«Vielen Frauen geht es psychisch schlecht»

Frauen kämpften in Haft häufiger als Männer mit psychischen Problemen, sagt Annette Keller, Direktorin der Anstalten Hindelbank. Sie litten insbesondere wegen ihrer Kinder.

Einblick ins Frauengefängnis Hindelbank: Ein Grossteil der Insassinnen ist traumabelastet. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

Einblick ins Frauengefängnis Hindelbank: Ein Grossteil der Insassinnen ist traumabelastet. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Laut der «Schweiz am Sonntag» ist jedes vierte Gefängnis in der Schweiz medizinisch unterversorgt. Überrascht Sie dieser Befund?
Nein. Zum einen sind gerade psychische Erkrankungen bei Häftlingen sehr häufig. Sie wirken sich auch auf die physische Gesundheit aus. Zum anderen höre ich immer wieder von anderen Anstaltsleitern, wie schwierig es ist, Pflegefachpersonal zu rekrutieren.

Womit hat das zu tun?
Es wird generell immer schwieriger, Pflegefachpersonal zu finden. Die Arbeit ist streng, die Löhne sind eher tief. In Haftanstalten ist das Arbeitsumfeld noch anspruchsvoller und mitunter sehr belastend.

Sind die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung der Grund für die medizinische Unterversorgung?
Ja, das ist ein Grund. Ein weiterer ist die Tatsache, dass viele Häftlinge mit einer psychischen Erkrankung im ­Gefängnis sehr lange auf einen Platz in einer Klinik oder einer Massnahmenstation warten müssen. In Kliniken mangelt es an solchen geschlossenen Plätzen, so erhöht sich der Bedarf an medizinischer und psychiatrischer Versorgung in den Gefängnissen. Ich glaube übrigens, dass die medizinische Unterversorgung hauptsächlich die eigentlichen Gefängnisse betrifft.

Wie meinen Sie das?
Es gilt zu unterscheiden zwischen Gefängnissen und Justizvollzugsanstalten, wir wir es eine sind. In Ersteren sind Häftlinge oft 23 Stunden am Tag eingeschlossen, in Zweiteren dürfen sie die Zelle tagsüber verlassen, sie arbeiten, leben mit anderen Häftlingen auf einer Wohngruppe, treiben Sport. Das alles hat einen grossen Einfluss auf die Gesundheit.

Wie ist die medizinische Betreuung in Hindelbank organisiert?
Wir haben neun Pflegefachfrauen, die sich sechs Vollzeitstellen teilen. Mindestens eine von ihnen ist rund um die Uhr vor Ort. Zweimal pro Woche kommt zudem die Anstaltsärztin auf Visite, in unserem Fall die Amtsärztin des Kantons Bern. Sie bietet Frauen zum Untersuch auf, oder aber diese melden sich zur Sprechstunde an. Weiter gibt es eine Gynäkologin, eine Psychiaterin und eine Physiotherapeutin. Auch eine Präven­tionsbeauftragte ist regelmässig vor Ort.

Was macht diese konkret?
1994 wurde in Hindelbank ein Projekt zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten lanciert, seither arbeitet eine Pflegefachfrau in der Anstalt. Sie führt mit jeder einzelnen Insassin ein Eintrittsgespräch. Themen sind Infektionskrankheiten wie HIV oder Hepatitis C ­sowie Erfahrungen mit Drogen. Für die Insassinnen ist entscheidend, dass die Präventionsbeauftragte uns gegenüber keine Meldepflicht hat und wie die Ärzte an die Schweigepflicht gebunden ist.

Wie sieht es mit dem Drogenkonsum in Hindelbank aus?
Es ist ein Fakt, dass es in Anstalten mit offenem Vollzug nicht immer gelingt, Drogen draussen zu halten – beispielsweise Heroin, Kokain oder Benzodiazepine. Falls trotz aller Kontrollen Drogen in die Anstalt gelangen, sollen die Frauen diese wenigstens sauber konsumieren. Deshalb können sie bei uns sterile Spritzen beziehen, auch wenn das paradox klingt.

Damit sind Sie in der Minderheit. Die meisten Gefängnisse wehren sich gegen den Plan des Bundes, eine «saubere» Drogeninjektion zu ermöglichen (Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom 18. 10. 14).
Im Kanton Bern ist das die offizielle Praxis, auch die Justizvollzugsanstalt Thorberg gibt saubere Spritzen ab. Das alleine reicht aber nicht aus. Man muss die Häftlinge gleichzeitig über die An­steckungsgefahren in Bezug auf In­fek­tionskrankheiten informieren und eine vertiefte Beratung anbieten – mittels eines möglichst niederschwelligen Angebots.

Gefängnisdirektoren befürchten, dass eine Spritzenabgabe die Häftlinge zu Gewalttaten oder gar erst zum Konsum verführen würde.
Ich habe noch nie erlebt, dass Spritzen gebraucht wurden, um jemanden zu bedrohen oder anzugreifen. Auch ist mir nicht bekannt, dass jemals eine Frau erst in der Anstalt zu konsumieren begonnen hat, weil ihr eine Spritze zur Verfügung gestellt wurde.

Übernimmt Ihr Aufsichtspersonal auch medizinische Aufgaben, etwa die Abgabe der Medikamente?
Das Aufsichtspersonal gibt keine Medikamente ab, jedoch unsere Betreuungspersonen. Das ist nicht ideal, geht aber aus Kapazitätsgründen nicht anders. Immer­hin stellt eine Pflegefachfrau die Medikamente bereit, und eine zweite Pflegefachfrau überprüft diese.

