«Alle dreschen auf die Bauern ein»

Das Grundwasser ist wegen der Landwirtschaft stark belastet, sagt die neue Studie des Bundes. Bauernpräsident Markus Ritter wehrt sich.

Zwei Initiativen wollen das Schweizer Trinkwasser besser schützen – für Markus Ritter schaden diese den Bauern. Foto: Keystone

Zwei Initiativen wollen das Schweizer Trinkwasser besser schützen – für Markus Ritter schaden diese den Bauern. Foto: Keystone

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Die Schweiz glänzt mit Banken, Schokolade, Bergen – und schönen Seen und Flüssen. Eine gross angelegte Imageumfrage des Bundes im Ausland hat das am Dienstag bestätigt.

In der Postkartenidylle zeigen sich nur zwei Tage später Risse. «Das Grundwasser in der Schweiz ist unter Druck», urteilt das Bundesamt für Umwelt. Seine Bilanz der Jahre 2007 bis 2017 klingt beunruhigend. Das Grundwasser liefert 80 Prozent des Trinkwassers. «Dies ist heute jedoch nicht mehr selbstverständlich, denn die Grundwasservorkommen weisen zunehmend Verunreinigungen auf, die mehrheitlich aus der Landwirtschaft stammen», stellt die Behörde fest.

Bei rund jeder siebten Messstelle enthielt das Wasser 2017 mehr Nitrate als erlaubt. Die Salze reichern sich unten im Grundwasser unnatürlich an, weil die Bauern oben auf den Feldern zu viel Dünger und Gülle verteilen.

In den Alpen und im Jura ist das Wasser ziemlich naturnah – insofern stimmt das Heidi-Bild der Touristen. Im Mittelland hingegen, wo sich die meisten Einwohner drängen und die meisten Äcker zu finden sind, ist das Grundwasser oft verschmutzt. 40 Prozent von Hunderten Messstellen im Ackerbaugebiet haben zu viel Nitrat nachgewiesen, Tendenz nur leicht sinkend. Überdies sind an diesen Stellen fast immer Pflanzenschutzmittel oder deren Abbauprodukte zu finden, schweizweit bei jeder zweiten Messstelle, bei 2 Prozent jenseits der Grenzwerte. Selbst das seit zwölf Jahren verbotene Mittel Atrazin ist nicht verschwunden.

Das alles, so sieht es Karin Siegwart, ist die nüchterne Darstellung, «ein sehr technischer Fachbericht», wie es die Vizedirektorin des Bundesamts für Umwelt ausdrückt. Nur zählt diese Nüchternheit in diesem heissen Sommer nicht: Beim Thema Wasser ist alles politisch, jede Zahl, jeder Bericht, das Timing bei der Veröffentlichung einer Studie. Es ist Wahljahr, und die grünen Kräfte reiten auf der Klimaschutzwelle, angetrieben von jeder schlechten Nachricht aus dem Umweltbereich – etwa jener der vergangenen Tage, als diverse Gemeinden in mehreren Mittellandkantonen Trinkwasserquellen schliessen oder verdünnen mussten wegen Rückständen des Fungizids Chlorothalonil.

Die politische Temperatur steigt auch wegen zwei Initiativen: Die Trinkwasser-Initiative will Subventionen für Bauern streichen, die Pflanzenschutzmittel einsetzen, zu viele Tiere halten oder zu viele Antibiotika einsetzen. Die Pestizid-Initiative will synthetische Pflanzenschutzmittel und den Import belasteter Lebensmittel verbieten. Die Wirtschaftspolitiker des Ständerats beugen sich in zwei Wochen über die Texte, im Winter dürften sie in den Rat kommen, im Frühling wird wohl das Volk entscheiden. Beide Anliegen haben laut Umfragen Chancen, eine Mehrheit zu finden.

Bauernpräsident Markus Ritter stemmt sich vehement dagegen. «Die Wasserqualität in der Schweiz ist sehr gut», sagt der CVP-Nationalrat und schimpft: «Das Bundesamt für Umwelt veröffentlicht seine Berichte immer kurz vor wichtigen Kommissionsberatungen.» Alles Zufall, heisst es dort: Der Bericht entspreche einem Gesetzesauftrag und habe eine Vorlaufzeit von knapp drei Jahren. Ritter kontert maliziös: Diese Arbeitsgeschwindigkeit entspreche nicht den Erwartungen des Parlaments.

Selbst für Ritters Verhältnisse ist die Reaktion bissig. Er, ein Biobauer, kämpft um die Existenz der intensiven Landwirtschaft: jener, die mehr als die Hälfte der Nahrung für das Land liefert, 1,5 Millionen Rinder, fast so viele Schweine und über 11 Millionen Hühner.

Die Böden seien überdüngt, sagen die Befürworter der Trinkwasser-Initiative. Foto: Keystone

Die Bauern seien bereit zu Verbesserungen mit dem Aktionsplan Pflanzenschutzmittel und der Agrarpolitik22+. «Ich erwarte dafür, dass auch Industrie, Haushalte und Abwasserreinigungsanlagen in die Pflicht genommen werden», sagt Ritter. «Aber alle dreschen auf die Bauern ein.» Bei Annahme der Initiativen stiegen die Lebensmittelpreise bis 40 Prozent, warnt er, Bauern könnten nur noch Bio-Pflanzen anbauen: «Der Tourismus würde leiden, die landwirtschaftliche Produktion massiv sinken.»

Zerstrittene Fachämter

Letzteres ist das Ziel von Franziska Herren, der treibenden Kraft hinter der Trinkwasser-Initiative. «Der Zustand des Grundwassers ist erschreckend», sagt die Bernerin. «Die Böden sind komplett überdüngt, selbst die Wälder.» Nun müsse die Menge der Nutztiere sinken. «Ich bin froh, lösen die neuen Zahlen noch einmal eine Diskussion über unsere Initiative aus», sagt Herren.

Auch für die Initianten des Pestizid-Verbots zeigt die Grundwasserverschmutzung Handlungsbedarf: «Vereinzelte Massnahmen reichen nicht mehr aus, es braucht eine umfassende Lösung.» Was nötig wäre, wollte das Bundesamt für Umwelt gestern nicht konkret beantworten: Das sei Sache der Politik. Beim Bundesamt für Landwirtschaft klingt es anders. «Die Daten sind nicht neu», teilt Sprecher Jürg Jordi mit. «Notwendige Massnahmen sind seit Jahren eingeleitet oder vorgeschlagen», zudem seien auch die Kantone in der Pflicht. Wichtig sei die Feststellung: «Der Zustand des Grundwassers in der Schweiz erlaubt es nach wie vor, aus Grundwasser einwandfreies Trinkwasser in genügender Menge zu gewinnen.» Der Zwist zwischen den Bundesämtern belegt: Nüchterne Fakten gibt es in diesem heissen Sommer nicht.

Erstellt: 16.08.2019, 10:23 Uhr

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