Unentschieden

Gerigate war der Politskandal des Jahres. Es wurde viel darüber geschrieben, die Übersicht hat kaum mehr jemand. Zum ersten Mal stellt Geri Müllers Chatpartnerin ihre Sicht dar – und belegt sie mit Fakten.

Milena Graf: Aktuelles Selbstporträt der Künstlerin und Chatpartnerin von Geri Müller.

Milena Graf: Aktuelles Selbstporträt der Künstlerin und Chatpartnerin von Geri Müller.

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Liebe ist eine instabile Grösse. Stets wandelt sie sich, aber niemand weiss wie. Auch nicht, wie sie mit bestimmten Ereignissen reagiert. Zum Beispiel toxisch. Welche Art von Gefühlen Geri Müller und Milena Graf (Name geändert) genau verband, bevor es zum Bruch kam, wissen nur die beiden. Dafür ist der Zeitpunkt klar, als sich alles verwandelte. Es geschah an Ostern 2014. Es war der 20. April, es waren kühle und nasse Tage, zwischendurch regnete es. Müller und Graf trafen sich zu einem klärenden Gespräch. Es sollte anders werden, als die vorigen Gespräche, denn es ging um einen Abschluss. Ein Ende. Wie sollten sie mit der Beziehung, die sie im virtuellen Raum eingegangen waren, weiter umgehen? Den Gefühlen, die entstanden waren, den Kontakten, den Abhängigkeiten? Den Daten? Sicher ist, dass es in diesen Tagen zum Bruch kam. Dass in ihr etwas zu Bruch gegangen ist. Etwas, das sich nicht reparieren liess.

Sprengstoff

Es war kein Ende. Sondern der Anfang vom Anfang dessen, was später die Affäre Geri Müller werden sollte. Eine in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche Affäre – insbesondere deshalb, weil ihre Vorbereitung bis zum Artikel in der «Schweiz am Sonntag» lückenlos dokumentiert ist. Wer nach den Ursachen fragt, warum Geri Müllers privateste Momente zum Politikum wurden, findet heftige Leidenschaften, tragische Verstrickung und kalt verfolgte Eigeninteressen als Antwort. Beteiligt waren: Sacha Wigdorovits, Josef Bollag, die Journalisten Philipp Gut von der Weltwoche, «Blick»-Chef René Lüchiger und Patrik Müller von der «Schweiz am Sonntag». Mittendrin Milena Graf, die Frau im Besitz des Handys, um das sich Chefredaktoren und Berater rangeln sollten. Bislang hat sich Milena Graf im Hintergrund gehalten. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet erläuterte sie erstmals ausführlich ihre Sicht der Dinge. Uns liegt zudem der Extraktionsbericht vor, den die Polizei Bern Seeland inzwischen erstellt hat.

Es ist für einen Politiker nicht empfehlenswert, seine privatesten Momente in Chats zu teilen und anzügliche Bilder zu verschicken, noch dazu an eine Person, die zwanzig Jahre jünger ist als er und die er kaum kennt. Selbst wenn es einvernehmlich geschieht und niemanden etwas angeht. Denn das ist ein sensibles Stück Information und reagiert, öffentlich gemacht, höchst explosiv. Das wussten alle Beteiligten sehr wohl. Sprengstoff gehört in die Hände von Spezialisten. Sonst könnte es sein, dass alles in die Luft fliegt. Wenn eine Frau einem Mann virtuell derart nahekommt, dann sollte sie sich auf der anderen Seite bewusst sein, dass die virtuelle mit der aktuellen Welt nicht identisch ist. Dass ihr Gegenüber sich als jemand ganz anderes entpuppen könnte, als sie gedacht hat. Und dass das, was sie gedacht hat, mit der Wirklichkeit von Beginn weg wenig zu tun hatte.

