Berns grösster Fan

Alle glaubten ihn zu kennen. Aber der einstige Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät war anders als das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihm gemacht hatte.

Stadtpräsident Alexander Tschäppät bei seiner letzten Wiederwahl im Jahr 2012. Bild: Adrian Moser

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In letzter Zeit war er kaum mehr mit den Hunden im Schosshaldenwald unterwegs. Er konzentriere seine Kräfte auf die Familie und sein Mandat im Bundeshaus, sagte der einstige Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät gegenüber den Medien, die über seine Erkrankung berichteten. Und tatsächlich war er an der Frühjahrssession im Nationalrat noch meist zugegen, besuchte Sitzungen, nahm an Abstimmungen teil und posierte mit seiner Fraktion zum Tag der Frau.

Das Foto tut weh. Weniger wegen der Botschaft als wegen des hageren Gesichtes, das einem aus der dritten Reihe entgegenblickte. So hatte man Tschäppät in der Öffentlichkeit noch nie gesehen. «Ich hoffe, in Würde älter zu werden – und dann zu gehen», vertraute er kurz vor dem Ende seiner Amtszeit als Stadtoberhaupt einem seiner Biografen an. Was nach der Pensionierung sein werde, könne er sich kaum ausmalen. Er habe kein Hobby, dem er sich widmen werde. Das Leben selbst sei für ihn eine Reise der Neugierde. «Und Neugierde ist glücklicherweise keine Frage des Alters.» Diese Reise der Neugierde ist für Alexander Tschäppät nun leider viel zu früh zu Ende gegangen.

Populär, nicht populistisch

Auf dem Höhepunkt der Reise glaubten ihn alle zu kennen. In den zwölf Jahren seiner Amtszeit als Berner Stadtpräsident war Tschäppät der Hansdampf in allen Altstadtgassen, der an keinem Anlass zu fehlen schien. Er war der «Tschäppu», der grösste Fan der «schönsten Stadt der Welt» und ihr umtriebigster Verkäufer. Wenn die Migros zum Firmengeburtstag, das Lokalradio zum Kickboard-Rennen lud oder der Bäckermeisterverband Brot aus dem Holzofen verteilte – eine Rede von Tschäppät verlieh jedem noch so faden Anlass Würze.

Tschäppät war ein begnadeter Redner, über dessen Pointen auch jene lachten, die politisch das Heu nicht auf derselben Bühne hatten. Selbst im notorisch zerstrittenen Berner Stadtparlament ging der Gesprächspegel zurück, wenn der Stadtpräsident das Wort ergriff. Das hatte nicht immer mit dem Inhalt zu tun, aber immer mit der Art und Weise, wie dieser vorgetragen wurde: mit Witz statt Moralin, mit Verspieltheit statt Verbissenheit und manchmal auch mit einem Anflug von Selbstironie. In Tschäppäts Reden entfaltete sich ein rhetorisches Talent, dem kaum einer der behäbigen Milizpolitiker im Land das Wasser reichen konnte. Seine Pointen waren meist ein Treffer, weil sie mit Augenzwinkern auf das Allzumenschliche zielten. Im gemeinsamen Lachen darüber konnten politische Gegner auch die grössten Interessengegensätze für einen Moment vergessen.

Tschäppät war populär, aber nicht populistisch, wie ihm bisweilen zum Vorwurf gemacht wurde. Das machtpolitisch motivierte Spiel mit dem Volkszorn, die Verunglimpfung von Minderheiten und die Geringschätzung demokratischer Institutionen waren seine Sache nicht – ganz im Gegenteil. Tschäppät wurde nur dann heftig, wenn es um die Rechte Benachteiligter und die Verteidigung der Demokratie ging. Dass er dabei Klartext sprach und wie kein anderer die Sprache des Volkes traf, schürte den Neid der tatsächlichen Populisten auf der rechten Seite des politischen Spektrums. Sie mussten ihrer Frustration mit gelegentlichen Hasstiraden gegen Tschäppäts Person Luft verschaffen, die so unfair wie auch unwahr waren. Tschäppät passte eben gerade nicht ins ständig wiederholte Klischee des abgehobenen «Cüpli-Sozialisten», der losgelöst von den wahren Nöten der einfachen Menschen in einer politischen Blase lebte und mit sattem Bauch Verzicht predigte.

Tschäppät hatte immer Bürgersprechstunde, wenn er auf die Strasse trat oder einen öffentlichen Auftritt absolvierte.

Tschäppät hatte immer Bürgersprechstunde, wenn er auf die Strasse trat oder einen öffentlichen Auftritt absolvierte. Aus Sicht der Bernerinnen und Berner war er für alles verantwortlich, was in ihrer Stadt geschah – von der als ungerechtfertigt empfundenen Parkbusse bis zu den Verkehrsbehinderungen bei einem Staatsempfang. Und er hat sich dieser Stadt auch hingegeben, mit Haut und Haar. Zwar wechselten sich bei ihm die Phasen des totalen Engagements mit anderen Phasen ab, in denen es schien, als habe er das Interesse an der Sache und der Stadt verloren. Wenn es drauf ankam, war er aber stets wieder voll präsent.

