Wo gentechfrei draufsteht, kann Gentechnik drin sein

Für Gentechnik in Lebensmitteln ist eine neue Deklaration geplant. Einheimische Produkte sollen ein grünes Label erhalten, auch wenn sie mit genmanipulierten Zusatzstoffen hergestellt worden sind.

Neue Deklaration ist weniger streng: Auch bei der Eierproduktion soll der Einsatz gentechnisch veränderter Zusatzstoffe nicht deklariert werden müssen.

Neue Deklaration ist weniger streng: Auch bei der Eierproduktion soll der Einsatz gentechnisch veränderter Zusatzstoffe nicht deklariert werden müssen. Bild: Keystone

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Konsumenten könnten bei ihren Einkäufen schon bald auf ein neues Label stossen. Geht es nach dem Bundesrat, soll sich auf Milchpackungen, Joghurtbechern oder Fleischverpackungen in Zukunft der etwas sperrige Hinweis «Produktion ohne gentechnisch veränderte Futterpflanzen» finden.

Heute können Produzenten auf der Verpackung ausschliesslich den Hinweis «ohne Gentechnik hergestellt» anbringen. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass sie – wie bei Bioprodukten mit dem Knospe-Label üblich – im gesamten Herstellungsprozess des Lebensmittels strikt auf gentechnisch veränderte Organismen verzichten. Der Verzicht umfasst auch sogenannte Futtermittelzusatzstoffe wie Vitamine. Nur wer sich an diese Regeln hält, darf mit dem Hinweis «ohne Gentechnik hergestellt» Werbung machen.

Für die geplante Deklaration «Produktion ohne gentechnisch veränderte Futterpflanzen» sind die Anforderungen hingegen weniger streng. Hier genügt es, dass ein Produzent keine genmanipulierten Futtermittel wie Mais oder Soja benutzt. Hingegen darf er zur Leistungssteigerung der Tiere gentechnisch hergestellte Zusatzstoffe wie Vitamine oder Aminosäuren einsetzen. Konkret geht es um Produkte wie Eier, Milch, Fleisch, Käse oder Butter.

Lobbying der Landwirtschaft

Bei der Stiftung für Konsumentenschutz stösst das Vorhaben des Bundesrats auf Skepsis. «Wo gentechfrei draufsteht, muss gentechfrei drin sein», sagt die Geschäftsführerin Sara Stalder. Für den Konsumenten werde es schwierig, zwischen den beiden Labels zu unterscheiden.

Der Neuregelung ist ein intensives Lobbying der landwirtschaftlichen Produzenten vorausgegangen. Sie machen geltend, die Schweizer Landwirtschaft sehe seit Jahren freiwillig vom Import billiger genmanipulierter Futtermittel wie Soja oder Mais ab. Diese Einkaufspolitik führt bei den Bauern zu erheblichen Mehrkosten. Laut dem Bundesamt für Landwirtschaft betragen die Mehrkosten jährlich rund 25 Millionen Franken, laut Bauernvertretern 35 bis 40 Millionen Franken. Werbetechnisch können die Produzenten den Verzicht auf genmanipulierte Futtermittel jedoch nicht ausschlachten. Hierfür dürften sie gemäss geltendem Recht auch keine gentechnisch hergestellten Zusatzstoffe verwenden.

Im Ausland hingegen können die Produzenten ihre Produkte auch dann als «gentechfrei» vermarkten, wenn sie gentechnisch veränderte Futtermittelzusätze verwendet haben. Der Schweizer Bauernverband spricht deshalb von einem Wettbewerbsnachteil. «Leute, die im Ausland einkaufen, haben das Gefühl, Schweizer Produkte würden nicht denselben Standards genügen», sagt Geschäftsleitungsmitglied Martin Rufer. Diesen Eindruck gelte es angesichts des weit verbreiteten Einkaufstourismus zu korrigieren.

Unterstützung erhält der Bauernverband von Bio Suisse. Der Dachverband der Schweizer Knospe-Betriebe setzt sich für eine ökologische Landwirtschaft ein. «Für die Biobetriebe ändert sich mit der Einführung eines neuen Labels nichts», sagt Geschäftsführer Daniel Bärtschi. «Sie verwenden schon heute überhaupt keine Gentechnik und dürfen das auch in Zukunft nicht.» Für die Betriebe ausserhalb des Biobereichs sei eine Lockerung der heutigen Regelung aber hilfreich, um sich abzugrenzen. Dass es für die Konsumenten mit den zwei Labels etwas unübersichtlicher wird, findet indes auch Bärtschi.

Parlament ohne Mitsprache

Das Bundesamt für Gesundheit lässt diesen Einwand nicht gelten. In einem Bericht schreibt das Amt, der Hinweis «Produktion ohne gentechnisch veränderte Futterpflanzen» sei «klar verständlich» und entspreche «den Tatsachen, auf die hingewiesen werden soll».

Der Bundesrat kann die geplante Änderung ohne Mitwirkung des Parlaments mittels Verordnung beschliessen. Der Verordnungsentwurf ist derzeit in der Vernehmlassung. Nicht zur laufenden Revision äussern wollen sich die beiden Grossverteiler Migros und Coop.

Erstellt: 24.01.2014, 08:01 Uhr

«Gentech-Vitamine» sind billiger

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(sür)

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