Berauscht von der eigenen Mission

Milena Graf ist eine intelligente junge Frau mit lebendigen braunen Augen und dunklem Haar. Sie hat Kunst, Geschichte und Germanistik studiert, als Journalistin und als Lehrerin gearbeitet. Ausserdem malt sie Ölbilder und schreibt an einem Krimi. Sie ist eine genaue Beobachterin mit dem Blick fürs Wesentliche und einer Affinität zu Psychologie und Abgründen der Seele. Sie spricht schnell. Wenn sie in Fahrt kommt, purzeln die Worte beinahe übereinander, ein leichtes Beben in der Stimme verrät ab und zu, wie sehr unter der Oberfläche Gefühle in Aufruhr sind. Die Chronologie der Ereignisse aber hält sie in schöner Ordnung. Sie weiss genau, wer wann was gesagt hat. Wer gelogen und wer Halbwahrheiten erzählt hat. Auf ihrem Handy liefen alle Fäden zusammen, entsprechend wurde es im Sommer 2014 zum Objekt der Begierde zahlreicher Akteure, alles Alphatiere ihrer jeweiligen Branche.

Die Chat-Amour-fou zwischen Milena Graf und Geri Müller begann am 13. Februar und dauerte bis zum 4. April. Graf hatte schon vielen Männern gechattet, aber einen wie Müller hatte sie noch nie zuvor im Internet angetroffen. Er befand sich gerade auf politischer Mission im Ausland, von wo er aufgeregte Depeschen aus Damaskus und Beirut übermittelte, berauscht von der fremden Welt und seiner eigenen Rolle als Vermittler. Er war klug, aufregend, mächtig, eine Persönlichkeit. Die beiden fanden Gefallen am Austausch und kamen sich schnell nah, wie das im virtuellen Raum zwischen sprachgewandten und witzigen Menschen geschehen kann. Bald schon gewährten sie einander intime Einblicke in ihre Psyche und entdecken eine Seelenverwandtschaft.

War sie verliebt? Ein bisschen, sagt sie. Vor allem aber war das Ganze für sie ein grosses Abenteuer. Eine ätherische Vereinigung ganz ohne körperliche Nähe, ohne Schweiss. Auch ohne Bodenhaftung. Denn so verlockend Virtualität sein mag, sie ist auch ein Darkroom der menschlichen Seelen. Das sollten die beiden bald feststellen.

Das wahre Gesicht

Zurück aus Damaskus, wollte Müller Graf treffen. Vielleicht ein Kinobesuch? Sie zögert, Müller insistiert. Derweil chatten sie weiter. Dabei kommt es, sagt Graf, zu ersten Irritationen. Er erwähnt plötzlich eine Partnerin, die er zuvor verschwiegen hatte – obschon sie ausdrücklich danach gefragt hatte. Manchmal stellt sie fest, dass er nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Wenn sie ihn darauf anspricht, hat er tausend Erklärungen zur Hand. Sie möchte glauben, kann es aber nicht. Die Fassade des hohen Herrn Politikers zeigt Risse – aber sie denkt, dass er eben ein Filou ist. Dass sie schon damit werde umgehen können. Als er einen Kinobesuch in Bern vorschlägt, willigt sie ein. Er wählt den Film: Nymphomaniac. Und er wählt die Plätze: ganz hinten. Man kommt sich ein erstes Mal körperlich näher. Es sollte das letzte Mal bleiben.

Dass ein Mann von so hohem Ansehen auch nur von niederen Instinkten gesteuert wird, sei nicht das Problem, wird sie den Journalisten später ihre Motive erläutern. Auch nicht, dass er geflunkert hatte. Sie sei kein Moralapostel, sagt sie heute. Er sollte später sagen, er habe realisiert, dass diese Chats eine Dummheit gewesen waren. Deshalb habe er sich zurückgezogen. Sie behauptet heute, er habe sich von ihr abgewandt, weil sie sich nicht sexuell auf ihn einlassen wollte. Ihre Stimme bebt: Sie fühlte sich benutzt und fallengelassen. Aber sie kannte sein wahres Gesicht. Sie hat alles auf ihrem Handy gespeichert. Zwei Jahre Erfahrung als Gerichtsreporterin hatten sie gelehrt, welche Rolle Information spielen kann. Sie wusste um die Sprengkraft dieser Daten auf ihrem Handy. Sie brauchte nur noch jemanden, der das Dynamit für sie platzierte.

