Hintergrund

Wie Deutschland ohne Wehrpflicht kämpft

Was die Schweiz diskutiert, hat Deutschland bereits getan: Die Wehrpflicht abgeschafft. Nun muss die Bundeswehr um Bewerber kämpfen.

Deutschland kennt keine allgemeine Wehrpflicht mehr, hat (derzeit) aber noch genug Nachwuchskräfte: Bundeswehr-Soldat in Afghanistan im Einsatz.

Deutschland kennt keine allgemeine Wehrpflicht mehr, hat (derzeit) aber noch genug Nachwuchskräfte: Bundeswehr-Soldat in Afghanistan im Einsatz. Bild: Keystone

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Beim Empfang in der Schweizer Botschaft in Berlin hat Ernst-Reinhard Beck kürzlich mit Armeechef André Blattmann gesprochen. Dem Korps-Kommandanten riet der deutsche Bundestagsabgeordnete, Sprecher für Verteidigungspolitik der regierenden CDU: «Schaffen Sie in der Schweiz Ihre Wehrpflicht nicht ab.»

Während die Schweizer ihre Abstimmung noch vor sich haben, setzte Deutschland seine Wehrpflicht bereits 2011 aus. Welche Erfahrungen hat der Nachbar damit gemacht? Beck lag damals mit CSU-Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg über Kreuz. Dieser wollte die Wehrpflicht aussetzen, der Abgeordnete daran festhalten. Seine beiden Hauptargumente findet er auch heute noch richtig. «Erstens verankerte die Wehrpflicht die Truppe in der demokratischen Gesellschaft», sagt Beck. «Und zweitens hatte die Bundeswehr kein Nachwuchsproblem. Sie konnte sich die guten Leute aus der grossen Zahl aussuchen.»

Insgesamt ist die Abschaffung der Wehrpflicht in Deutschland zwar breit akzeptiert. Das Thema ist erledigt, die Bürger und besonders die potenziell betroffenen jungen Männer trauern ihr nicht nach. Aber Experten äussern immer wieder Zweifel, dass die Bundeswehr genügend Bewerber akquirieren könne, um funktionsfähig zu bleiben.

Einer der Kritiker ist ein alter Kenner der Materie: Hans Rühle, von 1982 bis 1988 Leiter des Planungsstabes im Bonner Verteidigungsministerium. In der Zeitung «Die Welt» rechnete Rühle unlängst vor, dass die Bundeswehr zu wenige Bewerber besonders für den freiwilligen Wehrdienst heranhole. Dieser ist in gewisser Weise der Nachfolger der Wehrpflicht. Junge Männer und Frauen können bis zu 23 Monate Dienst tun. 5000 bis 10'000 von ihnen sollen die 45'000 Berufs- und 125'000 Zeitsoldaten unterstützen.

Derzeit keine Nachwuchssorgen

Rühle argumentiert, dass gegenwärtig jedoch nur «2000 bis 3000 freiwillig Wehrdienstleistende die vorgegebenen Voraussetzungen für eine sinnvolle Verwendung erfüllen». Denn die meisten der ohnehin viel zu wenigen Aspiranten für den freiwilligen Dienst würden nur eine kurze Zeit bei der Bundeswehr unterschlüpfen wollen, bevor sie einen anderen Beruf ergreifen – zu kurz, um sie in Auslandseinsätze wie nach Afghanistan oder Somalia zu schicken.

Das will die Regierungskoalition nicht auf sich sitzen lassen. Auf Basis aktueller Zahlen erklärt Verteidigungspolitiker Beck, 2012 seien von 19'000 Bewerbern für den freiwilligen Dienst rund 10'000 eingestellt worden. Dieses Jahr werde man eine ähnliche Grössenordnung erreichen. Damit seien auch rund 7000 Kurzzeit-Soldaten vorhanden, denen man einen UN- oder NATO-Einsatz zumuten könne. «Die Skepsis ist also unbegründet», sagt Beck. Tatsächlich scheint die Bundeswehr augenblicklich so attraktiv zu sein, dass sie kaum Nachwuchssorgen hat. In einer Studie des Umfrageinstitutes Trendence nannten deutsche Schulabgänger kürzlich ihre Wunsch-Arbeitgeber: Die ersten drei Plätze belegten die Polizei, das Medienunternehmen ProsiebenSat 1 und die Bundeswehr. Dann folgen Firmen wie BMW, Porsche und Adidas. Die Umfrager erklären das Ergebnis mit dem Wunsch der Schüler nach einem sicheren Job.

«Wir haben eine hohe Qualität der Bewerber», sagt ausserdem Oberstleutnant Boris Nannt, ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, der bis vor drei Monaten selbst als Kommandeur eines Logistikbataillons Einblick in die Truppe hatte. «Der Grossteil von ihnen hat mittlere Reife oder Abitur, viele verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Sie sind motiviert und wissen, was sie wollen.» Besonders Letzteres konnte man von den früheren Wehrdienstpflichtigen nicht behaupten.

Dies mag die kurzfristige Perspektive sein. Aber wie sieht es langfristig aus? In Deutschland sinkt die Zahl der Berufsanfänger rapide. In einigen Jahren werden nur noch rund 650'000 Männer und Frauen pro Jahrgang die Schulen verlassen. Doch allein die Bundeswehr braucht ungefähr 60'000 Bewerber jährlich, um knapp 20'000 gute Nachwuchskräfte auszuwählen. Sonst kann sie ihre Personalstärke nicht halten. Zehn Prozent eines Jahrgangs aber regelmässig für die Streitkräfte zu begeistern, sei illusorisch, sagt Kritiker Rühle. Der demografische Wandel werde der Bundesregierung also einen dicken Strich durch ihr Bundeswehrkonzept machen.

«Muss ich mir das antun?»

Letzteres sieht CDU-Politiker Beck anders. Er gibt jedoch zu: «Rund zehn Prozent der jungen Leute als Bewerber für die Bundeswehr zu gewinnen, ist eine grosse Herausforderung.» Eine Lösung kann darin liegen, Berufswege attraktiver zu machen. Der Arbeitgeber Bundeswehr muss die Interessen seiner Beschäftigten viel wichtiger nehmen als früher. Dazu gehören Angebote sinnvoller Berufsausbildung, mit denen man auch im zivilen Leben etwas anfangen kann, sowie bessere Bezahlung, mehr Heimfahrten zur Familie, Sprachkurse und Fortbildungen.

Andererseits haben diese Strategien ihre Grenzen. Kämpfen in Afghanistan ist nicht für jeden ein verlockendes Berufsziel. Doch so weit muss man gar nicht denken. Wenn heute ein Spiess alter Schule die jungen Soldaten zur Sau macht, überlegt sich mancher Freiwillige: «Muss ich mir das antun?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2013, 10:04 Uhr

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