Skandalöse Zustände auf Schweizer Bauernhöfen

Schweinekadaver, todkranke Rinder und hungernde Kälber – wochenlange Recherchen zeigen Missstände auf Hunderten Betrieben.

Kein Auslauf, zu wenig Platz: Manche Bauern kümmern sich wenig um das Wohl ihrer Tiere. Foto: Tier im Fokus

Kein Auslauf, zu wenig Platz: Manche Bauern kümmern sich wenig um das Wohl ihrer Tiere. Foto: Tier im Fokus

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Stolz streckt der Bauer eines seiner Ferkel in die Kamera. Das Tier stehe für Wohlstand und Reichtum, schreibt die Zürcher Lokalzeitung später unter das Bild. «Und natürlich für Glück.»

Auf den Landwirt traf das zu: Gut 50 000 Franken Direktzahlungen erhielt er jedes Jahr vom Bund, den Grossteil davon für besonders tierfreundliche Stallhaltung. Doch in Wirklichkeit vernachlässigte und quälte er seine Schweine.

Fünfmal liefert der Züchter kranke Tiere beim Schlachter ab. «Abszesse sowie eine starke Lahmheit», weisen einige laut Strafbefehl auf. Verschiedene Inspektionen auf dem Hof bestätigen den Eindruck. Das Futter sei «faul und verschimmelt», Sauen hätten «massive unbehandelte Infektionen, sodass diese Tiere über Wochen an Schmerzen gelitten haben». Drei werden eingeschläfert.

Und das Landwirtschaftsamt streicht dem Schweinemäster Direktzahlungen. So wie es die Kantone bei Tausenden Bauern machen, weil sie gegen den Tierschutz verstossen. Dies belegen Daten, in welche das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) erstmals Einblick gewährte. Insgesamt kam es 2017 auf 7398 Betrieben zu Kürzungen. Das entspricht jedem siebten Hof mit Subventionen.

Verschiedene Verstösse können zu einem Abzug führen. 21 250 Mängel stellten die Kontrolleure alleine 2017 fest, von falschen Flächenangaben bis zu Verfehlungen im Tierschutz. Vertreter der Landwirtschaftsbranche geben gern an, meist gehe es um Bagatellen, wie falsch ausgefüllte Formulare. Doch das stimmt nicht.

Eine Auswertung der Daten zeigt die zehn häufigsten Verstösse 2018. An erster Stelle lagen mit Abstand Mängel beim qualitativen Tierschutz von Rindern (3905). Dahinter folgten Verstösse im Umgang mit Weidetieren (1903). In deutlich weniger Fällen ging es um fehlerhafte Dokumente (1298). Stattdessen litten neben Rindern auch Hunderte Schweine, Pferde und Schafe. Teilweise so drastisch, dass Polizei und Staatsanwälte einschreiten mussten. 613 Bauern oder Tiertransporteure wurden im letzten Jahr wegen Verletzungen des Tierschutzgesetzes verurteilt. Das Rechercheteam dieser Zeitung hat sämtliche Entscheide eingesehen.

Landwirt lässt 39 Kälber an Rindergrippe verenden

Sie zeigen skandalöse Zustände. Das Bild der bäuerlichen Idylle mit glücklichen Kühen auf sattgrünen Wiesen trügt zuweilen. Die grosse Mehrheit der Bauern behandelt ihre Tiere korrekt. Doch Konsumentinnen und Konsumenten können nicht immer sicher sein, dass das Fleisch auf ihrem Teller von Tieren stammt, die nicht gelitten haben.

Ein Zürcher Bauer liess 39 Kälber elend an Rindergrippe verenden. Er habe um ihren Zustand gewusst, schreibt die Staatsanwältin. Und trotzdem «bewusst kein Tier mehr behandelt». Allein im Januar 2018 starben während zwei Wochen 28 Tiere. Im Stall fanden die Kontrolleure weitere apathische, ausgehungerte Kälber, die sich kaum mehr erheben konnten und unter Atemnot litten.

Auf einem anderen Hof im Kanton Zürich hielt ein Landwirt Kühe und Kälber auf 57 Quadratmetern, obwohl dafür 135 Quadratmeter nötig wären. Die Tiere standen zum Teil «knöcheltief» in Harn und Kot. Auch hier mussten Tiere notgeschlachtet werden.

Im Kanton Aargau hielt ein Bauer 184 Kälber ohne Wasser, zwei Wochen lang hatten sie auch kein Raufutter. Gleich erging es elf Schwyzer Jungtieren. Eines von ihnen starb kurz vor der Inspektion, ein anderes musste eingeschläfert werden.

Wie Folter mutet eine Praxis an, die immer wieder zu Schuldsprüchen führt: Landwirte montieren über den Rücken der Kühe Drähte und Stangen, sogenannte «Kuhtrainer», welche unter Strom stehen. Sie elektrisieren die Tiere, wenn sie falsche Bewegungen machen. Damit das Vieh in die Rinne hinter sich kotet.