Die Lancierung

Gerigate explodierte am 17.8. mit Patrik Müllers Artikel in der «Schweiz am Sonntag». Die Lunte wurde aber bereits im April in Brand gesetzt. Am 22.4.2014 erhält PR-Berater Sacha Wigdorovits ein Mail: «Sehr geehrter Herr Wigdorovits, ich habe brisante Informationen von und über Geri Müller, NR Grüne Aargau (inkl. zahlreicher Sachbeweise). Das katapultiert ihn für immer aus der Politik. Eine Sache, die grenzüberschreitend einen riesigen Wirbel veranstalten wird. Darf ich Sie deswegen mal anrufen?» Er schreibt zurück: «OK».

Am selben Abend steigt sie für ein Treffen mit dem PR-Mann in die S 6 nach Tiefenbrunnen. Erkennungszeichen: Er trägt blaue Jeans, ein blaues Gilet und eine weisse Augenklappe. Sie eine lange weisse Jacke. Kurz darauf sind sie bei ihm im Büro, sie zeigt ihm das Material. Einem Mann wie Sacha Wigdorovits brauchte niemand zu erklären, was ihm hier angeboten wurde. Sie schickt ihm Screenshots des Chats mit Geri Müller, bereits mit Kommentaren versehen: «Während der Arbeitszeit» oder: «Die ‹Arbeit› des Stadtpräsidenten im Stadthaus Baden.» Er empfiehlt, die Daten von ihrem Handy zu backuppen – zu ihrem Schutz, wie er meint. Aber sie verweigert es ihm. Wigdorovits soll nur den Sprengsatz montieren. Kontrollieren will sie ihn selber.

Wigdorovits stellt die Kontakte her. Am 25.4. gibt er ihr die Nummer von Arthur Rutishauser von der «SonntagsZeitung», mit dem Vermerk, dieser sei bereit, sie anzuhören. Diesen Weg beschreitet sie nicht, doch werden ihr nun die möglichen Konsequenzen einer Veröffentlichung bewusst. Und sie gerät bereits ins Schlingern, schwankt zwischen Empörung und Mitleid. In ihrer Not wendet sie sich an Wigdorovits, aber er schreibt zurück, er könne und wolle ihr keinen Rat geben. Und er bittet sie ausdrücklich, ihn aus der Sache herauszuhalten.

Die Jagd

Die Kommunikation zwischen Bollag und Graf setzt am 27.4. ein. Wigdorovits hatte ihr die Nummer angegeben, Bollag könne sie rechtlich beraten. Bollag ist der politische Gegner Müllers in Baden, der 2013 versucht hatte, Müllers Wahl zu verhindern.

Von diesem Moment an beginnt die Jagd. Und es ist bis heute nicht klar, wer eigentlich wen jagte: Graf glaubt sich von Müller verfolgt, Müller denkt, sie jage ihn, Bollag zielt über Graf auf Müller, Müller will über Graf an das Handy. Joseph Bollag sagt heute, er habe der Frau nur beizustehen versucht. Sicher ist: Graf hat nun plötzlich Angst. Sie fühlt sich beschattet und verfolgt. Sie glaubt, wegen der Informationen auf ihrem Handy in Todesgefahr zu sein. Am 28.4. schreibt sie Bollag: «Zur Sicherheit schicke ich Ihnen sowie einem Freund von Ihnen die Audiodateien von/mit GM. Denn ich sitze im Gang der Wohnung meines Kollegen und starre auf die Tür. Schon seit Stunden. Erwarte, dass jemand einbricht.» Im Fall ihres Todes sei es ihr ausdrücklicher Wunsch und Wille, dass die «Wahrheit über Geri» ans Licht komme. Es wird nicht klar, ob das ernst oder ironisch gemeint ist.

Auch Müller fühlt sich unter Druck, sucht das Gespräch, bemüht sich um sie. Er bringt ihr «Badener Steine» (grosse Pralinen), er lädt sie zum Essen ein. Immer wieder geht es um den Chat. Zwischen ihnen steht, was vorgefallen und auf ihrem Handy festgehalten ist. Daten, die er endlich gelöscht wissen möchte. Steht vielleicht nur das zwischen ihnen – könnte es sonst wieder so sein, wie es einmal war?