Besteht nicht trotzdem die Gefahr von Missbrauch?
Ja, diese besteht, allerdings unabhängig davon, wer die Medikamente abgibt. Es kommt immer wieder vor, dass eine Frau, obwohl bei der Einnahme überwacht, eine Tablette im Mund aufbewahrt und später verkauft, statt sie selber zu schlucken. Etwa ein Drittel der Insassinnen war vor dem Gefängniseintritt von Drogen, Alkohol oder Medikamenten abhängig. Der Suchtdruck macht erfinderisch.

Wie oft bemerken Sie Missbräuche?
Das stellen wir im Moment einmal pro Monat fest, dann wieder länger nicht. Wir gehen davon aus, dass wir nicht ­alles entdecken, obwohl wir genau hinschauen. Gleich verhält es sich bei den Kontrollen nach Ausgängen, bei Postsendungen und Besuchen.

Welches sind die gesundheitlichen Probleme, mit denen die Insassinnen am häufigsten zu kämpfen haben?
Häufig sind Schlafprobleme sowie Prob­leme mit der Verdauung, dem Rücken, dem Nacken und der Haut, etwa Allergien. Auch Kopfweh macht den Frauen zu schaffen. Vieles ist psychosomatisch bedingt.

Wie steht es um die psychische Verfassung der Frauen?
Im Vergleich zu den Frauen in Freiheit geht es ihnen eindeutig schlechter. Von knapp 100 Insassinnen sind bei uns rund 40 in einer angeordneten forensischen Therapie. In Deutschland sind laut einem Fachartikel 70 Prozent der Frauen im Vollzug traumabelastet. Ich gehe davon aus, dass das auch auf Hindelbank zutrifft. Das äussert sich in den klassischen posttraumatischen Belastungsstörungen oder aber in Persönlichkeitsstörungen. Vielen der eingewiesenen Frauen geht es psychisch immer wieder schlecht.

Schlechter als den Männern in Haft?
Wohl etwa die Hälfte der Männer im Vollzug haben ebenfalls psychische Prob­leme, das ist viel, aber klar weniger als bei den Frauen. Diese haben aufgrund ihres Geschlechts eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, Opfer eines sexuellen Missbrauchs oder häuslicher Gewalt zu werden. Sie leiden häufiger an Befindlichkeitsstörungen, wie auch Kollegen aus dem Ausland bestätigen.

Welche Rolle spielt die Trennung von den Kindern?
Ich glaube, sie spielt eine grosse Rolle. Die Schuld den Kindern gegenüber, das Wissen, sich nicht um diese kümmern zu können, belastet die Frauen sehr, ich vermute sogar stärker als die Männer. Aber das kann ich nicht belegen.

Welchen Einfluss hat das Delikt?
Die Belastung der eigenen Geschichte ist gross. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Delikt und dessen Konsequenzen für die Opfer oder Angehörigen. Kommt dazu, dass das Leben hinter Gittern an sich schwierig ist. Man ist getrennt von Familie und Freunden, verbringt 24 Stunden pro Tag am selben Ort. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gesundheitsfördernd ist. Gleichzeitig gibt es Frauen, denen es im Gefängnis gesund­heitlich besser geht als draussen.

Auf was für Frauen trifft das zu?
Das gilt insbesondere für drogensüchtige Frauen, die in Freiheit einen grossen Beschaffungsstress haben. Sie kommen nicht dazu, sich um ihre Gesundheit zu kümmern, sie essen nicht genug und werden kaum medizinisch versorgt. Das ist im Gefängnis anders.

Erstellt: 16.02.2015, 23:14 Uhr

Annette Keller
Die ehemalige Pfarrerin (54) leitet seit 2011 die Anstalten Hindelbank, die schweizweit einzige Justizvollzugsanstalt nur für Frauen.

Unterversorgung

Jedes vierte Gefängnis betroffen

Bei der medizinischen Versorgung in den 114 Schweizer Gefängnissen besteht Handlungsbedarf, wie die «Schweiz am Sonntag» berichtet. Während in einzelnen Anstalten die medizinische Betreuung wie in einer Gemeinschaftspraxis organisiert sei, gebe es Gefängnisse, in denen weder Pflegefachleute noch ein Arzt arbeiteten. Vor allem die kleineren Institutionen seien oft unterversorgt, sagt Bidisha Chatterjee, Präsidentin des Fachrats Santé Prison Suisse: «Jedes vierte Gefängnis ist medizinisch unterversorgt.» Für Walter Troxler, Chef Fachbereich Straf- und Massnahmenvollzug, drängen sich deshalb schweizweite Standards auf. Konkret plädiert er für einheitliche Medikamentenabgaben, das Führen von Patientenakten und Gesundheitschecks für Gefangene beim Eintritt. (sir )

Artikel zum Thema

Die Spritze als Stichwaffe – oder als Lockmittel

Verschiedene Kantone wehren sich, in den Gefängnissen eine «saubere» Drogeninjektion zu ermöglichen. Befürchtet wird, eine obligatorische Spritzenabgabe würde die Häftlinge zu Gewalttaten oder zum Konsum verführen. Mehr...

«Martin Graf trägt die Verantwortung für die Erkrankung von Gefängnisinsassen»

Justizdirektor Martin Graf (Grüne) will keine Spritzenabgabe in den Zürcher Gefängnissen. Facharzt Philip Bruggmann ist entsetzt. Das sei ein Rückfall in die unheilvollen Platzspitz-Zeiten. Mehr...

Psychische Probleme, Drogen und Geschlechtskrankheiten

Zwei Studien gingen der Gesundheit jugendlicher Häftlinge in der Schweiz auf den Grund. Das Ergebnis: Die psychische und körperliche Verfassung von jungen Menschen in Haftanstalten ist schlecht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...