So extrem ist das Schweizer Wetter in Zukunft

Heissere Sommer, schneearme Winter und heftigere Starkniederschläge: Das prophezeien ETH-Forscher.

Wetter extrem: Die Schweiz wird trockener, heisser, schneeärmer und niederschlagsreicher. Video: SDA

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Grüne Winter und Hitzesommer, trockene Böden und kurzfristig kübelweise Regen: Ein neuer Bericht liefert einen genaueren Blick denn je in die Klimazukunft der Schweiz. Und damit auch Daten-Grundlagen, wo sich die Schweiz in welchem Ausmass an Folgen des Klimawandels anpassen muss.

Gian bleibt im Winter mit seinem Schlitten im Gras stecken, Nonna Lucia kann während der Hitzewelle nachts nicht schlafen, Bäuerin Valérie muss ihre Gurken bewässern, weil die Böden trockener sind, und Hausbesitzer Urs räumt zum wiederholten Male seinen Keller aus, der schon wieder bei Starkregen vollgelaufen ist. Mit diesen Anekdoten illustrieren die Klimaforschenden von MeteoSchweiz, ETH Zürich und dem Oeschger-Zentrum der Uni Bern, wie der Klimawandel die Schweiz in den nächsten Jahrzehnten verändern wird.

Grundlage für Entscheidungen

Die «Klimaszenarien CH2018» sind nach 2007 und 2011 schon der dritte Bericht dieser Art im Auftrag des Bundesrates. Am Dienstag präsentierten die Forscherinnen und Forscher die Ergebnisse ihrer vier Jahre langen Arbeit in Zürich vor den Medien. Neu an diesem Bericht sei, dass man nun quantitative Angaben machen könne, sagte Peter Binder von MeteoSchweiz, zum Beispiel über die Niederschlagsmenge bei Starkniederschlägen. Zuvor habe man nur qualitativ sagen können, dass sie stärker würden.

Wichtig sei dies insbesondere mit Blick auf die Anpassungen der Schweiz an den Klimawandel, betonte Klimaforscher Christoph Raible im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

«Man braucht dazu quantitative Angaben, zum Beispiel um zu wissen, wie Bewässerungssysteme oder Deiche zum Hochwasserschutz dimensioniert sein müssen.» Der Bericht bietet somit eine wertvolle Grundlage für Entscheidungsträger, in der Politik, aber auch für Unternehmen und Versicherungen.

2018 ist auf Rekordkurs

Die Schweiz wird im Sommer trockener, im Winter verregneter und schneeärmer und vor allem wärmer. Seit Messbeginn hat sich die Schweiz bereits um rund 2 Grad Celsius erwärmt, gegenüber einem weltweiten Mittel von plus 1 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit. «Mit 2018 sind wir auf Rekordkurs», sagte Klimaforscher Andreas Fischer von MeteoSchweiz vor den Medien. «Wir steuern auf das wärmste je gemessene Jahr in der Schweiz zu.»

Wenn die Weltgemeinschaft mit dem Klimaschutz nicht ernst macht und sich die Erde weiter erwärmt, erwarten die Schweiz mehr Hitzetage und trockenere Sommer. Die längste Trockenperiode im Sommer wird bis Mitte des Jahrhunderts bis rund eine Woche länger dauern, wie dem Bericht zu entnehmen ist. Extreme Trockenheit, die bisher ein- bis zweimal pro Jahrzehnt auftrat, könnte dann im Schnitt jedes zweite Jahr vorkommen.

Tonnenweise tote Fische

Was das bedeutet, habe der Sommer 2018 eindrücklich gezeigt, sagte Fischer. Zum Beispiel wurden mehr als drei Tonnen toter Fische bei Schaffhausen aus dem Rhein geholt, die wegen der hohen Wassertemperaturen verendeten.

