Die letzte Reise von Schwein Fanny

Manche Transporteure lassen ihre Tiere stundenlang im Lastwagen. Einige davon sterben noch vor dem Schlachthof. Das zeigt eine Auswertung von Strafbefehlen.

Druck auf Transporteure: Manchmal sind die Lastwagen deutlich überladen.  Symbolbild: Getty

Druck auf Transporteure: Manchmal sind die Lastwagen deutlich überladen. Symbolbild: Getty

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wir nennen sie Fanny. Jene Sau, die im Kanton Baselland in stockdunkler Nacht mit Artgenossen in einen Transporter getrieben wird. Es ist schwül, die Juni-Nacht mit über 20 Grad tropisch warm, bis am nächsten Mittag wird die Temperatur auf 30 Grad steigen. Spürt Fanny, was auf sie zukommt, während sie im Laster auf der Fahrt versucht, die Balance zu halten?

Um zwei Uhr in der Früh kommen weitere Tiere von einem anderen Zuchtbetrieb hinzu, um drei Uhr noch mehr. Bis die 100-Kilo-Tiere Leib an Leib im Laster stehen – einen halben Quadratmeter pro Schwein sieht das Gesetz im Minimum vor. Nach kurzer Fahrt stellt der Fahrer den Laster auf einen Parkplatz ab. Dort bleibt er stehen, Stunden lang.

Wenn Tiere, die sich fremd sind, in Transportern lange warten müssen, fangen Rangkämpfe an. Die Schweine beissen sich gegenseitig, fügen sich Wunden zu, sie bluten. Schwache Tiere werden geschubst, bedrängt, wenn sie fallen, kommen sie kaum mehr hoch.

Insgesamt vergehen exakt 10 Stunden und 59 Minuten, bis Fanny und die anderen Schweine beim Schlachthof abgeladen werden. Weil die Polizei den Laster am Vormittag kontrolliert, wird der Fahrer überführt. Die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft büsst ihn wegen Widerhandlung gegen das Tierschutzgesetz, er muss 1039 Franken bezahlen.

Die überwiegende Mehrheit der Bauern und Transporteure behandeln die Tiere respektvoll. Das Rechercheteam dieser Zeitung hat aber gegen 80 Urteile wegen Verstössen bei Transporten aus dem Jahr 2018 angeschaut, um zu verstehen, was Tiere im Extremfall durchmachen, bevor sie, in Einzelteile zerlegt, auf unseren Tellern landen.

In der Schweiz leben rund 4,5 Millionen Nutztiere: Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine. Dazu 10 Millionen Geflügel. 52 Kilo Fleisch isst ein Schweizer, eine Schweizerin pro Jahr im Schnitt. Um den Fleischbedarf zu decken, wurden allein diesen Juni 220’000 Schweine geschlachtet, alle 15 Sekunden eines. Dazu 44’541 Rinder, ein Tier pro Minute.

Manchmal sterben Tiere unterwegs

Transporte bedeuten für die Tiere fast immer Stress, in einigen Fällen auch Qualen. Innerhalb eines Jahres, von April 2018 bis April 2019, wurden in der Schweiz insgesamt 1,1 Millionen Rinder 1.4 Millionen Mal von einem Ort zum nächsten verbracht, auf die Alp, zur Tierschau oder eben zum Schlachthof. Dies zeigen Daten aus der Tierverkehrsdatenbank. Jedes Rind legt im Schnitt in einem Jahr 46 Kilometer zurück. Die meistgereiste Kuh der Schweiz war während ihres Lebens gar 1454 Kilometer unterwegs.

In Deutschland ist im letzten Jahr eine heftige Diskussion entbrannt, weil Videomaterial von Rindern auftauchte, die in überhitzten Lastern über hunderte Kilometer bis an den Hafen Koper in Slowenien transportiert wurden. Bereits auf dem Weg starben einige Tiere, verdurstet, an Krankheit verendet. Der Rest wurde in Schiffe Richtung Naher Osten verladen. Eine Kuh fiel dabei ins Meer, ein Kran zog sie an einem Bein wieder aus dem Wasser. Die auf dem Video gut hörbaren Schreie des Tieres haben die Debatte im Nachbarland angefacht.

In der Schweiz sind die Tierschutzbestimmungen für Transporte 2008 verschärft worden. Tiere dürfen maximal acht Stunden im Laster sein und sechs Stunden auf der Fahrt. Die Strafbefehle aus dem vergangenen Jahr zeigen aber, dass unser Fleisch auch von Tieren stammt, die auf ihrer letzten Reise würdelose Umstände erlebten. Mehrfach wurden Fahrer gebüsst, weil sie mit den Tieren viel zu lange unterwegs waren.

Stundenlang im Lastwagen eingepfercht: Ein Transporteur liess Walliser Rinder ohne Futter und Wasser über Nacht im Anhänger. Video: MART

Laut den Urteilen kommt es auch vor, dass Tiere unterwegs sterben. Schlimmer als Fanny erging es mehreren Schweinen im Kanton Luzern. Um vier Uhr in der Früh lud ein Fahrer 38 Tiere in seinen Transportanhänger - sechs Tiere mehr, als erlaubt gewesen wäre. Er liess den Anhänger eine Weile schräg nach hinten gekippt vor dem Schweinestall stehen. Was sich in dieser Zeit im Innern des Fahrzeuges abspielte, kann man nur erahnen. Drei Tiere hatten in diesem Überlebenskampf keine Chance. Als man beim Schlachthof, mehrere Stunden später, die Türe des Anhängers öffnete, waren sie tot. Erstickt. Ein weiteres musste eingeschläfert werden.

