Blatters Partner packen aus

Eine Sportmarketing-Agentur macht Medien – unter anderem dem «Tages-Anzeiger» – Dutzende interne Dokumente zugänglich. Darin tauchen schwere Vorwürfe gegen die Fifa-Spitze auf.

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Die Fifa steckt bereits in der Krise – nun kommt die nächste Welle auf sie zu: Eine Schweizer Sportmarketing-Firma hat heute Donnerstag eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten öffentlich gemacht. Ausgewählte Medien aus den USA, England, Deutschland und der Schweiz, darunter der TA, haben anlässlich eines Treffens in Zürich USB-Sticks erhalten, die Dutzende Verträge, E-Mails und Scans von WM-Tickets enthalten.

Die Dokumente, die zum Teil von den obersten Fifa-Exponenten unterschrieben sind, drehen sich um die Hintergründe eines heiklen, schwarzmarktanfälligen Geschäfts. Es geht um den Verkauf von WM-Tickets und sogenannten Hospitality-Paketen. Letztere sind Kombiangebote, die an grosse Firmen verkauft werden, die dann ihren besten Kunden in den Stadien exklusive Logenplätze samt Verpflegung offerieren können. Die Schweizer Firma, die an die Öffentlichkeit tritt, heisst JB Sports Marketing. Sie wird geleitet vom Zürcher Anwalt Heinz Schild und vom israelischen Ex-Fussballer Benny Alon, der heute in den USA lebt. Die beiden erheben schwere Vorwürfe gegen die Fifa. In den Dokumenten tauchen auch die Namen von Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke und von Präsident Sepp Blatter auf.

Immer wieder fragwürdige Geschäfte

Zuvorderst prangert JB Sports Marketing die Ticketverkäufe der Fussballweltmeisterschaften an. Seit dem Turnier von 1990 in Italien habe es dabei immer wieder fragwürdige Geschäfte gegeben, und Fifa-Exponenten hätten dabei in die eigene Tasche wirtschaften wollen. JB Sports Marketing hatte selbst einen Vertrag mit der Fifa, daher das Insiderwissen. Journalisten, die unter anderem für den «Guardian», das «Wall Street Journal», die «Süddeutsche Zeitung» und den «Tages-Anzeiger» arbeiten, werten das gemachte Material nun aus (hier lesen Sie später mehr).

Die Fifa kooperiert seit über zwanzig Jahren mit der englisch-mexikanischen Familie Byrom, die hinter der Agentur Match steht. Der Einfluss der Byroms nahm ständig zu; bei der WM 1986 in Mexiko arbeiteten sie noch als freier Anbieter von Touristenreisen. Sieben Turniere später, an der WM 2014 in Brasilien, kontrollierte die Familie unter der Ägide der Brüder Enrique und Jaime das Ticketing, die Informatik und das Management von Hotelunterkünften. Im Juli 2014 hatte die brasilianische Polizei während der WM den Engländer Ray Whelan verhaftet, der für Match in Brasilien arbeitete. Die brasilianische Justiz warf ihm vor, Tickets auf dem Schwarzmarkt verkauft zu haben, das Verfahren wurde später allerdings eingestellt.

Vorwürfe tangieren Fifa-Präsidenten

Die schweren Vorwürfe tangieren auch Fifa-Präsident Joseph Blatter. In den Dokumenten finden sich zwei eidesstattliche Erklärungen – die eine von Benny Alon, die andere von einem seiner früheren Mitarbeiter – mit strafrechtlich relevanten Anschuldigungen. Wenn die Vorwürfe stimmen, welche die beiden beschworen haben, verlangte einer der mächtigsten Männer im internationalen Sport Schmiergeld für einen noch mächtigeren Sportfunktionär. Somit wäre nicht nur die Nummer 10 auf der Liste der «most powerful global sports figures», der Japaner Haruyuki Takahashi, korrupt. Sondern auch die Nummer 1: Joseph Blatter.

Sieht sich mit neuen Vorwürfen konfrontiert: Fifa-Präsident Sepp Blatter.

Allerdings: Beide bestreiten die Vorwürfe. Und wenn die Anschuldigungen falsch sind, handelt es sich um – zumindest versuchten - Rufmord. Auch deshalb muss die Unschuldsvermutung betont werden.

Schmiergeld oder Schmierenkampagne? Das ist die Leitfrage, wenn man die publik gemachten Dokumente zu den Hospitality-Rechten für die WM 2006 in Deutschland liest. Die Sache ist deshalb so brisant, weil es in den Akten um zwei Millionen Euro geht, die als «gratuity» für Blatter vorgesehen seien. Um den 79-Jährigen, der im Februar als Fifa-Präsident abtritt, gab es immer wieder Korruptionsgerüchte, doch hängen geblieben ist nie etwas Konkretes. Deshalb muss er als sauber gelten.

