Sie duellieren sich aus der Ferne

Der eine will die Pauschalsteuer abschaffen, der andere kämpft für deren Beibehaltung. Der Erste ist links, der Zweite nicht. Und so ist der Zweite des Ersten bevorzugter Gegner.

Sind sich uneinig: Niklaus Scherr im AL-Sekretariat nahe der Zürcher Langstrasse (links) und Philippe Kenel im Büro seiner Anwaltskanzlei in Lausanne (rechts). Fotos: Doris Fanconi und Luca di Campo.

Sind sich uneinig: Niklaus Scherr im AL-Sekretariat nahe der Zürcher Langstrasse (links) und Philippe Kenel im Büro seiner Anwaltskanzlei in Lausanne (rechts). Fotos: Doris Fanconi und Luca di Campo.

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Niklaus Scherr
«Stört häufig trotz Warnung»

Niklaus Scherr braucht Geld. Er hat schon ganze Batterien von Bettelbriefen verschickt, herumtelefoniert, Leute getroffen und hat doch erst 100'000 Franken für seine Kampagne zusammen. Sie soll die Schweizerinnen und Schweizer davon überzeugen, am 30. November die Pauschalsteuer abzuschaffen. Das meiste Geld kommt aus linken Kreisen. Nun aber will Scherr den Suchradius ausdehnen und sich um Leute anderer politischer Couleur bemühen. Um Bürgerliche von der Zürcher Goldküste.

Scherr steuert den Kampf um die Pauschalsteuer aus dem tiefsten Kreis 4. Seine Operationsbasis ist das AL-Sekretariat – 15 Quadratmeter überstellt mit Schachteln und Stapeln von Flyern, die Wände behängt mit Plakaten aus kommenden und vergangenen Wahlkämpfen. Bei der Tür steht ein Megafon – griffbereit für den Fall, dass die AL-Leute auf die Strasse gehen und laut Einspruch erheben wollen. Scherr opponiert oft. Er kämpfte gegen die Grossüberbauung Europaallee, gegen die degressive Besteuerung in Obwalden oder gegen die Öffnung des Strommarktes. Manchmal, so sagt er, seien er und seine Mitstreiter grauenhaft untergegangen. Oft haben sie aber gewonnen. 2009 etwa, als der bürgerliche Kanton Zürich völlig überraschend ihre Initiative unterstützte und als erster die Pauschalsteuer abschaffte. Ermutigt durch diesen Erfolg, wollen sie dieses Husarenstück nun auf nationaler Ebene wiederholen.

Welsche «Milliardärsschlepper»

Scherr ist überzeugt: Am 30. November werden nicht nur Linke für die Abschaffung stimmen, sondern auch Gewerbler, die jede Quittung für die Steuererklärung aufbewahren müssen, oder Wohlhabende, die oft mehr Steuern zahlen als Pauschalbesteuerte, obwohl sie weniger verdienen. Dieser Unmut unter der Klientel seiner Gegner, so hofft er, wird seine Geldsuche erleichtern. Schon für den Abstimmungskampf in Zürich hat er einen «unüblich hohen Betrag» von einer Person aus der FDP-Hochburg Zumikon erhalten.

Als Vertreter einer ultralinken Splitterpartei musste Scherr schon immer mit bescheidenen Mitteln gegen finanzstarke Gegenspieler antreten und hat über die Jahre eine Strategie entwickelt: Er sieht sich und seine Mitstreiter als Besatzung eines kleinen Greenpeace-Gummiboots, die rasch und so klug agiert, dass sie den Supertanker ihrer Gegner stehen lässt. Scherr, früher Journalist bei der Poch-Zeitung, hat auch für diesen Abstimmungskampf breit und tief recherchiert, hat sich argumentativ so stark aufgerüstet, dass ihm schwer beizukommen ist.

Wie letzte Woche in Baden. Er steht im orangen Strickpullover vor den Grünliberalen. Es ist kein Heimspiel für ihn, die GLP Schweiz hat zu seiner Initiative bereits die Nein-Parole gefasst. Sein Kontrahent, ein SVP-Gemeindepräsident aus dem Aargau, streicht wortreich hervor, wie wichtig die Pauschalbesteuerten für seine Gemeinde seien. Scherr lässt ihn reden – und macht die ganze Argumentation mit einem einzigen Beispiel zunichte. Er hat zwei Steuerausweise angefordert, einen von einem Roche-Erben, der ordentlich steuert, einen von einer Pauschalbesteuerten. Der Erste zahlt 22,5 Millionen Steuern, die Zweite, obwohl vermögender, gerade einmal 500'000 Franken. Seine Zuhörer schütteln den Kopf.

Scherr beobachtet aber auch seine Kontrahenten genau. Vor ihm liegt das Buch von Philippe Kenel, Lausanner Anwalt und «Milliardärsschlepper». So nennt Scherr jene Anwälte despektierlich, die reiche Ausländer in die Schweiz holen, die sich pauschal besteuern lassen wollen. Da Kenel im aktuellen Abstimmungskampf am stärksten in Erscheinung tritt, ist er zu Scherrs bevorzugtem Gegner geworden. Begegnet sind sie sich allerdings noch nie – sie führen vielmehr ein Fernduell, in dem jeder dem Gegenspieler en passant Seitenhiebe versetzt.