Was war, kommt selten wieder. Und wenn, in anderer Form. Der Datenberg hat inzwischen eine gewaltige Sogkraft entwickelt, und Graf treibt in dessen Strudel. Mitte Mai tritt «Blick»-Chef René Lüchinger auf den Plan. Er ist an der Story interessiert, wartet aber ab. Mitte Mai meldet Graf an Bollag, der Artikel solle in zwei Wochen im «Blick» erscheinen. Noch will man den richtigen Zeitpunkt abwarten. Timing ist alles, wenn man den grösstmöglichen Effekt erzielen will. Anfang Juni werden die Pläne konkreter, das berichtet Graf an Bollag. Lüchinger wolle Geri Müller aber zu den Vorwürfen Stellung nehmen lassen. Das, so Graf «könnte der heikle Punkt sein». Zudem legt Lüchinger die Entscheidung, ob das publiziert werden soll oder nicht, ganz in ihre Hände. Ein weiterer heikler Punkt. Da gibt es die Fantasie, einen riesigen Skandal auffliegen zu lassen. Und dann gibt es die reale Vorstellung, was dann alles passieren könnte. Alles ist bereits eingefädelt beim «Blick», da zieht sie sich im letzten Moment zurück. Sie verfasst einen «Appell an die Menschlichkeit», Müller sei schliesslich auch nur ein Mensch, wie wir alle. Und er mache Fehler, wie wir alle. Ein wahres Wort.

Ebenfalls Anfang Juni nimmt sie mit Philipp Gut von der «Weltwoche» Kontakt auf. Auch Gut steigt auf die Story ein, bleibt aber zurückhaltend. Graf will mit ihm das Für und Wider diskutieren, schildert Müllers Missetaten, artikuliert ihr Mitleid, appelliert an seines. Sie schreibt: «Mein Schmerz, meine Enttäuschung, meine Wut auf Geri leiten mich. Dass er Menschen ausnützt und die Macht infolge seiner Ämter missbraucht.» Aber sie sorgt sich auch, dass sie «mit untergehen» könnte bei dem ganzen Skandal. Auch bei der «Weltwoche» zieht sie sich zurück.

Die Unentschlossene

Dann kommt der August. Die NZZ-Story über die sogenannte Pornosekretärin sorgt für grosses Aufsehen. Eine Angestellte im Bundeshaus, die sich nackt im Büro fotografiert hatte – und ein paar Tage später entlassen wurde. Lüchinger und Gut erkennen das Momentum. Beide melden sich bei Graf, ob sie nicht auf die Sache Geri Müller zurückkommen möchte. Das weiss auch Bollag. Immer wieder ruft er an, und appelliert in Textnachrichten an ihr Pflichtgefühl. Er packt sie bei ihren Ängsten, warnt davor, dass sie als rachsüchtige Ex schlecht wegkommen könnte, wenn sie nicht kooperiere. Er entwickelt ausserdem den «Plan Biel». Graf, ansässig in Biel, soll dort Anzeige erstatten. Oder zumindest abklären lassen, ob beim Verhalten des Politikers ein Offizialdelikt vorliegen könnte. Damit könne sie auf Nötigung und Amtsmissbrauch pochen und das «Schlüpfrige» sei bloss eine Nebensache, schreibt Bollag. Ausserdem hätte sie damit den juristischen Weg beschritten, interessierte Journalisten könnten sich dann auf die Anzeige beziehen. Und würden nicht weiterfragen. Aber wieder zögert sie. Sie wolle nur Transparenz schaffen, erklärt sie ihm. Müller anzuzeigen hätte in ihren Augen wesentlich mehr Rachecharakter, als die Medien zu informieren.

Joseph Bollag sagt heute, Graf habe ihm das Material ungefragt zugesandt und ihn um Unterstützung gebeten. Die vielen Anrufe habe er deshalb getätigt, weil sie stets um sofortigen Rückruf gebeten, er sie aber nicht erreicht habe. Die Darstellung, er habe im Hintergrund die Fäden gezogen, weist er zurück.

Graf entscheidet sich schliesslich, die Sache mit Gut abzuwickeln. Oder mit dem «Blick». Oder mit beiden. Sie kann sich nicht richtig entscheiden. Also wendet sie sich wieder an Wigdorovits mit der Frage, was sie tun solle. Er gibt weitere Anweisungen.