Aber es hätte schlimmer kommen können, betont Fischer: Im Hitzesommer 2003 gab es mehr tote Fische. «Diesmal waren die Behörden besser gewappnet, Koordinationsorgane wurden aktiv, als kritische Wassertemperaturen erreicht wurden.» So wurden schattige Zuflüsse ausgebaggert, um kühlere Nischen zu schaffen. Freiwillige fingen Fische ab und brachten sie in kühlerem Wasser in Sicherheit.

Wenn es dann doch ein Gewitter mit Starkniederschlag gibt, dann kommen bis Mitte des 21. Jahrhunderts im Schnitt zehn Prozent Niederschlag im Vergleich zu heute dazu. Jahrhundertniederschläge könnten sogar bis zu 20 Prozent mehr Regen bringen.

Damit setzt sich ein Trend fort: Seit Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute hatte die Niederschlagsmenge einzelner Starkniederschläge bereits um zwölf Prozent zugenommen. Physikalisch ist dieses Phänomen gut verstanden: Wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen, die sich dann in grösseren Niederschlagsmengen entlädt.

40 Grad in Genf

Neben der Trockenheit macht vor allem Hitze den Menschen zu schaffen. Bis Mitte des Jahrhunderts könnten die Sommer in einem Durchschnittsjahr bis 4,5 Grad wärmer werden als heute. Besonders die Menschen in den Ballungszentren werden somit häufiger unter Hitzestress leiden.

Noch extremer steigen die Höchsttemperaturen: 2060 könnte das Thermometer südlich der Alpen um bis zu 4,5 Grad, nördlich der Alpen sogar um bis zu 6 Grad Celsius höher klettern als heute. In einem durchschnittlichen Jahr würde das Thermometer in Genf am heissesten Tag 40 Grad anzeigen. Die Anzahl sehr heisser Tage könnte von heute rund einem Tag pro Sommer auf bis zu 18 steigen.

Den trockenen, heissen Sommern stehen verregnete, warme Winter gegenüber: Schnee wird besonders in tieferen Lagen der Schweiz Seltenheitswert bekommen. Mitte des Jahrhunderts könnte die winterliche Nullgradgrenze von heute 850 Meter, also etwa der Höhe von Einsiedeln, auf bis zu 1500 Meter über Meer steigen - etwa die Höhe, auf der Davos liegt. Unter 1000 Metern wird die Schneebedeckung um die Hälfte, bis Ende des Jahrhunderts sogar um mehr als 80 Prozent zurückgehen.

Klimaschutz könnte viel bewirken

Der Bericht macht aber Hoffnung: Auch wenn sich diese Entwicklungen nicht komplett abwenden lassen, so könnte eine Begrenzung der weltweiten Klimaerwärmung auf zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit doch einiges bewirken, betonte Klimaforscher Reto Knutti von der ETH Zürich vor den Medien.

«Mit konsequentem Klimaschutz liessen sich bis Mitte des 21. Jahrhunderts etwa die Hälfte, bis Ende Jahrhundert zwei Drittel der möglichen Klimaveränderungen in der Schweiz vermeiden», sagte er.

Um Anpassungen komme die Schweiz aber nicht herum, sagte Raible im Gespräch mit Keystone-SDA. Es mache aber einen grossen Unterschied, ob sich die Schweiz an einen praktisch ungebremsten Klimawandel anpassen müsse, oder sich die Klimaerwärmung durch effizienten Klimaschutz begrenzen lasse.

«Für die Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel sollte man sich gemäss dem Vorsichtsprinzip auf ein schlechteres Szenario als das bestmögliche vorbereiten», sagte Raible.

Da der Bericht auch mit einer neuen Website und einem Webatlas verknüpft ist, haben Entscheidungsträgerinnen und Politiker nun einen riesigen Online-Datenschatz zur Verfügung, um massgeschneidert für jede Region die zukünftige Entwicklung einzuschätzen und Anpassungsmassnahmen zu treffen. (sda)

Erstellt: 13.11.2018, 12:12 Uhr

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