Streit um Opfer von Windturbinen

Sind 21 tote Vögel pro Windrad und Jahr zu viel? Die Vogelwarte Sempach legt sich mit dem Branchenverband Suisse Eole an.

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Nach dem Nein zur Atomausstiegsinitiative ist die Energiestrategie 2050 wieder in den Fokus gerückt – und damit die Frage, ob es der Schweiz gelingt, die dort verankerten Ausbauziele für die erneuerbaren Energien zu erreichen. Mitentscheidend für den Erfolg ist die Windkraft. 34 Grossanlagen hat die Schweiz Ende 2015 gezählt, der Branchenverband Suisse Eole hält bis 2050 eine Steigerung auf rund 800 Windenergieanlagen für machbar. Damit liessen sich bis zu 10 Prozent des Schweizer Strombedarfs decken, so Suisse Eole. Heute sind es weniger als 0,2 Prozent.

Doppelt so viel als diskutierte Obergrenze

Wie umkämpft der Ausbau ist, zeigt ein aktueller Fall. Darin geht es jedoch weniger um ein konkretes Projekt als vielmehr um die Frage, wer die Deutungshoheit über wissenschaftliche Erkenntnisse hat. Auslöser der Kontroverse ist eine Studie, die das Bundesamt für Energie (BFE) am Montag veröffentlicht hat. Die Schweizerische Vogelwarte Sempach hat darin untersucht, wie viele Vögel an Windanlagen verenden.

Am Standort Le Peuchapatte im Jura haben die Experten 2015 während neun Monaten das Gelände systematisch nach Überresten von Vögeln abgesucht und zudem mit einem Radargerät die Intensität des Vogelzugs gemessen – eine Kombination, die laut den Studienautoren weltweit erstmals zur Anwendung gekommen ist. Das Resultat: Pro Jahr verunglücken durchschnittlich 20,7 Vögel – das ist doppelt so viel wie der für mögliche Betriebseinschränkungen diskutierte Wert von 10 Tieren.

Suisse Eole hingegen gibt in einer Mitteilung von heute «Entwarnung». Die Studie habe gezeigt, dass «nur wenige» Vögel mit den Anlagen kollidieren würden. Sie zeige «sehr klar», dass die Befürchtungen beim Vogelschutz mit der Realität oft wenig zu tun hätten. Weiter argumentiert Suisse Eole, die Vogelwarte Sempach sei ursprünglich von bis zu 1700 möglichen toten Vögeln ausgegangen, und verweist auf eine Studie, welche die Vogelexperten vor dem Bau des Windparks angefertigt hätten.

20’000 Vögel als Opfer der Energiestrategie 2050?

Die Darstellung von Suisse Eole weckt Kritik. Michael Schaad von der Vogelwarte Sempach hält sie für «irreführend». Die besagte Studie vor dem Windparkbau sei nicht mit der aktuellen Arbeit vergleichbar. Die Intensität des Vogelzugs variiere zwischen den Jahren, und damals habe man keine systematische Schlagopfersuche gemacht. Zudem sei es bei den 1700 um die Zahl der kollisionsgefährdeten Vögel gegangen, nicht um mögliche tote. «Wir sind nie davon ausgegangen, dass alle von ihnen sterben würden», sagt Schaad.

Zentral ist laut Schaad generell die Frage, wie sich der Bau von Windturbinen auf den Lebensraum der Vögel insgesamt auswirke. Der Eingriff in die Landschaft stelle für die Tiere die ungleich grössere Gefahr dar als deren Betrieb. Auch die nun ermittelte Zahl von 20,7 toten Vögeln pro Windturbine eigne sich mitnichten dazu, Entwarnung zu geben. Die Todesrate betrage um die zwei Prozent. «Je mehr Windanlagen es gibt, desto stärker wird sich dieser Effekt kumulieren», sagt Schaad.

Ein letzter Kritikpunkt: Suisse Eole rechnet den Wert von 20,7 Vögeln pro Anlage auf den von ihr gewünschten Ausbau auf 800 Anlagen in der Schweiz hoch. Mit der Energiestrategie 2050 des Bundes wäre damit mit jährlich maximal 20’000 toten Vögeln zu rechnen. Schaad entgegnet, die Ergebnisse vom Standort Le Peuchapatte dürften sich auf topografisch ähnliche Räume übertragen lassen – nicht aber auf alpine Standorte oder solche im Mittelland. Eine Schätzung zur künftigen Zahl toter Vögel wagt Schaad nicht.

Umstrittener Vergleich mit Katzen

Reto Rigassi, Geschäftsführer von Suisse Eole, zeigt kein Verständnis für die Vorwürfe: «Für die Vogelschützer scheint jeder zusätzlich getötete Vogel ein Vogel zu viel zu sein.» Die Branche tue schon sehr viel, um die Kollisionen auf ein Minimum zu reduzieren, etwa dank Radargutachten an geplanten Standorten. Zudem sei die Windenergie eine der wirksamsten Massnahmen gegen den Klimawandel, so Rigassi weiter.

Den Schwellenwert von 10 Tieren pro Anlage und Jahr bezeichnet er als «rein politische Arbeitshypothese» der Vogelwarte. «Dieser Wert wurde von uns nie akzeptiert.» Dies, weil bei der Windenergie ein extrem viel strengerer Massstab als in anderen Bereichen angewendet werde. Pro Jahr stürben geschätzte 13 Millionen Vögel in der Schweiz im Strassenverkehr oder weil sie auf Glasfassaden und Fensterscheiben prallen oder von Katzen getötet würden. Dieses Argument lässt Schaad nicht gelten: Andere Gefahren für Vögel seien unabhängig von den Auswirkungen von Windenergieanlagen anzugehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2016, 19:03 Uhr

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