Die Explosion

Es ist Samstag der 9.8. Am Abend trifft sie sich mit Geri Müller, der ihr erklären will, warum der Fall der Pornosekretärin mit seinem nicht vergleichbar sei. Die Situation war schräg, sagt Graf heute. «Ein eigenartiger Samstag. Sehr schlimm.» Am selben Tag schreibt sie Bollag, sie werde die Sache durchziehen, denn sie habe sich von Geri «für immer verabschiedet». Bollag gratuliert und verabschiedet sich seinerseits. Jetzt gilt es, von der Bildfläche zu verschwinden, bevor gleich alles in die Luft fliegt.

Am nächsten Tag reist Graf nach Zürich an die Förrlibuckstrasse zur «Weltwoche»-Redaktion. Dort versorgt sie Philipp Gut mit Beweisen, Screenshots aus dem Chatverlauf. Auf seine Aufforderung, die Daten auf einem Stick mitzubringen, geht sie nicht ein. Gut schreibt die Story. Am Dienstag 12.8. fragt Graf nach, wie es um die Geschichte stehe. Er schreibt zurück: «Wir haben intensiv diskutiert und sind zum Schluss gekommen, das gehört sich nicht, was Geri Müller getan hat. Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, was in den Amtsstuben passiert.»

Doch Frau Graf ist sich einfach nicht sicher, was das Richtige ist. Einmal freut sie sich Joseph Bollag gegenüber über das perfekte Timing: Fussball-WM zu Ende, Sommerferien vorüber und jetzt die Ouvertüre mit der Porno-Sekretärin, ein Ausläufer des Sommerlochs. Für einen Politskandal verspricht das höchstmögliche Aufmerksamkeit. «Ade Geri Müller!» frohlockt sie gegenüber Bollag. Zugleich erkundigt sie sich bei Gut nach Müllers Reaktion auf den geplanten Artikel: «Hat er geweint? Bringt er sich um??? Was meinen Sie?»

Die «Weltwoche» mit dem Skandal Geri Müller sollte am Mittwoch dem 13.8. in Druck gehen. Am Abend verhindert Geri Müllers Anwalt Andreas Meili die Publikation in letzter Sekunde. Graf ist enttäuscht. Erleichtert. Erschöpft. Die Macht des Politikers hat über die Pressefreiheit gesiegt. Sie informiert Wigdorovits über diese Entwicklung und schreibt: Nie mehr werde sie mit den Medien kooperieren. Sie verabschiede sich für immer vom Thema Geri Müller.

Am selben Abend wird sie um 21.20 Uhr von der Badener Stadtpolizei vor dem Haus von Geri Müller aufgegriffen. Dessen Exfrau hat sie zu einem Gespräch in Baden eingeladen. Als sie bei ihr klingelt, tauchen zwei Polizeibeamte auf, die sie mitnehmen. Noch im Auto schildert sie den Beamten, warum sie in Baden ist, dabei kommt auch das Handy zur Sprache, mitsamt den brisanten Informationen drauf. Die Beamten sind verwirrt, sie hatten andere Informationen. Sie bringen sie auf den Posten und lassen sich alles erzählen. Um zwei Uhr morgens wird sie entlassen und landet im Spital, wo sie um 5 Uhr früh Wigdorovits und Gut informiert. «Ein realer Krimi, gestern in Baden geschehen. Und: Alles Wahnsinns-Vorgänge gestern in Baden!»

Doch es ist noch nichts vorbei. Frühmorgens tauchen Polizisten im Spital auf und fragen nach ihrem Handy. Sie brauchen es zur Beweissicherung. Sie will es nicht hergeben, sie weiss auch nicht, ob die Polizisten von der Stadt- oder der Kantonspolizei sind. Auf jeden Fall insistieren sie, sie müsse das Handy sofort geben. Aber Graf hat genug amerikanische TV-Serien gesehen, um zu wissen, was man in einer solchen Situation tut. Sie fragt nach dem richterlichen Befehl. Den die Polizei nicht hat. Und also darf sie das Handy behalten. Später, als sie die Vorgänge Wigdorovits schildert, wird sie schreiben: «Ich hatte keine Ahnung, ob das funktioniert. Aber die Richterin hat ihnen keine Erlaubnis erteilt. Er schreibt: «Könnten Sie jetzt bitte die irrelevanten Details weglassen und mir Schritt für Schritt schildern, was geschehen ist?»

