Der Bauern-Sherlock

Mit der Videokamera ermittelt er auf den Höfen: Wie Staatsanwalt Jörg Gross verdächtige Landwirte überführt.

Jörg Gross, St. Galler Staatsanwalt. Foto: Urs Bucher

Jörg Gross, St. Galler Staatsanwalt. Foto: Urs Bucher

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Jörg Gross von der St. Galler Staatsanwaltschaft ist der einzige Strafverfolger in der Schweiz, der sich ausschliesslich damit beschäftigt, gegen Tierhalter zu ermitteln. Und das seit 17 Jahren. Er hat schon schlimme Szenen von vernachlässigten Tieren gesehen und manchen Bauern wegen Tierquälerei mit einem Strafbefehl verurteilt und vor Gericht angeklagt.

Manchmal geht es auch um weniger spektakuläre Fälle – aber auch da muss Gross subtil vorgehen. Beispielsweise dann, wenn Landwirte Tiere über sehr lange Zeit nicht ins Freie lassen, obwohl das Tierschutzgesetz dies vorschreibt. Und die Landwirte dafür zum Teil sogar zusätzlich Direktzahlungen erhalten. Kühe müssen im Winter im Schnitt an mindestens 5 Tagen pro Monat Auslauf erhalten.

Um die Verletzung des Tierwohls zu vertuschen, fälschen Bauern das sogenannte Auslaufjournal. Sie tragen ein, dass ihre Kühe im Freien waren, während sie stattdessen ständig im Stall ausharren mussten. Wie will man da das Gegenteil beweisen?

Unkraut als Indiz

Einen erfahrenen Ermittler wie Jörg Gross täuschen die Land­wirte nicht so leicht. Mitarbeiter des St. Galler Veterinärdienstes liessen in einem Fall einen verdächtigen Bauern den Auslauf demonstrieren und filmten die Szene. «Das machen wir heute in vielen Fällen so», sagt Staatsanwalt Gross. Er studierte hinterher im Video das Verhalten der Tiere und stellte fest, dass die acht Rinder den Weg vom Stall in den Auslauf nicht kannten. «Sie traten zögernd, teils kopflos drängend durch die Stalltür in den Auslauf und einige sogar wieder zurück in den Stall», hielt Gross später im Strafbefehl gegen den Bauern fest. «Die Rinder liefen kreuz und quer, teilweise hoch erhobenen Kopfes, kurz witternd und die Umgebung musternd» über den Hof. Zeitweise hätten die Rinder Bocksprünge gemacht und im Stechschritt den Auslauf überquert. Und es gab noch ein weiteres Indiz, das gegen den Bauern sprach. Das Unkraut draussen vor dem Stall stand zehn Zentimeter hoch.

Alles untrügliche Zeichen, dass das Vieh schon länger nicht mehr unter freiem Himmel stand. Gross verurteilte den ­Bauern letzten Sommer wegen vorsätzlicher Übertretung des Tierschutzgesetzes, er musste 1100 Franken bezahlen.

Rind an Kette gehalten

Eine Bäuerin kassierte eine Strafe wegen mehrfacher Urkundenfälschung, weil sie das sogenannte Wiesenjournal absichtlich falsch ausgefüllt hat. Sie notierte, dass ihre Tiere auf der Weide waren, was nicht stimmte. 5000 Franken Subventionen hätte die Landwirtin dank des Auslaufs erhalten, wäre sie nicht aufgeflogen. Zudem hielt sie im Stall ein Rind an einer 10 Zentimeter langen Kette angebunden, sodass es dem Tier nicht möglich war, «arttypisch zu stehen, sich hinzulegen, zu ruhen und aufzustehen». Gross bestrafte sie mit einer Busse und Gebühren von insgesamt 1167 Franken. Die Bussen gegen Landwirte sind im Kanton St. Gallen vergleichsweise hoch. Andernorts bezahlen Bauern für solche Vergehen wenige hundert Franken.

Ausschnitt aus einem Strafbefehl gegen einen Schweizer Bauern. Foto: zvg

Die St. Galler Landwirte müssen heute auch mit unmittelbaren Sanktionen rechnen. Im Kanton kam es zwischen 2010 und 2015 vermehrt zu gewalttätigen Vorfällen. Als ein Bauer einer Kontrolleurin des Veterinäramts die Faust ins Gesicht schlug, reagierte Staatsanwalt Jörg Gross. «Wir haben daraufhin ein Schnellverfahren eingeführt», sagt er. «Wenn etwas passiert, rufen mich die Kontrolleure sofort an, ich beordere die Polizei zum Hof, um den Bauer für eine Befragung durch die Staatsanwaltschaft abzuholen.»

In der Zwischenzeit nehme er den Zug dorthin, studiere die Unterlagen, welche er von den Kontrolleuren bereits erhalten habe. «Wenn ich komme, wird der Bauer gleich vernommen und dann umgehend das Urteil gefällt. Alles innert Stunden. Das haben wir drei oder viermal gemacht, seither haben wir Ruhe», sagt Gross.

Hinweise an: recherchedesk@tamedia.ch

Erstellt: 01.07.2019, 17:39 Uhr

Landwirte im Fokus

Mehrere Wochen haben Tamedia-Journalisten in der Landwirtschaft recherchiert. Sie werteten anonymisierte Daten des Bundes zu Direktzahlungen aus. Diese zeigen alle Beiträge sowie die Kürzungen für jeden einzelnen Hof. Eingesehen wurden zudem hunderte Strafbefehle gegen Bauern. Oder die Tierverkehrsdatenbank, welche Bewegungen der Tiere aufzeigt. Die Resultate erscheinen als Artikel-Serie in diversen Tamedia-Titeln.

Hier lesen Sie alle Artikel zur Serie:

Auf dem Github-Konto des Daten-Teams von Tamedia erfahren Sie mehr über die Methode der Datenanalyse.

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