«Wir nehmen den Landwirten keine Produktionsflächen weg»

Um die anstehenden Reformen in der Landwirtschaft zu begründen, besucht Bernard Lehmann auch einzelne Bauern auf ihren Höfen. Der Chef des Bundesamts für Landwirtschaft stand früher selber auf Feldern.

Bernard  Lehmann ist Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft. Er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und kauft noch heute keinen Salat ein, sondern pflanzt ihn selbst an.

Bernard Lehmann ist Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft. Er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und kauft noch heute keinen Salat ein, sondern pflanzt ihn selbst an. Bild: Susanne Keller

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Die Bauern haben nicht nur immer grössere, sondern auch immer mehr Traktoren. Es kann ihnen finanziell nicht so schlecht gehen, wie oftmals zu hören ist.
Bernard Lehmann: Die Landwirtschaft ist gut ausgerüstet. Gekauft werden Maschinen hingegen oft auf Kredit und nicht bar.

Der Trend geht hin zu grösseren Betrieben. Ist der Familienbauernhof ein Auslaufmodell?
Nein. Es gibt auch Betriebe, die wenig mechanisiert sind. Man arbeitet vermehrt zusammen und hilft sich aus. Das Bild vom grossen Traktor ist deshalb auch etwas eine optische Täuschung.

Wer hängt mehr am Bild des traditionellen Bauernhofs: Die Bauern oder wir Konsumenten?
Die Bauern modernisieren ihre Höfe. Diese bleiben aber meist weiterhin Familienbetriebe. Bei weitem nicht alle haben Angestellte. Auch wenn die Betriebe weiterwachsen, werden sie nicht zu Unternehmen wie etwa in Brasilien. Zwar fordern Konsumenten rationellere Betriebe, doch riesige Ställe in der Landschaft wollen sie nicht sehen. Eine schöne Landschaft ist uns wichtig.

Werden wir mit teurer Imagewerbung – etwa mit der Gans und dem Sennenhund – nicht auch so geprägt?
Mit dieser Art Imagewerbung hat der Handel angefangen. Die Landwirtschaft hat die Bilder als Alleinstellungsmerkmal aufgenommen. Falsch sind sie nicht, die Landwirtschaft produziert ja eben nicht nur Rohstoffe, sondern ausgezeichnete Nahrungsmittel.

Aber sie schüren Erwartungen, die eine vom Bundesamt für Landwirtschaft initiierte Studie nun relativiert: Die Schweizer Landwirtschaft ist gar nicht besser als jene im Ausland.
Wir sprachen über ein Erscheinungsbild. Die erwähnte Studie von Agrofutura geht auf weniger sichtbare Aspekte ein, auf gesetzliche Grundlagen und Vorschriften. Dabei hat sich gezeigt, dass wir etwa bei der Belastung von Böden und Wasser noch Nachholbedarf haben. Die neue Agrarpolitik zielt darauf ab, diese Lücken zu schliessen.

Hebt sich die Schweizer Landwirtschaft denn überhaupt ab?
Unsere Nahrungsmittel sind sicher und dank kurzem Transport frischer.

Die Schweizer Landwirtschaft will gentechfrei bleiben. Sind Sie glücklich darüber?
Persönlich denke ich, dass Gentechnologie weltweit eine grössere Rolle spielen muss. Damit meine ich nicht die Entwicklung eines «Terminatorweizens». Aber Fortschritte etwa bei der Trockenheitsresistenz oder bei Apfelsorten, die gegenüber Schorf robust sind, sollten wir nicht verhindern. Allerdings ist die Angst in der Bevölkerung vor Gentechnik ein Fakt, das sehe ich auch. Darum verstehe ich das klare Bekenntnis der Branche.

Die Bauern konnten mit der Agrarpolitik (AP) 2014–2017 einen Erfolg verbuchen. Sie werden dank dieser Reform mehr Geld erhalten als jetzt.
Sie erhalten 40 Millionen Franken mehr pro Jahr als der Bundesrat vorgeschlagen hat. Doch daran sind Anforderungen gebunden, der Aufwand steigt.

Das kritisieren auch Bauern der bernischen Lobag. Ein Landwirt aus dem Simmental hielt Ihnen etwa vor, niemand frage nach der Familie, vielmehr gehe es ums Tierwohl, um Ökologie. Das Reformtempo sei zu hoch.
Die Einzelbetriebe brauchen Zeit, um sich anzupassen. Aber dafür werden während acht Jahren Übergangsbeiträge ausgerichtet. In der Wirtschaft hat man sehr oft weniger Zeit für Anpassungen. Zu einem Unternehmerumfeld gehören Unsicherheiten dazu.