Scherrs Übungsfeld ist der Zürcher Ratssaal. Seit 36 Jahren schiesst er dort aus der linken Ecke. Er ist ein brillanter Redner, geistreich und scharfzüngig. Und wenn er in seinem schneidenden Basler Dialekt loslegt, schnitzelbankartig Freunde und Gegner hochnimmt, dann lacht der Rat Tränen. Scherr macht sich aber auch gerne mit Zwischenrufen und abschätzigen Bemerkungen bemerkbar und kann sehr beleidigend sein. Einmal, er hatte Stadtrat Wagner mit dem gleichnamigen RAF-Terroristen absichtlich unabsichtlich in Verbindung gebracht, wurde ihm das Mikrofon entrissen, die Sitzung abgebrochen. Es war der Auslöser für eine grössere Diskussion über den Anstand im Rat.

Dieses Verhalten hat sich schon früh abgezeichnet. «Stört häufig trotz Warnung», schrieb ihm sein Lehrer ins Zeugnis. Scherr war unterfordert und machte ihm das Leben schwer. Etwa ein Drittel seiner Schulzeit, so schätzt Scherr, hat er vor der Tür verbracht. Da ihm sein Lehrer beim Hinausgehen immer das Buch abnahm, hatte er draussen ein Buchlager angelegt. Während all der Zeit, die er im Gang draussen verbrachte, formte sich sein Berufswunsch: Professor für deutsche Literatur wollte er werden. Aber dann, im Jahr 1968, ging Scherr ins aufgerührte Paris, um zu studieren, und kam von seinem Weg ab. «Dort wurde mir bewusst, was oben und was unten ist in der Gesellschaft. Eine Nullachtfünfzehn-Wissenschaftskarriere lag nicht mehr drin.» Bis in die 80er-Jahre war er Poch-Sekretär, danach Geschäftsleiter des Zürcher Mieterinnen- und Mieterverbands. Heute, mit 70, ist Gemeinderat Scherr wieder Journalist – jedenfalls laut Website des Stadtparlaments. Rentner gefiel ihm nicht. «Das ist doch einer, der auf dem Bänkli sitzt.»

Wenn Scherr weniger gestört hätte, angepasst, politisch besser eingemittet gewesen wäre, hätte er wohl jedes politische Amt in der Schweiz haben können. Stattdessen blieb er im Gemeinderat sitzen. Er hatte mehrmals für National- und Ständerat kandidiert, aber den Sprung nach Bern nicht geschafft. Eine Zeit lang habe er es empfunden, dass sein Einsatz nicht mit einem prestigeträchtigeren Amt als dem eines Gemeinderats belohnt worden sei. Letztlich ging es ihm aber darum, seine Fähigkeiten für etwas «Positiveres einzusetzen als zur Geldvermehrung». Er wollte den Schwachen eine Stimme geben und sieht sein Engagement als Korrektiv zu Entwicklungen wie der «ungerechten und undemokratischen» Pauschalsteuer.

Seine Prognose für den 30. November? Scherr hat die Resultate der wichtigsten Leitabstimmungen zu Steuerfragen in eine Excel-Tabelle gegossen. Er hat ihnen den konservativen und progressiven Einschlag genommen, die Ideologie herausgerechnet, alles bereinigt, neu gewogen und hochgerechnet. Und kommt zum Schluss: «Die Chancen sind intakt.»

Philippe Kenel
Brilliert, wenn sich die Kameras auf ihn richten

Der Herr im feinen Stoff steht vor einer Blumentapete, holt Atem und setzt an: «Alle Kreise müssen gegen die Initiative mobilmachen. Alle, die verhindern wollen, dass die Schweiz zu einem sozialistischen Staat wie Frankreich wird. Alle, die von den 1,4 Milliarden profitieren, welche die Pauschalbesteuerten ausgeben.» Während er spricht, dirigiert ihn seine Hand am unteren Bildrand durch den Text, so, als würde er ein Lied vortragen. Dann, mit betont gleichgültigem Blick, platziert er sein stärkstes Argument: «Vor allem aber muss der Mittelstand gegen die Initiative stimmen. Sonst muss er für die Steuerausfälle aufkommen, wenn die Pauschalbesteuerten das Land verlassen.» Schnitt, aus.

«Das sieht nun so aus, als verteidige hier einer sein Beefsteak», sagt derselbe Herr vor derselben Blumentapete, nun aber nicht mehr im Video auf seiner Website, sondern physisch präsent. Er trägt Anzug und Hemd, aber keine Krawatte. Seine Haare sind gerade so kurz, dass es nach dem Code seines Milieus noch als seriös gelesen wird, aber länger als in seiner Branche üblich. Philippe Kenel ist Anwalt, Steuerexperte und spezialisiert auf Standortverlegungen. Jedes Jahr holt er rund 20 reiche Ausländer in die Schweiz, die sich hier pauschal besteuern lassen.

