einzig zwei Hotelübernachtungen vor, die der russische Staat bezahlte. Für K. ist das ein «grotesker Vorwurf». Gemäss Übereinkommen zwischen Bundesanwaltschaft und Generalstaatsanwaltschaft komme bei solchen Reisen der einladende Staat für Kost und Logis auf. Das hätten die Russen inzwischen bestätigt. «Wenn russische Justizvertreter in Bern weilten, wurden sie jeweils auf Kosten der Schweiz im Bellevue untergebracht», sagt K. «Bei meiner Moskau-Reise gab ich Ferientage her für dienstliche Angelegenheiten und habe das Flugticket selber bezahlt.»

Weit mehr verletzt hat K. allerdings ein genereller Vorwurf. Im Strafbefehl steht, er sei in der «irrigen Vorstellung» nach Russland geflogen, er handle im Interesse der Schweiz. «Diese Darstellung ist unfair», sagt K. «Die Leiter der Russland-Verfahren bei der Bundesanwaltschaft, für die ich arbeitete, bestätigten mir mehrfach den Nutzen und Mehrwert meiner Reise.» In der Untersuchung gegen K. wurden diese Staatsanwälte nicht befragt. Überhaupt hat die Bundesanwaltschaft laut der Verteidigung in zwei Jahren Strafverfahren keinen einzigen Zeugen geladen. Sie weigerte sich auch, den Fall einem unabhängigen externen Strafverfolger zu übertragen, obwohl K. jahrelang für sie gearbeitet hatte.

Mit Carlo Bulletti übernahm einer der Leitenden Staatsanwälte der Bundesanwaltschaft den Fall K. Hauptzeugen steht er näher als nahe: Es sind dies Bundesanwalt Michael Lauber sowie Staatsanwalt Patrick Lamon, der für den Bund den Schweizer Magnitski-Fall und die meisten anderen Russland-Verfahren führt. Lauber wie Lamon waren als Delegationsleiter mit K. in die Ex-Sowjetunion gereist. Beide kennen sich mit den russischen Gepflogenheiten und der staatlichen Generosität bestens aus.

Bundesanwalt Michael Lauber ist der Chef von Staatsanwalt Carlo Bulletti, der ihn im Fall K. befragen soll. Foto: Keystone

Doch wie sollte Staatsanwalt ­Bulletti sie unbefangen befragen? Lauber ist er unterstellt, Lamon ist seit Jahrzehnten, sogar schon im Kanton Freiburg, sein Arbeitskollege. Die Bundesanwaltschaft und auch das Bundesstrafgericht sehen darin kein Problem.

K. sagt, die Bundesanwaltschaft habe ihn von Anfang an gedrängt, einen Strafbefehl zu akzeptieren. «Für die betroffenen Behörden wäre dies die eleganteste Lösung», denkt K. «Der Mann hat ­gestanden. Der Fall wäre für die Bundesanwaltschaft gelöst. Es werden keine unangenehmen Fragen gestellt.» Doch eine Schuld eingestehen, wenn er nichts Unrechtes getan habe? Das komme nicht infrage.

Jene vom Bund, die ihn und die Russland-Fälle kannten, hätten ihm von ­Beginn weg zu verstehen gegeben, dass an den Korruptionsvorwürfen strafrechtlich nichts dran sei. Selbst Staatsanwalt Bulletti habe im Sommer 2018 gesagt, er sei immer der Meinung gewesen, dass das Verhalten von K. eine Frechheit ­gewesen sei, aber strafrechtlich irrelevant. Es ginge nun, findet die Verteidigung, nur noch darum, dass die Bundesanwaltschaft und die Partnerbehörde Fedpol das Gesicht wahren können.

Der tote Bär täuscht

Auf dem beschlagnahmten Handy des geschassten Russland-Experten fanden die Ermittler Fotos. Die Aufnahmen dokumentieren Ausflüge, an denen K. unter anderem mit einem russischen Justizvertreter teilnahm. Einmal war er ein Wochenende lang auf einem Jagdgut ausserhalb Moskaus, einmal eine Woche im fernen Kamtschatka, nahe ­Japan.

Verteidiger Nellen bestätigt die Teilnahmen: «Die Jagdausflüge waren durch die Schweizer Delegationsleiter und Verfahrensleiter bewilligt und Teil der Aufgaben meines Mandanten, nämlich der Beziehungspflege. Dass diese nicht nur am Bürotisch erfolgen kann, liegt auf der Hand.» Es läge «im Rahmen des ­Üblichen, dass mit Delegationen ein kulturelles Programm unternommen werde, das der Gastgeberstaat bezahlt». K. habe keine unerlaubten Vorteile angenommen.

Auf den sichergestellten Fotos stehen er und andere Reiseteilnehmer mit Flinten hinter einem erlegten Bären und anderen Tieren. Hat der Gast aus Bern Tiere geschossen? K. sagt: «Noch nie in meinem Leben.» In Russland laufe vieles anders als in der Schweiz, ­erklärt er: «In der Gastfreundschaft sind Russen bekannterweise viel gross­zügiger.» Anwalt Nellen ergänzt: «Die Jagdausflüge sind als Form der Höflichkeit und der kulturellen Gepflogenheiten zu sehen und waren sicher nicht dazu gedacht und auch nicht geeignet, meinen Mandanten in der Amtsführung zu beeinflussen. Als Berater und Frontmann hatte er gar keine Entscheidungsbefugnisse.»

Ob die beiden Übernachtungen in Moskau und die Jagdausflüge rechtens waren, darüber wird zu einem späteren Zeitpunkt voraussichtlich das Bundesstrafgericht urteilen. Die Verhandlung verspricht Spannung: Sollte sein Fall vor Gericht kommen, so kündigt Viktor K. an, würde er nicht länger schweigen und sich offen zu Dienstreisen der Bundesanwaltschaft äussern.

Erstellt: 05.02.2019, 09:27 Uhr

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