Viel Zeit für den Atomausstieg

Die Atomaufsicht erachtet neu AKW-Betriebsdauern von mehr als 60 Jahren als möglich. Der Ausstiegsfahrplan des Bundesrats wird immer unrealistischer.

Bis zu 60 Jahren Betriebsdauer wenn es nach der Atomaufsicht geht: AKW Leibstadt. Bild: Keystone/Alessandro Della Bella

Bis zu 60 Jahren Betriebsdauer wenn es nach der Atomaufsicht geht: AKW Leibstadt. Bild: Keystone/Alessandro Della Bella

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2034 soll das letzte Schweizer Atomkraftwerk vom Netz. Dann wird der jüngste Reaktor, derjenige in Leibstadt, 50 Jahre alt. Auf dieser Annahme basieren die Berechnungen der Energiestrategie von Bundesrätin Doris Leuthard. Daraus abgeleitet ergibt sich beispielsweise der Bedarf an erneuerbaren Energien, die notwendig sind, um den wegfallenden Atomstrom zu ersetzen.

Die 50-jährige Betriebsdauer der Atomkraftwerke ist einer der grund­legenden Prämissen von Leuthards Szenario. Doch nun zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Prämisse weit von der Realität entfernt sein könnte. Am Montag veröffentlichte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinstitut (Ensi) auf seiner Website einen neuen Text zum Thema Laufzeiten, wie die NZZ bekannt machte. Darin steht: «Die neueren Anlagen Gösgen und Leibstadt können aus rein technischer Sicht und aufgrund der aktuellen Einschätzung auch über 60 Jahre hinaus betrieben werden.» Zudem erwähnt das Ensi Über­legungen in den USA, Atomkraftwerke bis zu 80 Jahre laufen zu lassen.

Der Zeitpunkt ist bedeutsam

Diese Sprachregelung ist neu. In früheren Verlautbarungen war die Einschätzung der Atomaufsicht jeweils noch: Nach maximal 60 Jahren ist Schluss. Ob die Betriebsdauern «40, 50 oder gar 60 Jahre sind, hängt nicht zuletzt mit der Bereitschaft der Besitzer zusammen, die Kraftwerke wie bis anhin ständig sicherheitstechnisch weiter nachzurüsten», heisst es beispielsweise in einem Kommentar von Ensi-Direktor Hans Wanner. Ab 2012 propagierte das Ensi sodann den Vorschlag, dass AKW-Betreiber nach 40 Jahren ein Betriebskonzept mit Investitions- und Personalplanung einreichen müssen, um die Erlaubnis für weitere 10 Betriebsjahre zu erhalten. Nach 50 Jahren hätte das Prozedere danach «erneut für maximal 10 Jahre» wiederholt werden können.

Das Ensi justiert seine offizielle Haltung zu einem politisch bedeutsamen Zeitpunkt. In der Wintersession kommt Leuthards Energiestrategie in den Nationalrat. Die vorberatende Kommission will in den kommenden Wochen die letzten Fragen zur Vorlage klären. Dabei geht es just um den Gesetzesartikel, der den Langzeitbetrieb der Atomkraftwerke regeln soll. Nachdem sich eine Laufzeitbegrenzung auf 50 oder 60 Jahre als kaum mehrheitsfähig erwiesen hatte, will die Kommissionsmehrheit lediglich einführen, dass die AKW-Betreiber der Atomaufsicht alle 10 Jahre ein Betriebskonzept vorlegen müssen, um die Bewilligung für den Weiterbetrieb zu erhalten. Erst kürzlich haben die Stromkonzerne Axpo und Alpiq zudem beschlossen, die Abschreibungsdauer ihrer Atomkraftwerke Beznau, Gösgen und Leibstadt von 50 auf 60 Jahre zu erhöhen.

Bund bleibt bei seiner Rechnung

Ein Sprecher des Ensi erwidert die Frage, weshalb die Sprachregelung angepasst wurde, so: «Das Ensi hat in den vergangenen Jahren nie das Gegenteil gesagt.» Die grundsätzliche, unveränderte Haltung des Ensi lautet: Nicht das Alter, sondern Zustand und Sicherheit eines AKW entscheiden über die Be­willigung für den Weiterbetrieb.

Trotz der sich abzeichnenden Verzögerung des Atomausstiegs hält das Bundesamt für Energie nach wie vor an seinen Berechnungen fest. Für die Modellrechnungen habe eine Annahme zur möglichen Laufzeit getroffen werden müssen, sagt eine Sprecherin. Es sei stets klar kommuniziert worden, dass dies keine Festlegung der tatsächlichen Laufzeit sei. «Insofern ist keine Anpassung der Energieperspektiven notwendig, da die Möglichkeit, dass die Laufzeit kürzer oder länger sein kann, stets ­mitgedacht wurde.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2014, 23:08 Uhr

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