Spendenaktion für Bauskandal-Enthüller bricht alle Rekorde

Der Bündner Adam Quadroni hat alles verloren und erfährt nun viel Solidarität. Ändert sein Fall den Umgang mit Whistleblowern?

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Nach nur 72 Stunden waren 62'000 Franken beisammen. Am Freitagmorgen – nach einer Woche – bereits 127'100 Franken. Stündlich kommen ein paar Hundert Franken hinzu. Und die Spendenaktion läuft noch bis Anfang Juni.

Noch nie hat die Schweizer Crowdfunding-Plattform Wemakeit in so kurzer Zeit so viel Geld für ein Projekt gesammelt, wie Geschäftsführerin Céline Fallet auf Anfrage erklärt. Und noch überhaupt nie gab es in der Schweiz eine Spendenaktion für einen Whistleblower – einen Menschen also, der unter Inkaufnahme persönlicher Nachteile einen Skandal aufdeckt. Bestimmt ist das Geld für Adam Quadroni, den Mann, der das Bündner Baukartell auffliegen liess und darauf persönlich fast alles verlor – wenn auch nicht ausschliesslich, so doch zu einem grossen Teil als Folge seines Whistleblowings.

In Teilen Graubündens gilt Quadroni seither als Nestbeschmutzer, 2013 ging sein eigenes Bauunternehmen in Konkurs, seitdem hat Quadroni keine feste Arbeitsstelle mehr, seine Ehefrau verliess ihn und nahm seine drei Töchter mit. Seit Mitte 2017 kämpft Quadroni auf rechtlichem Weg um Besuchsrechte und den Zugang zu seinen Kindern.

Für diesen Rechtsstreit und seine Anwaltskosten seien die Spenden zunächst in erster Linie bestimmt, sagt Natanael Wildermuth, der das Crowdfunding aus eigenem Antrieb lanciert hat. «Ich will, dass Herr Quadroni eine lebenswerte Zukunft hat, zusammen mit seinen Töchtern», sagt Wildermuth.

«Es fühlte sich einfach richtig an»

Wildermuth ist 25 Jahre jung und studiert an der Berner Fachhochschule Holzbauingenieur. Bis vor gut zwei Wochen kannte er Quadroni nicht einmal. Dann las er im Onlinemagazin «Republik» eine mehrteilige, grosse Recherche über den Bündner Bauskandal und über Quadronis Schicksal, war empört und rief Quadroni noch am gleichen Tag an.

Er wolle später selber Bauunternehmer werden, sagt Wildermuth. So betreffe ihn der Skandal in der Bauwirtschaft indirekt ebenfalls. Er habe darum «den Auftrag» verspürt, etwas für Quadroni zu unternehmen. «Es fühlte sich einfach richtig an.» Das Hauptziel sei, dass Quadroni genügend Geld erhalte, um möglichst bald wieder ein normales Leben führen zu können, sagt Wildermuth.

Adam Quadroni selber sagt, er sei «sprachlos» über das Zwischenergebnis des Crowdfundings. Dann betont er sogleich, dass er selber nie daran gedacht hätte, für sich selber eine solche Unterstützung zu verlangen. Doch die Solidarität, die er durch das Crowdfunding nun erfahre, gebe ihm «neuen Mut, weiter für meine Kinder zu kämpfen».

Bei seiner Hilfsaktion für Quadroni hat Wildermuth prominente Unterstützung erhalten vom früheren Bundesgerichtspräsidenten Giusep Nay, der selber Bündner ist. Er steht Quadronis Anwalt inzwischen als Rechtsberater zur Seite und übernimmt die finanzielle Kontrolle der Verwendung der Gelder. Zusammen mit Wildermuth und Quadronis Anwalt garantiere er, «dass das Geld zweckgemäss verwendet wird», sagt Nay.

Weitere Whistleblower unterstützen

Die ursprüngliche Zielsumme des Crowdfundings von 100'000 Franken wird bereits jetzt deutlich übertroffen. Darum denken Wildermuth und Nay nun einen Schritt weiter. Sollte der Spendenfluss anhalten, sollen Teile davon nicht nur Quadroni, sondern auch künftigen Whistleblowern zugutekommen. Die Unterstützung von anderen Whistleblowern wird schon in der Ausschreibung der Spendenaktion als ein Ziel genannt.

Wie das geschehen soll, können Wildermuth und Nay noch nicht im Detail sagen. Priorität habe nach wie vor die Unterstützung von Quadroni, sagt Nay. Es sei aber zum Beispiel denkbar, dass eine Stiftung errichtet werde.

Bisher gibt es für Whistleblower im Schweizer Rechtssystem kaum Schutz. Immer wieder zahlen Menschen, welche Unregelmässigkeiten an ihrem Arbeitsplatz aufdecken, persönlich einen hohen Preis. Esther Wyler und Margrit Zopfi, welche Missstände im Zürcher Sozialamt publik machten, wurden verhaftet, entlassen und schliesslich wegen Amtsgeheimnisverletzung verurteilt. Ob ein Whistleblower tatsächliche Missstände aufdeckt oder sich nur selber wichtig machen will, spielt im heutigen Schweizer Recht so gut wie keine Rolle.

Von Jobverlust bis Strafanzeige

Vergleichsweise gut seien Whistleblower zwar innerhalb der Bundesverwaltung geschützt, sagt Martin Hilti, der Geschäftsführer der Antikorruptionsorganisation Transparency International Schweiz. Bei der Eidgenössischen Finanzkontrolle existiert eine Meldestelle, welche die Anonymität von Whistleblowern gewährleistet. In den Kantonsverwaltungen seien die diesbezüglichen Regelungen aber teilweise völlig ungenügend. Und für Angestellte von privaten Firmen sei die Situation von Menschen, die zu Recht Probleme aufdecken, sogar «desolat», sagt Hilti. «Wer unter heutigem Recht zum Whistleblower wird, riskiert Jobverlust, strafrechtliche Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung.»

Eine Revision der entsprechenden Paragrafen des Obligationenrechts ist im Bundeshaus seit zehn Jahren hängig. Eine erste Vorlage wurde von den beiden Räten 2015 an den Bundesrat zurückgewiesen. Seither sind weitere drei Jahre vergangen. Voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2018 werde der Bundesrat einen neuen Anlauf nehmen, erklärt das Justizdepartement von Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) jetzt auf Anfrage.

Markiert die Solidarität, die Quadroni erfährt, jetzt einen Wendepunkt im Umgang mit Whistleblowern in der Schweiz? Es sei zu hoffen, dass die erfolgreiche Spendensammlung Ausdruck davon sei, dass sich wenigstens die gesellschaftliche Wahrnehmung zum Positiven verändere, sagt Hilti von Transparency. Alt-Bundesgerichtspräsident Nay hofft, dass der Fall zu einem Umdenken beitrage – und zwar so, «dass die Überbringer einer schlechten Nachricht in unserem Land nicht länger nicht gehört und nur bestraft werden».

PS: Am späten Freitagabend stand das Spendenbarometer bei über 140'000 Franken, einbezahlt von über 1200 einzelnen Spendern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2018, 18:01 Uhr

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