«Eigentlich schüchtern»

Tschäppät selber liess im Laufe der Jahre manchmal durchblicken, dass diese Allzeit-Verfügbarkeit an seinen Kräften zehrte. Was sich aber hinter der Fassade abspielte, blieb letztlich verborgen. Denn hinter Tschäppäts Popularität steckte ein Paradox: Je volksnaher er wurde, je lauter er sich gab, desto weniger liess er das Volk an sich ran. Was sich hinter den allzeit träfen Sprüchen, der unverblümten Sprache und der beeindruckenden Rhetorik versteckte, liess er kaum jemanden wissen.

Und so blieb denn auch das Klischee des Polit-Clowns an ihm haften, dem er selber immer wieder Nahrung gab, etwa wenn er eine Unterstellung der Schweizer Banken unter das Spielbankengesetz forderte oder durch Kraftworte und Italienerwitze von sich reden machte. Auch hatte er bisweilen Mühe mit Nähe und Distanz zu Frauen und hatte sich diesbezüglich nicht immer im Griff. Zu vermuten ist aber, dass hinter der angriffigen und manchmal auch enthemmten Fassade eine Sensibilität steckte, die es für ihn zu schützen galt. Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit als Stadtpräsident bekannte er in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung», dass er eigentlich schüchtern sei, «auch wenn die Fassade anderes vermuten liesse».

Wähler statt Follower

Zumindest einen Aspekt dieser Sensibilität hat er aber nie kaschiert. So bekannte er im selben Interview, dass ihn die erwähnten Pauschalangriffe von rechter Seite, aber auch Kritik im allgemeinen «fürchterlich aufregt». Tschäppäts direkte, authentische Art zeigte sich nicht nur im Austeilen, sondern auch im Einstecken. Wenn er sauer war, war er sauer, was auch der Schreibende zumindest in einem Fall deutlich zu spüren bekam. Die magistrale Gesprächsverweigerung dauerte Monate. Aber sie war eines Tages auch wieder vorbei, als sich der Stadtpräsident im Rathaus auf die Pressetribüne begab, um dem Lokalreporter zu bescheiden, dass «es» nun wieder gut sei.

In diesem Sinne markiert sein Ableben auch einen Paradigmenwechsel in der Schweizer Politik – zumindest was die Ära der Stadtväter und -mütter betrifft.

Über Tschäppät wurde und wird vieles gesagt. Aber zu seiner Verletzlichkeit gehörte immer auch die Grösse des Verzeihens. Er verkörperte eine Menschlichkeit, eine Direktheit im Umgang, die in den durchgestylten Inszenierungen heutiger Politiker gar nicht mehr vorgesehen ist. In diesem Sinne markiert sein Ableben auch einen Paradigmenwechsel in der Schweizer Politik – zumindest was die Ära der Stadtväter und -mütter betrifft. In den Schweizer Rathäusern hat die Ära der Manager und Technokraten begonnen, die vor lauter Angst, etwas Falsches zu sagen, lieber gar nichts sagen oder zumindest nichts Deutliches, das ihnen zum Nachteil ausgelegt werden könnte. Sie umgeben sich mit einem Heer von Beratern und Kommunikationsspezialisten, die an ihren Äusserungen und Social-Media-Profilen feilen. Die neue Ära widerspiegelt sich auch in der Entwicklung der Innenstädte und der Aufwertung von Trend-Vierteln. Gepützelte Städte brauchen auch Personal, das entsprechend auftritt und grossen Wert aufs Image legt. Tschäppät brauchte keine Imagepflege.

So überliess er das Internet-Geschäft denn auch gerne den Jüngeren. Tschäppät hatte keine Follower, er hatte Wählerinnen und Wähler, die ihm oft genug Traumresultate bescherten. Der einstige SBB-Generalsekretär Benedikt Weibel brachte es in der Biografie von Vater und Sohn Tschäppät auf den Punkt: Er habe unlängst gelesen, es sei die Zeit der langweiligen, etwas gesichtslosen Stadtoberhäupter angebrochen, sagte Weibel. Wenn Bern von dieser Entwicklung eingeholt werde, «wird man sich mit leiser Wehmut an das Temperament und die Hingabe erinnern, mit der Alex seine Stadt vertreten hat.»

Stille Töne

Es ist das Schicksal von Politikerinnen und Politikern, dass sie nur bedingt wegen ihrer Leistungen in Erinnerung bleiben. Natürlich gibt es einige davon auch in der Ära Tschäppät. Wer künftig über den autofreien Bundesplatz geht oder eines der neuen Wohnbaugebiete besucht, wird diese Bauwerke aber vielleicht nicht mehr automatisch mit Tschäppäts Namen in Verbindung bringen. Unabhängig davon wird er sich aber noch lange an einen Politiker erinnern, der die Stadt Bern verkörpert hat wie kaum jemand zuvor.

Er wird sich an einen Politiker erinnern, der auf seiner Reise der Neugierde auf die Menschen und die Dinge nie nachgelassen hat, auch wenn es um vermeintlich kleine Dinge ging wie den alltäglichen Spaziergang mit den Hunden im Schosshaldenwald. «Wenn ich dabei die nötige Ruhe habe, kann ich sehen, wie die Wolken ziehen. Und ich kann hören, wie die Bäume sprechen.» Die Bäume sprächen nicht zu ihm, ihre Botschaft bedürfe keiner Zuhörerschaft. «In ihrer blossen Existenz liegen die Gebote zum verantwortungsbereiten Umgang mit dieser Welt und der Menschen in ihr», sagte Tschäppät in einer Rede. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.05.2018, 12:40 Uhr

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