Wir basteln uns eine Reizfigur

Wie ein obskurer, alter Blogpost einen Shitstorm erzeugt – und nun im Medienmainstream diskutiert wird.

Will den Dialog mit der SVP verweigern: Franziska Schutzbach.

Will den Dialog mit der SVP verweigern: Franziska Schutzbach.

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Es gibt zwei Arten, diese Geschichte zu erzählen. Aus der Perspektive der politischen Dynamik geht sie so: Franziska Schutzbach, Soziologin und Gender-Forscherin an der Uni Basel, war mit ihren radikalen und oft wütenden Gedanken bislang nur einem Nischenpublikum bekannt. Dann kam Donald Trump, das politische Klima verschärfte sich an beiden Enden – nun ist das Publikum reif für den entsprechenden Shitstorm. Aus einer medienkritischen Perspektive kann man sagen: Da hat man wieder eine Sau gefunden, die man durchs Dorf jagen kann. Dass die Reizfigur dazu noch eine junge Frau ist, die gern aufmüpfig in die Kamera schmollt – umso besser. Radikalität generiert Empörung und Attraktivität Aufmerksamkeit. Bingo.

Wie alles begann

Aber beginnen wir am Anfang. Letzten Donnerstag knöpfte sich die «Weltwoche» den Blog «Geschichte der Gegenwart» vor. Dabei handelt es sich um das publizistische Organ des Professorenpaars Svenja Goltermann und Philipp Sarasin. Autor Philipp Gut wirft ihnen vor, die SVP, eine demokratisch legitimierte politische Kraft, als rechtsextrem zu verteufeln. Es ist nur ein weiteres Kapitel in der seit Jahren dauernden Fehde zwischen dem Autor und den Professoren, mit der sich auch schon Gerichte beschäftigen mussten. Schliesslich sieht jeder im anderen die jeweilige Verkörperung des politisch Bösen. Um seine These der Demokratiefeindlichkeit zu stützen, rückt Gut im letzten Drittel eine andere Autorin des Blogs ins Visier: Mitherausgeberin Franziska Schutzbach. Und insbesondere einen Blogpost, publiziert am 23. Mai 2016.

Im Tonfall rechtschaffener Empörung über den Vormarsch rechtsnationaler Kräfte in Europa schwenkt die Mutter zweier Kinder auf die SVP und schreibt: «Ich fürchte, es wird nicht funktionieren, die rechtsnationalen Kräfte in Europa auf formal-demokratischem Weg zurückzudrängen.» Dazu brauche es jetzt viel mehr zivilen Ungehorsam. Der SVP sei als Feindin der Demokratie der Dialog zu verweigern, man solle sie ausgrenzen, sie im Parlament am Sprechen hindern, ihr keine Säle mehr vermieten, sie in Taxis nicht mehr mitführen. Das ist natürlich reichlich naiv und zudem undemokratisch gedacht. Aber es blieb ohne Resonanz.

Bis diese Woche ein Journalist der stramm bürgerlichen «Basler Zeitung» die Story wieder aufgriff. Als Basler schwenkte er das Zielfernrohr auf die in Basel wohnende und lehrende Schutzbach. Zum sachlichen Titel «Dozentin schreibt gegen die Meinungsfreiheit» stellte man ein Foto, auf dem Schutzbach ihren Mittelfinger in die Kamera hält. Der Text dreht sich dann um die politischen und publizistischen Aktivitäten der Genderforscherin, die in der Forderung nach einem «wirtschaftlichen Embargo gegen unliebsame Politiker» gipfelten. Dass sie den Text bereits vor eineinhalb Jahren geschrieben und ihn bislang wohl kaum jemand gelesen hatte, war nun egal. Als Protagonistin einer so nischigen wie umstrittenen Geisteswissenschaft, garniert mit einem Mittelfinger und einem hübschen Gesicht, ergibt das die Zauberformel der Aufmerksamkeitsökonomie. Shitstorm garantiert.

Tatsächlich nahm die Geschichte Fahrt auf. Watson referierte zunächst Schutzbachs alte Thesen und verlangte dann von der Soziologin zu wissen, warum sie Andersdenkende ausgrenzen wolle. Der Titel war direkt auf die Frau gespielt: «Diese Feministin will die SVP aus Debatten (und Taxis) verbannen». Auch hier wieder funktionierte die Dynamik der Empörungsbewirtschaftung und schon tobte der Shitstorm. Solches Gedankengut sei radikal, extremistisch, weltfremd und untragbar, meinten die Leser. Tags darauf fanden sich Schutzbachs Positionen auch bei «20Minuten», man darf damit rechnen, dass wir noch mindestens bis zum Wochenende weiter darüber diskutieren werden. Endlich, nach mehr als eineinhalb Jahren Dornröschenschlaf, sind Schutzbachs «unausgegorene Gedanken», wie sie selber einräumt, im Medienmainstram angekommen und bekommen jene Aufmerksamkeit, die sonst rechten Wirrköpfen vorbehalten ist.

Was lernen wir daraus? Die Rezepte der Rechten funktionieren auch bei den Linken. Man muss nur die richtigen Reizfiguren finden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.11.2017, 15:59 Uhr

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