Er lud Sie auf seinen Hof ein. Nahmen Sie die Einladung an?
Ja. Wir verbrachten einen Nachmittag bei ihm. Der Landwirt hat seinen Betrieb modernisiert und muss die Investition während dreissig Jahren amortisieren. Wir haben Handlungsspielräume diskutiert, mussten aber feststellen, dass gewisse Sachen nicht erwogen werden können.

Wird er als Bauer mit viel Vieh in den Bergen weniger Geld erhalten? Diese Befürchtung hegen viele Lobag-Bauern.
Es gibt Betriebe, die weniger Direktzahlungen erhalten werden. Diese sind aber nur ein kleinerer Teil des Umsatzes. Insgesamt wird das Berggebiet netto stärker unterstützt als heute. Zwar fallen die Tierbeiträge weg, dafür erhalten die Bauern mehr für die Alpung des Viehs und für die Nutzung steiler Hänge.

Der Bauernverband verzichtet auf ein Referendum gegen die AP, die Westschweizer Uniterre hingegen sammelt Unterschriften. Wird das Referendum zustande kommen?
Das weiss ich nicht. Es fragt sich jedoch, was mit einem Nein zur AP 14–17 gewonnen wäre. Dann bliebe es beim heutigen Zustand, der ebenfalls nicht nur glücklich macht. Die Referendumsdrohung wird im Moment aber auch als Druckmittel verstanden, um bei der Umsetzung der AP Anpassungen auf der Ebene der Verordnungen zu erreichen.

Die Landwirte werden als Folge der AP-Reform weniger produzieren können. Wird man mehr Produkte importieren müssen?
Nein. Wir nehmen den Bauern keine Produktionsflächen weg. Vielmehr fördern wir die Qualität der bereits ausgeschiedenen Ökoflächen.

Die Bauern werden weniger Vieh halten. Es wird weniger Fleisch und Milch geben.
Dafür werden die Preise weniger unter Druck sein und die Kosten sinken. Die Bauern werden weniger Kraftfutter wie Soja aus dem Ausland importieren. Nun werden Sie einwenden, dass die Kühe dann weniger Milch geben.

Tun sie es nicht?
Es gibt graslandbasierte Systeme, in denen genau gleich viel Milch produziert werden kann, wie wenn viel Kraftfutter verwendet wird. Ich streite nicht ab, dass der Zuwachs der Milchleistung pro Hektare geringer sein wird. Aber die Milchmenge wird dadurch nicht kleiner. Sie wird in einem ökologisch vertretbaren Mass wachsen.

Aber der Tierbestand wird insgesamt zurückgehen?
Er wird dort abnehmen, wo das Kraftfutter eine bedenkliche Menge erreicht hat. Betroffene Betriebe haben dank Übergangsbeiträgen während einer langen Periode Zeit, sich neu auszurichten. Jedoch wird kein Landwirt gezwungen, bei diesen Programmen mitzumachen.

Wann werden die Zölle an der Grenze fallen, welche die einheimische Landwirtschaft derzeit vor Billigimporten schützen?
Für das Parlament ist der Agrarfreihandel alles andere als dringend. Aber für den Bundesrat ist eine stärkere Integration der Agrarmärkte ein wichtiges Ziel. Nehmen Sie das Beispiel Käse. Ich weiss, es gibt andere Meinungen, aber bei dieser Marktöffnung ist nichts schief gelaufen. Ohne Grenzschutz kann bei den meisten Sorten ein Nettomilchpreis zwischen 55 und 60 Rappen erzielt werden. Das ist wesentlich mehr als in der EU. Der Bundesrat klärt nun bis Ende Jahr im Auftrag des Parlaments Vor- und Nachteile einer Marktöffnung für weitere Milchprodukte ab.

Können wir uns mit Abklären so viel Zeit lassen? Die EU diskutiert zurzeit mit den USA über ein Freihandelsabkommen.
Auf meinem eigenen Radar ist dieses beabsichtigte Abkommen sehr präsent, denn es hätte für den Agrarbereich eine grosse Bedeutung. Hier gilt es die notwendigen Abklärungen zu machen.

Ohne Bundeshilfe könnte die Landwirtschaft nicht bestehen. Bereitet Ihnen das keine Sorgen?
Die Landwirtschaft nimmt 12,7 Milliarden Franken ein. Ganz ohne Staat wären es mehr als 5 Milliarden weniger – so viel machen Direktzahlungen und Grenzschutz aus. Das ist viel, davor habe ich grossen Respekt.

Wird sich die Landwirtschaft von dieser Abhängigkeit lösen müssen?
Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung den Agrarschutz nicht mehr für so wichtig hält und eine Öffnung wünscht. Das ist neu. Mit den Direktzahlungen werden Leistungen entschädigt, die der Markt nicht entschädigen kann. Dies macht wirklich Sinn. Würde man auch sie aufgeben, hätte das wohl eine Industrialisierung der Landwirtschaft zur Folge und die Familienbetriebe, über die wir vorhin gesprochen haben, würden verschwinden. Wahrscheinlich wären auch negative Auswirkungen auf die Umwelt.