Donnerstagmorgen um 8.05 Uhr schliesslich wieder eine Nachricht von Wigdorovits: «Sitze jetzt mit Patrik Müller zusammen.» Drei Tage später erscheint der Artikel in der «Schweiz am Sonntag». Er verläuft exakt entlang der Argumentationslinie, die Graf bereits im Mail an Wigdorovits entworfen hatte: Nacktbilder im Stadthaus, während der Arbeitszeit, versandt im Bundeshaus. Kombiniert mit dem Polizeieinsatz.

Niemand bleibt bei dieser Explosion unbeschadet. Geri Müller wird blossgestellt, der Stadtrat entzieht ihm alle Dossiers. Die Rollen von Sacha Wigdorovits und Joseph Bollag werden in der darauf folgenden Woche bekannt. Eine Woche später wägt Philipp Gut in einem langen Artikel Patrik Müllers Argumente für die Publikation der Geschichte ab. Er kommt zum Schluss, dass diese sehr schwach seien. Denn weder sei ein Amtsmissbrauch von Geri Müller festzumachen, noch könne «am legalen, einvernehmlichen Sexdialog zwischen zwei Erwachsenen» ein öffentliches Interesse geltend gemacht werden. Stattdessen diagnostiziert er Graf eine «Borderline-Persönlichkeit». Wiederum eine Woche später, distanziert sich der Grand Old Man des Journalismus, Urs Paul Engeler öffentlich von der «Weltwoche», weil er nicht gutheissen könne, wie Philipp Gut seine Informantin vorgeführt hatte. Schliesslich geht Geri Müller mit Anzeigen gegen Milena Graf, Patrik Müller von der «Schweiz am Sonntag» und verschiedene andere Medien vor. Milena Graf ist nichts geblieben. Ihr Handy und ihre Computer mit all ihren Daten, auch dem angefangenen Krimi, sind zur Beweisnahme konfisziert. Sie hofft, wenigstens die Daten zurück zu bekommen, gern auch die Geräte. Um mit ihrem Leben weitermachen zu können. Sie wartet noch immer darauf. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.12.2014, 06:19 Uhr

Bildstrecke

Protagonisten der Affäre Geri Müller

Protagonisten der Affäre Geri Müller Eine Übersicht zum Politskandal des Jahres 2014.

In der Affäre Geri Müller floss Geld

Neue Entwicklung im Skandal um Geri Müller: Der Badener Jurist Josef Bollag hat der Ex-Chatbekannten von Müller 2000 Franken bezahlt. Dies berichtet die «Sonntagszeitung». In den Akten der Berner Kantonspolizei fänden sich unter den Hunderten von SMS auch verklausulierte Nachrichten, in denen die beiden von einer Katze redeten - laut dem Bericht ein Code-Wort für Geld.

Demnach schrieb die Frau an Bollag am 10. August 2014, eine Woche bevor der Skandal publik wurde: «Ich habe voraussichtlich einen Engpass bis Ende Monat, (...) darf ich Sie fragen, ob ich mit Ihrer Hilfe die Katze übers Wasser bringen kann? V.a. befreie ich Baden von einem Irren...» Auch Bollag verschickte an sie mehrere SMS über eine Pendenz mit einer Katze.

Bollag bestätigt gegenüber der «Sonntagszeitung»: «Es trifft zu, dass mich Frau ... um Hilfe bat und ich ihr einmal eine finanzielle Unterstützung gewährte.» Er habe ihr 2000 Franken bezahlt, weil sie sich bedroht gefühlt habe und nach Frankreich reisen wollte. Die Frau will sich nicht daran erinnern. Bisher war publik, dass Josef Bollag und der PR-Berater Sacha Wigdorovits – seit Jahren wegen der Israel-Frage erklärte Gegner von Geri Müller – die Frau aus dem Hintergrund instruierten, um die Affäre in die Medien zu bringen.

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