Das englische «gratuity» lässt sich mit Trinkgeld, Gratifikation oder Geldgeschenk übersetzen. Gemäss den Dokumenten hat der japanische Sportmarketing-Manager Takahashi bei einer Zürcher Firma, bei der er Verwaltungsratspräsident war, wiederholt zwei Millionen Euro für Blatter eingefordert. Und zwar als Gegenleistung, weil der Fifa-Präsident sich darum gekümmert haben soll, dass dem Unternehmen Hospitality-Rechte für die Fussball-WM 2006 in Deutschland zugeschanzt wurden. Die frisch gegründete Firma hatte tatsächlich den Zuschlag erhalten – trotz viel Konkurrenz und zur breiten Überraschung. Doch weiter belegt sind die Schmiergeld-Vorwürfe in den Dokumenten nicht. Insbesondere gibt es dort keinen konkreten Hinweis, dass Blatter persönlich auch nur einen Euro erhalten hat. Aber zumindest gibt es sogenannte Affidavits zweier Sportmarkenting-Manager, Versicherungen an Eides statt, wie sie in Zivilprozessen im angelsächsischen Raum oft eingesetzt werden.

Ebenfalls nicht bewiesen sind die Vorwürfe an Haruyuki Takahashi. Ehemalige Geschäftspartner haben bereits 2005 eidesstattlich erklärt, dass der Japaner wiederholt zwei Millionen Euro für Blatter verlangt haben soll. Am Schluss sei ein geringerer Betrag überwiesen worden, doch damit sei der Japaner nicht zufrieden gewesen. Die Affidavits sind gemäss Beteiligten geschaffen worden als Schutz vor allfälligen juristischen Auseinandersetzungen.

«Das ist total nicht wahr»

Zu den Vorwürfen, er habe zwei Millionen Euro für Blatter verlangt, sagt Takahashi: «Das ist total nicht wahr.» Zudem hält er fest: «Ich habe nie Geld an Herrn Blatter bezahlt.» Auch der Weltfussballverband schreibt: «Der Fifa-Präsident hat im Zusammenhang mit der Vergabe der Hospitality-Rechte für die Fussball-Weltmeisterschaft 2006 zu keinem Zeitpunkt Geld verlangt oder erhalten.» Anderslautende Behauptungen seien «falsch, boshaft und verleumderisch». Und die Fifa droht: «Wer solche Vorwürfe äussert, muss mit rechtlichen Konsequenzen rechnen.»

Zwischen Unterzeichnern der eidesstattlichen Erklärungen und der Fifa, ihrem ehemaligen Partner, gibt es langjährige Rechtsstreitigkeiten. Bei der juristischen Auseinandersetzung spielt die angebliche Zahlung an Blatter nur eine Nebenrolle.

«Zwei Millionen Euro für Blatter»

Die Vorwürfe, die fast zehn Jahre lang nicht bekannt wurden, hatten Sportmanager Benny Alon, ein ehemaliger Torschützenkönig in Israel, und ein amerikanischer Marketingspezialist bereits im Oktober 2005 erhoben. Sie wurden relativ kurze Zeit nach den mutmasslichen Vorfällen niedergeschrieben und sind detailliert. Alon machte in Frankfurt am Main die schriftliche Aussage, dass Takahashi im August 2003 bei einem Treffen in Paris Schmiergeld gefordert habe: «Er verlangte von mir auch, dass ich zwei Millionen Euro auf die Seite lege, die er brauche, um eine persönliche Gratifikation für Joseph Blatter zu zahlen, den Fifa-Präsidenten, als Gegenleistung, weil die Fifa die ISE AG als erfolgreichen Bewerber für die WM 2006 akzeptiert hatte.» Er, Alon, und weitere Personen hätten das Ansinnen abgelehnt.

Ein japanischer Olympia-Organisator

Takahashi war lange Jahre einer der starken Männer bei Dentsu gewesen, einem japanischen Unternehmen, das oft als «grösste Werbeagentur der Welt» bezeichnet wird. Noch heute besitzt der Mann im Pensionsalter Einfluss. So sitzt er im Organisationskomitee für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Takahashi und Alon hatten zusammen im Jahr 2003 die ISE, International Sports and Entertainment AG, gegründet und in Zürich angesiedelt. Takahashi wurde Verwaltungsratspräsident beim Unternehmen, bei dem Dentsu grossen Einfluss hatte. Alon trat öffentlich als «Senior Vice President» auf.

Überraschend sprach die Fifa der ISE bereits wenige Monate nach der Gründung die Hospitality-Rechte für die Weltmeisterschaft 2006 zu. Es hatte starke Mitbewerber gegeben für die lukrative Möglichkeit, begehrte WM-Tickets zusammen mit Hotelübernachtungen, Verpflegung und anderen Annehmlichkeiten zu vermarkten.

