«Beim Tierschutz gibt es keine Schmerzgrenze»

Markus Ritter, Präsident des Bauernverbands, reagiert auf unsere Recherche zu vernachlässigten Tieren.

«Es ist doch immer eine Frage, wie man Zahlen interpretiert», sagt Markus Ritter, hier auf seinem Bauernhof in Altstätten. Foto: Sophie Stieger (13 Photo)

«Es ist doch immer eine Frage, wie man Zahlen interpretiert», sagt Markus Ritter, hier auf seinem Bauernhof in Altstätten. Foto: Sophie Stieger (13 Photo)

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Herr Ritter, auch wenn die meisten Bauern gut zu ihren Tieren schauen: Der wichtigste Grund, weshalb Bauern sanktioniert werden, sind Probleme beim Tierschutz. Was sagen Sie dazu?
Es ist wichtig, dass Kontrollen funktionieren und Bauern, die nicht gut für die Tiere sorgen, sanktioniert werden. Das befürworte ich voll und ganz. Aber wenn es einige Hundert Sanktionen gab, dann sind es auf der anderen Seite 50'000 Betriebe, die ihre Sache recht machen.

Das ist beschönigend. Es waren ein paar Hundert Strafverfahren, aber mehrere Tausend Verstösse gegen den Tierschutz, weshalb Direktzahlungen gekürzt wurden.
Der Artikel in der «SonntagsZeitung» war reisserisch und ich hatte in den letzten Tagen massiv viele Rückmeldungen von Bauern, die sich pauschal verurteilt fühlen. Wir werden uns beim Presserat beschweren. Zu den sanktionierten Bauern gehören sicher auch solche, die zwar den Tierschutz einhalten, das aber nicht so dokumentieren, wie die Behörden es verlangen.

Dann ist die Einhaltung auch nicht überprüfbar. Aber reden wir über dokumentierte Tierquälereien.
Der Bauernverband unterstützt das Tierschutzgesetz. Ich erwarte von unseren Bauernfamilien, dass sie für die Tiere dem Gesetz entsprechend, als Mindeststandard, sorgen. Da habe ich eine klare Haltung. Es gibt keine Schmerzgrenze. Es geht in erster Linie um das Wohl des Tieres, aber es geht auch ums Image der gesamten Landwirtschaft. Die schwarzen Schafe schaden der Branche.

Kantonstierärzte klagen, sie hätten zu wenig Ressourcen. Braucht es Massnahmen?
Der Vollzug ist Sache der Kantone und Gemeinden. Es ist nicht an uns, ihnen zu sagen, wie sie sich organisieren müssen. Wenn ein Amtstierarzt ein Problem hat, dann muss er den Regierungsrat informieren. Der muss dann für ausreichend Mittel sorgen. Ohne es zu entschuldigen, muss man auch sagen, dass solche Fälle oft ein Zeichen der Überforderung der Bauern sind.

Warum sind sie überfordert?
Ich war selber zwölf Jahre lang im Vollzug für die Gemeinde. Ich habe in dieser Zeit zwei Betriebe geräumt. Und beide Male ging es auch um eine Suchtproblematik, konkret um Alkohol. Es gibt in solchen Fällen eine gewisse Verwahrlosung bei den Bauern selber – und dann sorgen sie auch für die Tiere nicht mehr recht.

«Wenn das stimmt, was Sie publiziert haben, werde ich klare Worte an die Bauern richten.»

Berührt es Sie, wenn Sie Tiere leiden sehen?
Das ist schon sehr emotional. Ich habe manchmal auch selber Tiere, die krank sind. Das ist für mich schlimm. Dann muss man die Tiere ganz eng begleiten, zusammen mit dem Tierarzt. Und wenn es nicht mehr geht, muss man sie einschläfern. Und nicht, wie das halt passiert, sie dahinvegetieren lassen.

In den letzten zwei Jahren gab es Schwerpunktkontrollen bei Schweinezüchtern. Die Betriebe wussten das. Und trotzdem stiessen Kontrolleure auf viele schwere Mängel. Was ist da los?
Ich frage: Wem hat der Kanton das gemeldet?

Wie meinen Sie das?
Wenn ich von den Kantonstierärzten etwas höre, dann gehe ich dem sofort nach. Aber man muss sich auch bei mir melden. Ich sehe da eine Bringschuld bei den Veterinären. Es reicht nicht, dass sie solche Vorkommnisse in ihre Jahresberichte schreiben. Sie sollen mich anrufen und sagen: Du, Ritter, wir haben ein Problem, es wäre gut, wenn du wieder einmal Klartext reden würdest. Ich würde mir wünschen, dass die Behörden mehr auf die Branche zugehen.

Aber das Bundesamt veröffentlicht jedes Jahr Zahlen, wie viele Bauern verurteilt wurden. Könnten Sie sich da nicht informieren?
Es ist doch immer eine Frage, wie man Zahlen interpretiert und wie viele Fälle über das Bagatellmass hinausgehen. Wir vom Bauernverband werden jetzt die Kantonstierärzte auffordern, uns mitzuteilen, was der Stand der Dinge ist. Und wenn das stimmt, was Sie publiziert haben, werde ich klare Worte an die Bauern richten.