Wie will er so widerlegen, dass er sein eigenes Beefsteak verteidigt? Gar nicht. Der Anwalt gab nur vor, sich in diese argumentative Sackgasse hineinzumanöv­rieren, und sagt nun: «Man kann mir nicht vorwerfen, dass ich mein Geschäft verteidige.» Schliesslich beschäftige er sich täglich mit Leuten, die sich in der Schweiz niederlassen wollten. Aber er tue dies zum Vorteil aller: Die reichen Ausländer zahlten in der Schweiz weniger Steuern als in ihrer Heimat, und Schweizer Steuerzahler würden entlastet. «Und so sind alle zufrieden. Non?»

Kenel (53) gehört keiner Partei an – «ich bin Individualist» – und ist auch kein «Streetworker», wie sich Niklaus Scherr bezeichnet. Man wird ihn nie am Samstagmorgen vor der Migros mit Flyern antreffen. Kenel ist Einzelkämpfer und ausschliesslich in den Medien aktiv. Schliesslich, so sagt er, müsse er die Bevölkerung überzeugen, nicht das Parlament. Der eloquente Anwalt läuft zu seiner besten Form auf, wenn er vom Licht der Scheinwerfer ausgeleuchtet wird, wenn sich die Kameras des Fernsehens oder auch nur seine eigene auf ihn richten oder wenn Mikrofone vor ihm aufgebaut werden. In der Onlineausgabe von «L’Hebdo» hat er gar einen eigenen Blog. Er nennt ihn «Kenel de Requin» in Anlehnung an «queue de requin», die Haifisch-Schwanzflosse.

«Philippe Kenel ist nicht der einflussreichste Steuerexperte der Romandie», sagt François Pilet, Wirtschaftsjournalist bei «L’Hebdo». Er sei aber am stärksten in den Medien präsent; sonst halte man sich in diesem Metier diskret zurück. Die Journalisten gelangten gerne an ihn, denn er könne komplizierte Steuerthemen klar und verständlich darlegen. Und er sei disponibel.

So ist Kenel einer der wenigen Romands, die im gegnerischen Lager in der Deutschschweiz überhaupt wahrgenommen werden. In «Le Temps» hat er gelesen, dass er der Lieblingsgegner seines Kontrahenten Niklaus Scherr ist. Er scheint nicht beleidigt, im Gegenteil.

In seinem Buch «Délocalisation et investissements», das auch auf dem AL-Sekretariat in Zürich liegt, beschreibt er auf 470 Seiten, wie vorzugehen und was zu beachten ist, wenn ein Wohlhabender in ein anderes Land ziehen will. Kenel sieht sich als ihr Bergführer, der ihnen den besten Weg weist und sie vor Abstürzen bewahrt. Die «grösste Idiotie» sei es, wenn der Anwalt vergesse, seinen Klienten ganz von seinem Heimatland zu lösen – dann bezahle der an zwei Orten Steuern. Aber auch für den Bergführer besteht Absturzgefahr. Dann nämlich, wenn er angesichts des Reichtums seiner Klientel eifersüchtig wird. «So wird er nur unglücklich, schlimmstenfalls gar betrügerisch.»

Linke sorgen sich um Reiche

Kenel hat Recht und Politik studiert. Erst hat er sich mit Arbeitsbewilligungen für Ausländer auseinandergesetzt, dann mit Ausländern und schliesslich mit deren Vermögen. So war es nur folgerichtig, dass er 1996 den ersten reichen Ausländer in die Schweiz holte. Mittlerweile, so schätzt er, sind es zwischen 200 und 300 Personen. Und die, das sei eine Realität, zahlten hier jedes Jahr Dutzende von Millionen Steuern.

Auch seine italienischen Grosseltern waren einst in die Schweiz eingewandert. Im Gegensatz zu seinen Kunden aber mit nichts als mit einem Koffer. Die Eltern seines Vaters stammten aus dem Kanton Schwyz und waren besser situiert. So hat er gelernt, die Codes der verschiedenen Milieus zu lesen und deren Grenzen zu passieren. Das hilft ihm für sein Geschäft, aber auch bei seinem ­Engagement als Präsident der Schweizer Ligue Internationale contre le Racisme et l’Antisémitisme.

Und was wird Kenel tun, wenn die Pauschalsteuer abgeschafft werden sollte? «Dann platziere ich meine Klienten eben in anderen Ländern», sagt er. Er habe auch ein Büro in Belgien. Für die Schweiz aber sähe es schlecht aus. Es sei lächerlich, zu glauben, die reichen Ausländer seien nur wegen der schönen Landschaft hierhergezogen. Da könnten die Linken noch lange Christoph Blocher nacheifern und das Bild der mythisch schönen Schweiz beschwören. «Meine Klienten sagen mir, sie gingen, wenn die Pauschalsteuer abgeschafft würde.» Aber die Initiative der AL habe auch ihr Gutes, sagt Kenel mit einem Lächeln und holt im Fernduell mit Scherr zu einem abschliessenden Gegenschlag aus: «Ich habe noch nie erlebt, dass sich auch Linke so viel Sorgen um die Reichen machen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2014, 21:56 Uhr

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