Die Konkurrenz fragte sich, weshalb ausgerechnet der Newcomer ISE den Zuschlag bekommen hatte. Die Dokumente, die dem TA vorliegen, liefern nun eine mögliche Erklärung für das kleine Wunder vom Zürichberg. Sie hat elf Buchstaben: Schmiergeld. Im März 2005 habe Takahashi – so heisst es in beiden eidesstattlichen Erklärungen – auch in Frankfurt von ISE-Vertretern verlangt, dass man ihm über verbandelte Firmen zwei Millionen Euro für Blatter zukommen lassen solle. Dieses und ähnliche Ansinnen seien aber abgelehnt worden, weil sie «illegal» seien und weil man «nicht bereit war, ins Gefängnis zu gehen für Herrn Takahashi». Letztlich, so erklärte Alon in seinem Affidavit, habe er erfahren, dass trotzdem Geld geflossen sei – und zwar aus einem ISE-Vertrag in Asien im Zusammenhang mit den Club-Weltmeisterschaften der Fifa. Doch damit habe sich Takahashi nicht begnügen wollen. Auch diese angebliche Zahlung bestreiten sowohl der Japaner als auch der Weltfussballverband.

Takahashi hat eine ganz andere Erklärung, weshalb Dentsu über ISE zum Zuschlag kam: «Ich denke, dass ISE die Ausschreibung wegen der langen Businessbeziehung zwischen der Fifa und Dentsu gewann, die auf Vertrauen und Erfolg beruhte.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.09.2015, 17:17 Uhr

Vier Antworten zum Datenleck

Wer legte Fifa-Dokumente, Verträge und E-Mails offen?
Die JB Sports Marketing, ein Unternehmen zur Förderung, Beratung und Vermarktung von Sportanlässen mit Sitz in Freienbach SZ. Die Firma hatte ausgewählte Journalisten nach Zürich gebeten. Als Redner traten Benny Alon und Heinz Schild auf: Alon, ein früherer Fussballer, ist der Kopf der Agentur, Schild ihr Anwalt und Geschäftsführer. JB versteht sich in erster Linie als Tickethändler, der sich mit dem Verkauf von je 8750 Tickets für die Fussball-WM 2014, 2018 und allenfalls 2022 lukrative Geschäfte erhoffte.

Wer nahm teil?
Reporter aus den USA («Wall Street Journal»), Brasilien («O Estado de São Paulo»), England («Guardian», «Daily Mail»), Deutschland («Süddeutsche», «Welt», «Kicker», ARD) und der Schweiz (neben dem TA auch SRF). Während Stunden redeten Alon und Schild über insgesamt 64 Dokumente, Mails, Ticketkopien, Verträge und Listen, die bis ins Jahr 1990 zurückreichen.

Was sind die Kernvorwürfe von JB?
Im Kern geht es um eine angebliche Zahlung an Fifa-Präsident Sepp Blatter, um Anschuldigungen gegen Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke im Zusammenhang mit Tickets für die WM letztes Jahr in Brasilien und um die Vergabe der WM 2022 nach Katar.
Zu Blatter: Alon soll von einem früheren Geschäftspartner, dem Japaner Haruyuki Takahashi, um 2 Millionen Euro gebeten worden sein, um sie Blatter für geleistete Dienste zuzustecken. Takahashi bestreitet dies. Auch die Fifa sagt, sie oder Blatter hätten nie eine solche Zahlung gefordert oder bekommen.

Zu Valcke: Im Zusammenhang mit der WM 2014 ging es auch um den Verkauf von 2400 Tickets. «Gib mir bessere Tickets», forderte Alon von Valcke. Der antwortete, immer gemäss Alon: «Wenn ich das mache, was liegt für mich drin?» Im besten Fall hätte Valcke 2 Millionen Dollar verdienen können, so Alon. Er habe jeweils von seinem «Pensionsfonds» gesprochen.

Zu Katar: 2022 hätte JB nur dann Tickets handeln können, wenn die WM in die USA gegangen wäre. Dies wurde im Vertrag vom 29. April 2010 beschlossen. Danach soll Valcke zu Alon gesagt haben: «Du hast gut verhandelt. Aber die WM ist schon an Katar vergeben.» Später trafen sie sich zufällig in einem Zürcher Restaurant. Da sagte Valcke angeblich zu Alons Frau: «Ich weiss nicht, wieso Ihr Mann immer noch nach Zürich kommt. Die WM ist schon an Katar vergeben.» Katar erhielt die WM offiziell am 2. Dezember 2010 zugesprochen.

Was trieb die JB dazu an, jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen?
«Wir müssen jetzt damit rauskommen», erklärte Benny Alon gestern, «wir wollen unser Problem lösen.» Ihr Problem sei, dass sie an der WM 2014 nicht die Tickets hätten verkaufen können, die ihnen ­zugesichert worden seien. Im Verhältnis zwischen Fifa und JB gibt es schon länger Störungen, beide Seiten gehen wenig zimperlich vor. So warf Valcke Alon schon 2010 per E-Mail vor, ihm zu «drohen», ja sogar ihn zu «erpressen», nur um ins Geschäft zu kommen. (ths/ms) (Tages-Anzeiger)

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