Es gibt viele Betriebe, die Jahr für Jahr sanktioniert werden. Sind die Strafen zu mild?
Sie sind viel drakonischer als im Strassenverkehr. Auch ein paar Tausend Franken spürt der Bauer bereits. Viele haben nicht viel Geld übrig am Ende des Jahres.

Hatten Sie auch schon eine Kürzung der Direktzahlungen?
Nein, bisher nicht. Meine Familie gibt sich grosse Mühe, alle gesetzlichen Vorgaben einzuhalten. Es ist sehr anspruchsvoll, in allen Detailfragen immer à jour zu sein und auch alles zu dokumentieren. Da bin auch ich gefordert.

Es gibt Bauern, die erhalten Hunderttausende Franken Direktzahlungen. Der Bundesrat will dies nun bei 250'000 Franken begrenzen. Was halten Sie davon?
Daran habe ich keine Freude, denn es ist eine willkürliche Zahl, die an nichts festgemacht ist. Wenn wir jetzt die 250'000 Franken ins Parlament bringen, dann wird es Anträge geben für 220'000, 150'000 und so weiter. Das ist dann nur noch ein Basar. Ich selber finde, dass eine Deckelung bei 250'000 Franken relativ hoch angesetzt wäre und viel zu diskutieren gäbe. Zudem gibt es schon heute eine Obergrenze, die aber an einem klaren Faktor festgemacht ist – nämlich an den Standardarbeitskräften, die es auf einem Betrieb braucht.

Das ist eine theoretische Grösse, die in der Praxis meist keine Wirkung hat.
Dann kann man über die Berechnung dieser Grösse diskutieren. An einer fixen Deckelung stört mich, dass man alles über einen Leisten schlägt. Die Unterschiede in der Landwirtschaft sind riesig, etwa zwischen Berg und Tal oder Gross- und Kleinbetrieb.

«Wenn es eine einfache Lösung gäbe, dann hätte man die wahrscheinlich schon gefunden.»

Wie erklären Sie den Steuerzahlern, dass der Staat einem Grossbetrieb, der mit dem Verkauf seiner Produkte gut verdient, zusätzlich pro Jahr eine halbe Million zahlt?
Das sind in der Tat schwierige Fälle, die mir ein wenig Sorgen machen. Auf die Grösse gerechnet, kann man die Höhe vielleicht noch knapp vertreten. Aber es ist der Bevölkerung einfach kaum mehr zu vermitteln. Weil das Geld holt sich so ein Betrieb ja am Markt. Für sie sind die Direktzahlungen in diesem Ausmass gar nie vorgesehen gewesen, und es fragt sich, ob es so weitergehen soll. Die Bevölkerung will eher überschaubare Familienbetriebe, Versorgungssicherheit, Biodiversität, Landschaftsqualität oder die Berggebiete fördern.

Auch dort gibt es Auswüchse. Bauern mit flachen Wiesen erhalten ein Mehrfaches der Direktzahlungen von Landwirten, die vor allem Steillagen bewirtschaften.Ist das gerecht?
Es stimmt: Das Direktzahlungssystem hat zur Folge, dass einige Bauern mehr profitieren können als andere. Solche Effekte gibt es wohl in jedem System. Am einfachsten haben es Bergbauern, die grosse flache Wiesen haben in hohen Lagen, die sie nur einmal pro Jahr mähen müssen.

Wie macht man das System denn gerechter für alle?
Wenn es eine einfache Lösung gäbe, dann hätte man die wahrscheinlich schon gefunden. Man kann nicht jeden Faktor ganz präzise berücksichtigen. Vor allem kann man nicht die Topografie und damit den Aufwand für Mechanisierung und Arbeit korrekt ausgleichen. Es gibt aber schon heute zusätzliche Beiträge für Steillagen, die müssten wohl noch ein bisschen höher sein.

Im Gegenteil: Der Bundesrat will diese Steillagenbeiträge abschaffen.
Da sind wir aber dagegen. Das wäre ganz falsch. Denn damit kann man die Ungleichheiten im Berggebiet wenigstens ein bisschen ausgleichen.

Ist es überhaupt möglich, mit einem System für alle Bauern Gerechtigkeit zu schaffen?
Das System ist ja schon jetzt extrem differenziert. Aber man könnte fast jeden Betrieb in die Gewinnzone rechnen, wenn man weiss, wie. Es gibt ein paar Pfiffikusse, die das wirklich beherrschen. Aber ich muss für die grosse Masse denken. Ich schaue die unteren 80 Prozent an. Ich sage immer: Ritter, wenn es für 80 Prozent stimmt, dann haben wir es wahrscheinlich nicht so schlecht gemacht.

Erstellt: 02.07.2019, 19:52 Uhr

Landwirte im Fokus

Mehrere Wochen haben Tamedia-Journalisten in der Landwirtschaft recherchiert. Sie werteten anonymisierte Daten des Bundes zu Direktzahlungen aus. Diese zeigen alle Beiträge sowie die Kürzungen für jeden einzelnen Hof. Eingesehen wurden zudem hunderte Strafbefehle gegen Bauern. Oder die Tierverkehrsdatenbank, welche Bewegungen der Tiere aufzeigt. Die Resultate erscheinen als Artikel-Serie in diversen Tamedia-Titeln.

Hier lesen Sie alle Artikel zur Serie:

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