Als ehemaliger Angestellter des Bauernverbandes standen für Sie lange die Interessen der Bauern an erster Stelle. Haben die Landwirte mit Ihnen sozusagen ein trojanisches Pferd in der Bundesverwaltung?
Die Menschen, die zu meiner Zeit beim Bauernverband tätig waren, sind heute nicht mehr im Amt, ich war damals jung. Dazwischen liegen zwanzig Jahre Arbeit an der ETH, die mich zu einem sehr unabhängigen Geist gemacht haben. Heute streiten wir uns, als hätten wir uns nie gekannt. Aber wenn es den Bauern schlecht geht, so tut mir das weh. Nicht deshalb, weil ich für den Bauernverband gearbeitet habe, sondern auch, weil ich selbst aus der Landwirtschaft stamme. Da kann ich nicht einfach wegschauen.

Haben Sie deswegen den Elfenbeinturm der ETH verlassen?
Als Elfenbeinturm habe ich das nicht empfunden, erst recht nicht, wenn es um Projekte in Drittweltländern ging. Ich bereue den Wechsel nicht, es ist für mich eine Bereicherung. Vor einigen Jahren habe ich beispielsweise für dieses Bundesamt Vorschläge zum Milchmarkt gemacht. Sie wurden damals nicht so umgesetzt, vielleicht kann ich für die Zukunft noch ein paar Ideen einbringen (lacht). Ich habe Freude am Gestalten und suche nach Win-win-Situationen.

Ihr Bruder führt einen Bauernbetrieb. Wer arbeitet mehr, Sie oder Ihr Bruder?
Wir stehen morgens zur gleichen Zeit auf, auch wenn ich eigentlich gerne länger schlafen würde. Unsere Präsenz ist wohl ähnlich. Ich beneide meinen Bruder um die grössere Abwechslung. Mir bleibt wenig Freiraum und Zeit für die Verarbeitung, es geht immer nahtlos weiter. Dafür stellt ein Landwirtschaftsbetrieb andere Herausforderungen. Und aus meiner Jugend habe ich Erinnerungen an unzählige Stunden Kampf gegen das Unkraut auf den Zuckerrübenfeldern.

Haben Sie beim Einkaufen den Überblick über den Labelsalat?
Ich gehe an den Wochenenden mit meiner Frau einkaufen, was für sie zugegeben etwas mühsam sein kann. Ich schaue mir nämlich alles an, vergleiche Auswahl, Labels, Qualität und Preise. Nicht, weil ich etwas kaufen will, sondern weil es mich interessiert. Meine Frau wird da manchmal etwas ungeduldig.

Greifen Sie zu Fertigprodukten?
Persönlich halte ich nicht viel von Fertigprodukten, aber ich bin auch in einer glücklichen Situation. Der ältere Sohn kocht sehr gerne und bekocht uns oft. Das ist leider ein zeitlich begrenztes Glück, er wird einmal ausziehen.

Kaufen Sie Bio- oder herkömmlichen Salat?
Weder noch. Ich habe ein kleines Treibhaus. Salat ist schnell gesetzt, danach muss man nur noch warten. Ich dünge nicht und benutze keine Spritzmittel. Zurzeit habe ich trotzdem fast zu viel Salat im Angebot. Es ist die Frische, die mich überzeugt: Wenn er eine halbe Stunde nach dem Schnitt zubereitet ist, schmeckt ein Salat einfach wunderbar.

Sie ziehen Ihren eigenen Biosalat?
Nahezu, vielleicht etwas weniger gut genährt, weil ich keinen Mist habe. Bioprodukte finde ich vom Erfolg her eine gute Sache. Mühe habe ich aber, wenn gewisse Kreise allzu starr auf biologischem Anbau beharren. Wenn es um die globale landwirtschaftliche Zukunft geht, sollte man unvoreingenommen prüfen, auf welchem Weg die Fruchtbarkeit der Böden am besten erhalten bleibt und das System nicht Schaden nimmt.

Da ist Bio nicht immer das richtige Rezept?
Nein. Manchmal ist das beste Vorgehen eine Kombination von konventionellen und biologischen Methoden. Wir importieren Nahrungsmittel im Wert von 13 Milliarden Franken. Für Food in der Welt geben wir also viel mehr Geld aus als für die Entwicklungszusammenarbeit. Wenn wir dabei die richtige Auswahl und die richtigen Entscheide treffen, können wir einen Beitrag an ein nachhaltiges globales Produktionssystem leisten.

Erstellt: 13.05.2013, 10:01 Uhr

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