Interview

«Übergang zu Einheitskasse dauert zehn Jahre»

Helsana-Chef Daniel Schmutz warnt davor, ein gutes Gesundheitssystem aufs Spiel zu setzen. Er bestreitet den Vorwurf, die Krankenkassen hielten die Prämien aus Furcht vor der Einheitskasse tief.

Trotz steigender Spitalkosten sollen die Krankenkassenprämien nur leicht steigen, sagt Helsana-Chef Schmutz.

Trotz steigender Spitalkosten sollen die Krankenkassenprämien nur leicht steigen, sagt Helsana-Chef Schmutz. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Wie stark erhöht Helsana auf 2014 die Prämien?
Wir gehen im Moment von einem Anstieg der Gesundheitskosten von 3 Prozent aus, die Prämienerhöhung wird insgesamt rund 1 Prozent tiefer liegen. Dank hoher Reserven und guter Kapitalerträge können wir den Prämienanstieg etwas tiefer halten als die Kostenentwicklung.

Dies ist die dritte moderate Erhöhung in Folge. Halten Sie die Prämien bewusst tief, um die Versicherten vor der Abstimmung über die Einheitskasse nicht zu verärgern?
Wir haben kein Interesse daran, dass die Kosten- und die Prämienentwicklung zu weit auseinanderliegen. Sonst gibt es irgendwann einen Nachholeffekt bei den Prämien, und der ist sowieso schädlich, egal, ob über die Einheitskasse abgestimmt wird oder nicht. Diese Erfahrung musste Helsana 2009 machen, als wir die Prämien stark erhöhen mussten.

In der Sonntagspresse war zu lesen, dass die Gesundheitskosten im ersten Halbjahr 2013 um 10 Prozent gestiegen seien – die stationären Spitalkosten gar um 30 Prozent.
Das ist eine Fehlinterpretation. Aufgrund der neuen Spitalfinanzierung haben die Spitäler die 2012 erbrachten Leistungen monatelang nicht verrechnet. Dieser Rechnungsrückstau hat bis Mai 2013 gedauert. So lange haben wir Spitalrechnungen aus dem Vorjahr bezahlt. Vergleicht man die Kosten auf der Basis des Behandlungsjahres, stellen wir zwar einen Anstieg der Spitalkosten fest, aber niemals im genannten Ausmass. Wir sehen vor allem, dass die ambulanten Spitalkosten stark ansteigen.

Trotz geringer Prämienerhöhungen geniesst die Einheitskasse in Umfragen hohe Sympathiewerte. Mit welchen Argumenten wollen Sie die Abstimmung, die 2014 oder 2015 stattfindet, gewinnen?
Wir müssen einmal einige Fakten aufzeigen: Egal, wie das neue System genau aussieht, so gäbe es zunächst einmal Umstellungskosten von rund 2 Milliarden Franken und eine Übergangszeit von gut zehn Jahren. Unsere Mitarbeiter müssten während dieser Phase einen Parallelbetrieb aufrechterhalten und gleichzeitig damit rechnen, ihre Arbeit zu verlieren. Diese Unsicherheit fördert die Arbeitsmoral sicher nicht. Kundendienst und Kostenmanagement würden darunter leiden.

Haben Sie auch gute Argumente gegen die Einheitskasse an sich?
Die Schweiz würde ein gutes Gesundheitssystem gefährden. Wer heute in einem günstigen, guten Managed-Care-Modell versichert ist, wird dies nicht mehr können. Die Einheitskasse geht von einem Versicherungsmodell für alle aus. Wer zu einer Kasse eine langjährige, gute Beziehung hat, wird diese ebenfalls verlieren. Wer sich heute über ein etwas kompliziertes System mit verschiedenen Versicherungsmodellen ärgert, wird sich gut überlegen müssen, ob er dies gegen ein Einheitssystem ohne jede Wahlfreiheit tauschen will.

