Bern

Von Damaskus nach Bern

Vor 16 Monaten ist Edmond Alkhali mit seiner Familie aus Syrien in die Schweiz geflüchtet. Ein Leben zwischen Sorge um seine Verwandten in Damaskus und Suche nach Arbeit.

In der Gelateria di Berna füllt Edmond Alkhali seit Anfang Juni Cornets mit Glacé, knüpft Kontakte und lernt Deutsch. In seiner Heimat Damaskus betrieb er ein Café, zwei Hostels sowie ein Büro als Grafiker und Innendesigner.

In der Gelateria di Berna füllt Edmond Alkhali seit Anfang Juni Cornets mit Glacé, knüpft Kontakte und lernt Deutsch. In seiner Heimat Damaskus betrieb er ein Café, zwei Hostels sowie ein Büro als Grafiker und Innendesigner. Bild: Enrique Munoz Garcia

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Es war halb acht Uhr morgens, ein Freitag Anfang Januar 2012, als Edmond Alkhali beschloss, seine Heimat zu verlassen. Er sass Zuhause in Damaskus am Küchentisch und hörte in der Ferne die Explosion: Eine Autobombe, die dritte in der syrischen Hauptstadt Damaskus, war in der Nähe eines Geheimdienstgebäudes im Stadtteil Midan explodiert. Dort wo Edmond Alkhali jeden Morgen mit dem Auto vorbeifuhr, wenn er seinen Sohn Carlos zu dessen Grossmutter Suher brachte.

Heute, 19 Monate später, lebt Edmond Alkhali mit seiner Frau Irina, einer Schweizerin, und den beiden Kindern Carlos und Calina in Bern. 2800 Kilometer entfernt vom Bürgerkrieg in seiner Heimat, der im März 2011 begonnen hat. Der 41-jährige Syrer erinnert sich an die Momente im Auto, wenn er an einer Ampel warten musste: «Jedes Auto hier könnte eine Bombe versteckt haben, war mein Gedanke.» Zu seiner politischen Meinung möchte er sich in der Zeitung nicht äussern; das wäre zu gefährlich, sagt er.

Geschäftsmann in Damaskus

Sieben Wochen nach der Explosion reist Edmond Alkhalis Frau Irina mit dem kleinen Carlos in die Schweiz. Sie ist zu diesem Zeitpunkt hochschwanger. Nochmals vier Wochen später folgt Edmond Alkhali seiner Familie – mit einem der letzten Flugzeuge, das vom Damaskuser Flughafen Richtung Europa startet, bevor er schliesst. Auto und Motorrad hatte er verkauft, das selber umgebaute Haus vermietet. Verkaufen wollte er es nicht: «Vielleicht können wir irgendwann zurückkehren», sagt der Christ. Das Geld gab er Suher und Diana, seiner Mutter und Schwester, die in Damaskus blieben.

Bereits 2007 hat Edmond Alkhali mit Irina drei Monate lang in der Schweiz gelebt. Kennengelernt hatte er die Schweizerin, als sie in Damaskus einen Sprachaufenthalt machte und regelmässig auf ein Espresso in sein Café kam: «Wir wollten herausfinden, wo es uns besser gefällt.» Sie entschieden sich für Damaskus: Dort hatte sich Edmond Alkhali sein Leben aufgebaut – mit einem Café, zwei Hostels, einem Büro als Grafiker und Innendesigner. Irina konnte bald am Goethe-Institut Deutsch unterrichten, hier in der Schweiz arbeitet sie nun beim Bundesamt für Migration.

Arbeit in der Gelateria

Wenn seine Frau arbeitet und die Kinder in der Kita sind, hat Edmond Alkhali Zeit, um Bewerbungen zu schreiben – viele Bewerbungen. Zweimal hätte er fast einen Job als Fahrer einer Umzugsfirma bekommen, zweimal wurde ihm wieder abgesagt. Das Problem: Sein fehlender Fahrausweis. Das Strassenverkehrsamt betrachtet seinen syrischen Ausweis, den er seit 21 Jahren hat, als gefälscht. Ein Anwalt versucht nun vor Gericht, den Entscheid rückgängig zu machen.

Keinen Fahrausweis braucht er in der Gelateria di Berna, wo er seit Anfang Juni Cornets mit Schoggi-, Nuss- oder Mango-Glacé füllt. Ihm gefällt es hinter den Vitrinen, nicht nur wegen des Geldes: «Dank den Gesprächen mit den Kunden kann ich schon besser Deutsch, zudem habe ich viele nette Menschen aus dem Team kennengelernt.»

In Damaskus hat er mehr als 100 Prozent gearbeitet, in Bern ist jeden Mittwoch Papa-Tag: Im Sommer geht Edmond Alkhali mit dem dreijährigen Carlos und der 15-monatigen Calina in der Badi plantschen, im Winter auf den Gurten schlitteln. Bald sehen die Kinder ihre Oma Suher wohl nicht mehr nur per Skype, sondern live: In einer Woche wollen Alkhalis Mutter und Schwester mit dem Auto in den Libanon fahren. Die Angst ist da: «Man weiss nie, wann die Autobahn Richtung Westen zumacht.» In der libanesischen Hauptstadt Beirut wollen sie auf der Botschaft ein Visum beantragen und von dort in die Schweiz reisen. In Damaskus ist dies nicht möglich: Alle Botschaften sind geschlossen. Sowieso: Viele Supermärkte sind zu, Gas und Benzin knapp und teuer, Strom gibt es nicht immer.

Traum vom eigenen Geschäft

Irgendwann möchte Edmond Alkhali auch hier ein eigenes Geschäft haben. Vielleicht ein syrisches Fast-Food-Lokal mit Falafel und Humus? Oder eine Kinderbörse im Breitsch? «Wer weiss, ich arbeite daran.» Die ersten Latzhosen und Plüschtiere vom Flohmarkt hat er schon parat.

Erstellt: 05.08.2013, 06:33 Uhr

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