Doch immer wieder haben die Tiere gar keine Chance, dem Elektroschock auszuweichen – die Drähte sind so tief gehängt, dass sie sie schon bei der kleinsten Bewegung berühren. Skandalös sind die Zustände auch in gewissen Schweineställen. Im Kanton Thurgau mussten weit über 100 Ferkel «durch 15 Zentimeter tiefen Morast aus Kot und Urin waten», wie im Strafentscheid steht. «Die Tränkebecken waren mit Kot gefüllt und daher für die Tiere unbenutzbar.»

Immer wieder werden Bauern verurteilt, weil sie ihre Tiere im Kot stehen lassen. Foto: Tier im Fokus

Vielerorts kommt es zu Kannibalismus, weil die Züchter zu viele Schweine in einen Stall pferchen und ihnen keine Beschäftigungsmöglichkeit geben. Dann beissen sie ihre Artgenossen.

Ein Züchter in Luzern hielt 410 Schweine ohne Zugang zu Wasser, zehn wiesen offene, blutende Wunden an den Schwänzen auf. «Diese Wunden wurden von den anderen Tieren geleckt und weiter angefressen», steht im Strafurteil. «Drei Schweine mit starken Verletzungen liess er einfach liegen, statt sie zu erlösen.» Die Kontrolleure fanden im Stall auch Knochen von verendeten Schweinen, deren Kadaver der Halter nicht beseitigt hatte.

Ähnlich sah es auf einem anderen Luzerner Betrieb aus: «Der Kadaver eines Schweines wurde nicht entsorgt und im Auslaufbereich liegen gelassen, so dass die anderen Schweine die Überreste dieses Tieres frassen», ist den Akten zu entnehmen. «Im Zeitpunkt der Kontrolle waren von dem toten Tier nur noch der Schädel und Reste der Haut sichtbar.»

Auch Schafe und Ziegen leiden. St. Galler Beamte trafen bei einer Kontrolle auf ein Tier, das sich «mit den Vorderläufen nur noch auf den Knien fortbewegen» konnte. Häufig ist auch die Weidehaltung prekär, die Tiere haben keinerlei Witterungsschutz gegen Hitze oder Kälte. Sie vegetieren ohne Aufsicht vor sich hin. In Zürich fanden Kontrolleure ein totes Lamm auf der Weide. Im Aargau stiessen Polizisten auf ein Zicklein «dessen Zunge blau und der Körper kalt war».

Vorsätzliche Tierquäler und überforderte Halter

Der Bauernverband reagiert auf die Recherche. Er unterstütze die Behörden bei den Kontrollen, damit Verstösse gegen das Tierschutzgesetz aufgedeckt würden, heisst es. Fehlbare Bauern schadeten dem Ruf der gesamten Branche. Man müsse aber auch betonen, dass die grosse Mehrheit der Bauern gut für die Tiere sorge.

Strafverfolger und Kantonstierärzte ihrerseits erzählen von bewegenden, aber auch brenzligen Szenen auf den Höfen. «Vereinzelt gibt es den Tierquäler, der bewusst seine Tiere leiden lässt», sagt der Berner Kantonstierarzt Reto Wyss. Sehr viel öfter führe aber Überforderung der Landwirte zu schlimmen Situationen für die Tiere.

«Es kommt vor, dass sie weinen oder in den Wagen steigen und davonfahren», sagt Sebastian Menzel vom Veterinärdienst des Kantons Aargau. Es fehle bei solchen Bauern das Geld, um Rechnungen zu bezahlen, sie hätten persönliche Probleme, seien völlig am Ende. Nicht selten greifen sie aber auch zu Gewalt. «Wir sind häufig mit der Polizei unterwegs», sagt Kantonstierarzt Wyss, «wir mussten auch schon mal mit der Sondereinheit Enzian auf einen Hof.» Letztes Jahr wurde ein Landwirt bei zwei Kontrollen in Handschellen gelegt, weil er zu aggressiv war.

Im Kanton St. Gallen kam es zwischen 2010 und 2015 vermehrt zu gewalttätigen Vorfällen. Als ein Bauer dann einer Kontrolleurin des Veterinäramts die Faust ins Gesicht schlug, reagierte Staatsanwalt Jörg Gross. «Wir haben daraufhin ein Schnellverfahren eingeführt», sagt er. «Wenn etwas passiert, rufen mich die Kontrolleure sofort an, ich beordere die Polizei zum Hof, um den Bauer für eine Befragung durch die Staatsanwaltschaft abzuholen.»

In der Zwischenzeit nehme er den Zug dorthin, studiere die Unterlagen, welche er von den Kontrolleuren bereits erhalten habe. «Wenn ich komme, wird der Bauer gleich vernommen und dann umgehend das Urteil gefällt. Alles innert Stunden. Das haben wir drei oder viermal gemacht, seither haben wir Ruhe», sagt Gross.

Der eingangs erwähnte Zürcher Schweinezüchter drohte gar mit Mord. Im Strafbescheid gegen ihn steht, dass er dem Inspekteur gedroht habe, ihn bei einem nächsten Besuch «zu erschiessen». Er habe ein Gewehr und dulde keinen weiteren Besuch durch Beamte. Der Bauer will sich nicht im Detail äussern. Er habe genug von den Schikanen der Behörden. Jetzt verkaufe er seinen Hof.

Hinweise an: recherchedesk@tamedia.ch

Erstellt: 30.06.2019, 08:01 Uhr

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Hier lesen Sie alle Artikel zur Serie:

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