Auszug aus einem Strafbefehl. Bild: zvg

Hoffnungslos überladen war auch ein Transporter im Kanton Zürich. Dieser fuhr während rund fünf Stunden mit 156 Schweinen, rund 30 Tiere zu viel. Zwei von ihnen verendeten noch während der Fahrt. Der erfahrene Chauffeur habe vorsätzlich gehandelt, steht im Strafbefehl. Er wurde zu einer Busse von 3200 Franken verurteilt.

Auf die Strasse geschleudert

Rücksichtslos ging ein Bauer im Kanton Bern vor. Er fesselte ein Kalb, das sich beim Sturz von einem Felsen den Rücken gebrochen hatte, auf eine Matratze, zog diese mehr als 300 Meter weit zum Transporter und fuhr dann über eine Stunde zum Schlachthof, statt das Tier sogleich zu erlösen. Im Kanton Graubünden stoppten Polizisten eine Automobilistin, die im Kofferraum ihres Personenwagens zwei fünf und zwölf Tage alte Kälber mitführte. Und mehrmals fuhren Chauffeure so schnell, dass die Fahrzeuge oder Anhänger samt den Tieren kippten. Laut einem Strafbefehl von 2017 wurden drei Schweine auf die Strasse geschleudert, weil der Transporter nicht richtig verschlossen war.

Auszug aus einem Strafbefehl. Bild: zvg

Trotz alledem sagte der Präsident des Solothurner Viehhändlerverbandes, Rolf Nützi, kürzlich in der Presse: «Mir kommt es manchmal vor, dass die Tiere bald im Rolls Royce herumgeführt werden müssen, sich jedoch niemand um das Wohl der Chauffeure sorgt.»

Keiner will mehr bezahlen

Tatsächlich hat das Leid der Tiere auch mit dem Druck auf die Transporteure zu tun. «Der Bauer ist froh für jedes Tier, das er schicken kann», sagt ein Chauffeur, der anonym bleiben will. Er ist im letzten Jahr verurteilt worden, weil er kranke Tiere zum Schlachthof brachte. «Der Viehhändler, der Bauer, der Metzger – alle wussten um die schlechte Verfassung der Tiere. Ich war neu im Beruf, ich kannte das Gesetz zu wenig. Ich hätte mich weigern sollen, aber ich traute mich nicht.»

Er erzählt von unüberwindbaren Zwängen. «Je nach Tour ist es fast nicht möglich, die Zeiten einzuhalten. Im letzten Winter, als so viel Schnee lag und man auf der Fahrt zu den Höfen ständig die Schneeketten montieren und wieder abnehmen musste, waren die Tiere mehrmals bis zu elf Stunden im Transporter.» Ohne Wasser. Es widerspreche zwar dem Gesetz, aber wenn man den Job behalten wolle, müsse man auch mit Überzeiten fahren. «Sollte das alles für die Tiere und die Chauffeure aufgehen», sagt er, «müsste das Fleisch doppelt soviel kosten. Das will aber niemand.»

Fälle von leidenden Nutztieren schaden dem Ruf der Fleischbranche. Proviande, der Branchenverband der Fleischwirtschaft, prüft deshalb zurzeit die Idee einer unabhängigen Meldestelle für Tierschutzvergehen. «Sie ist gedacht für Personen, die bei ihrer Tätigkeit zum Beispiel als Chauffeur oder Händler Tierschutzvergehen feststellen und nicht gleich offiziell anzeigen wollen», sagt Regula Kennel von Proviande. Damit könne man Missstände schneller erkennen und branchenintern Massnahmen einleiten, bevor Vollzugsbehörden auf den Plan gerufen werden.

Fanny kümmert es nicht mehr, ob Veterinäre künftig mehr Personal für Kontrollen bekommen oder die Fleischhändler eine Whistleblower-Line einrichten. Sie ist, wie hundertausende Schweine vor ihr und nach ihr, geschlachtet und verarbeitet worden.

Erstellt: 05.07.2019, 11:55 Uhr

Landwirtschaft im Fokus

Mehrere Wochen haben Tamedia-Journalisten in der Landwirtschaft recherchiert. Sie werteten anonymisierte Daten des Bundes zu Direktzahlungen aus. Diese zeigen alle Beiträge sowie die Kürzungen für jeden einzelnen Hof. Eingesehen wurden zudem Hunderte Strafbefehle gegen Bauern. Oder die Tierverkehrsdatenbank, welche Bewegungen der Tiere aufzeigt. Die Resultate erscheinen als Artikel-Serie in diversen Tamedia-Titeln.

Hier lesen Sie alle Artikel zur Serie:

Verantwortlich Umsetzung Online:
Hannes von Wyl

Artikel zum Thema

«Beim Tierschutz gibt es keine Schmerzgrenze»

Interview Markus Ritter, Präsident des Bauernverbands, reagiert auf unsere Recherche zu vernachlässigten Tieren. Mehr...

«Das war für uns wie ein Lottosechser»

Erstmals zeigen Daten, welche Bauern am meisten Direktzahlungen vom Staat erhalten. Mehr...

Skandalöse Zustände auf Schweizer Bauernhöfen

Schweinekadaver, todkranke Rinder und hungernde Kälber – wochenlange Recherchen zeigen Missstände auf Hunderten Betrieben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Bei Sonnenuntergang: Junge spielen Fussball am Ciliwung in Jakarta, Indonesien. (11. Juli 2019)
(Bild: Willy Kurniawan) Mehr...