Helsana, CSS und KPT haben den Branchenverband Santésuisse verlassen und sich mit Sanitas zu Curafutura zusammengeschlossen. Die Befürworter der Einheitskasse stellen mit Freude fest, dass die Kassen keine gemeinsame Gesundheitspolitik mehr vertreten.
Gegen die Einheitskasse werden alle Kassen gemeinsam kämpfen, zusammen mit anderen Wirtschaftsverbänden. In einem kleineren Kassenverband können wir aber schlagkräftiger und entscheidungsfreudiger sein, wenn es um die politischen Rahmenbedingungen geht. Die gesundheitspolitischen Differenzen unter den Kassen sind allerdings geringer als in der Öffentlichkeit dargestellt. So ist der Konsens zur weiteren Verfeinerung des Risikoausgleichs so gross, dass auch der Widerstand einzelner Kassen nichts mehr daran ändern kann.

Helsana lanciert eine Zusatzversicherung für die ambulanten Spitalbehandlungen. Fördern Sie damit nicht die Zweiklassenmedizin – etwa indem sie Zusatzversicherten die freie Arztwahl im Spital ermöglichen oder noch nicht zugelassene Medikamente vergüten?
Es gibt nun mal das Kundenbedürfnis, Behandlungstermine oder den Arzt freier wählen zu können und über etwas mehr Komfort zu verfügen. In Kanada sind Zusatzversicherungen, wie wir sie kennen, verboten. Doch das kümmert die Wohlhabenden nicht: Die lassen sich gegen Barzahlung in den USA behandeln. Im internationalen Vergleich hat die Schweiz eine sehr gut ausbaute Grundversorgung. Die Angst, dass ein Zusatzversicherter ein besseres Krebsmedikament bekommt als ein Grundversicherter, scheint mir unbegründet. Wir reden in der Schweiz auch nicht von fünf Monaten Wartezeit für die einen und Luxusbehandlungen für die anderen.

Das Parlament will künftig den Komatrinkern die Behandlungskosten aufbürden. Finden Sie das gut?
Wir öffnen hier die Büchse der Pandora für Kosten, die insgesamt nicht ins Gewicht fallen. Bald stellt sich die Frage, wie wir Übergewichtige oder Raucher behandeln. Es ist nicht sinnvoll, wenn die Krankenversicherer als Disziplinierungsinstrument eingesetzt werden.

Um Kosten zu sparen, ist Helsana kürzlich dazu übergegangen, Labortests auf erblichen Brustkrebs im Ausland zu finanzieren. Setzen Sie künftig vermehrt auf Auslandbehandlungen, auch wenn laut Gesetz eigentlich nur Leistungen in der Schweiz versichert sind?
Primär ging es uns hier um die Qualität und in zweiter Linie um die Kosten. Beim Gentest störte uns vor allem die lange Dauer bis zum Vorliegen des Testresultats. Wir finden in der Schweiz immer wieder Beispiele, wo die Qualität im Vergleich zum hohen Preis nicht stimmt. Im angesprochenen Fall sind wir zwar vom Bundesamt für Gesundheit zurückgepfiffen worden. Aber der Preis des Tests hat sich in der Schweiz nun fast halbiert, und das Testresultat liegt viel schneller vor. Das wäre ohne unseren Druck kaum passiert.

Das heisst, Sie setzen sich auch mal über die Regeln hinweg, damit die hohen Schweizer Preise fallen?
Wir wollen keine Behandlungen im Ausland durchführen lassen, einzig um die Kosten zu senken. Die Leute wollen grundsätzlich in der Schweiz behandelt werden. Aber es ist sicher nicht im Sinn unserer Versicherten, dass man ihnen aufgrund des Territorialprinzips eine bessere Qualität verwehrt. Wir wollen die Interpretationsspielräume zugunsten unserer Kunden nutzen. Wegen 2.50 Franken gehen wir aber nicht ins Ausland.

Erstellt: 02.09.2013, 06:39 Uhr

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