Zu krank für den Schlachthof

Jedes zehnte Rind kann in der Schweiz nicht verwertet werden. Besonders gefährdet: Kälber, die zu wenig Erstmilch erhalten. Ihnen setzt die schlechte Stallhygiene zu.

Kommen Jungrinder auf einen Mastbetrieb, sind sie fremden Erregern ausgesetzt: Diesem Kalb auf einem Solothurner Betrieb geht es gut. Foto: Florian Bärtschiger

Kommen Jungrinder auf einen Mastbetrieb, sind sie fremden Erregern ausgesetzt: Diesem Kalb auf einem Solothurner Betrieb geht es gut. Foto: Florian Bärtschiger

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Einige Kälber haben kein Wasser, andere kein Futter, es fehlt Einstreu. Die Schwyzer Kontrolleure finden laut Strafbefehl vom März 2018 «ein apathisches Kalb, das stark ausgetrocknet war, die Ohren hängen liess und eingefallene Augen hatte». Es muss eingeschläfert werden. Ein anderes Jungtier ist zum Zeitpunkt der Inspektion bereits tot.

Schlachten kann man die toten Tiere nicht mehr, ihre Kadaver werden verbrannt. Experten sprechen in solchen Fällen von einer «Verendung». Und die sind in der Schweiz häufig, wie Zahlen der Tierverkehrsdatenbank belegen, die der SonntagsZeitung vorliegen. 62’230 Rinder sind letztes Jahr verendet, ohne die Totgeburten mitzuzählen. Gleichzeitig gab es 627’748 Schlachtungen.Fast jedes zehnte Tier konnte also nicht verwertet werden.

«Ein schwieriges Thema», sagt Professor Martin Kaske vom Zürcher Tierspital. «Dem Konsumenten erscheint diese Quote wohl erschreckend hoch.» Doch es gebe Erklärungen. Schuld seien vor allem Krankheiten, welche für die extrem sensiblen Tiere schnell tödlich verlaufen. «Kälber kommen quasi nackt zur Welt, ohne Abwehrkräfte, das ist eine Eigenart bei Rindern», erklärt der Veterinärmediziner. «Sie erhalten ihr Immunsystem erst durch die Muttermilch.»

Doch genau da liegt das Problem. Der Schweizer Kälbergesundheitsdienst (KGD) schreibt in seinem Jahresbericht, dass laut aktuellen Studien zwei von fünf Kälbern zu wenig Muttermilch, sogenanntes Kolostrum, erhalten. Ihnen fehlen die nötigen Abwehrkräfte gegen Krankheitserreger. Sie erleiden dann schweren Durchfall, Lungenentzündungen oder Grippen. Diese raffen die Tiere oft in wenigen Tagen dahin.

Häufig kommen Kälber schon nach kurzer Zeit weg von der Mutter. Geschwächt vom Transport, erreichen sie den Mastbetrieb, treffen dort auf fremde Keime. Je unhygienischer, desto gefährlicher. «Die Sauberkeit ist entscheidend. Wenn ein Kalb mit wenig Abwehrkräften im Kot liegen muss, ist die Gefahr einer Erkrankung natürlich gross», sagt Tierarzt Kaske.

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Er ist Geschäftsführer des Kälbergesundheitsdienstes. Die Branche selbst hat diesen vor zwei Jahren gegründet. Eben um die Zahl verendeter Rinder zu reduzieren. Seither gehen die Mitarbeiter fast täglich auf Bauernhöfe, um die Haltung dort zu kontrollieren und zu verbessern. «Wir treffen dabei eigentlich nie auf böse Tierquäler. Aber auf Bauern, die überfordert sind und am Limit laufen», sagt Kaske. Kein Landwirt wolle, dass sein Kälbchen elend sterbe. «Aber für die nötige Stallhygiene fehlt häufig die Zeit.» So sei es auch beim Kolostrum. «Der Bauer müsste direkt nach der Geburt mehrere Stunden beim Neugeborenen sein und genau schauen, dass es gut mit Muttermilch versorgt wird. Aber so lange kann fast kein Landwirt seine übrige Arbeit liegen lassen.»

«Entscheidend ist, dass sie lange genug bei der Mutter sind»

Die allermeisten Bauern sind bemüht, sie sorgen gut für ihre Tiere. Gründe für die hohe Zahl der Verendungen findet man aber auch in Strafbefehlen aus dem letzten Jahr, die miserable Zustände bei einzelnen Rindvieh-Haltern zeigen. So musste beispielsweise die Kuh eines Appenzeller Landwirts entsorgt werden. Er selbst hatte sie als gesund deklariert. «Beim Aufziehen mit dem Kran flossen grosse Mengen eines schaumigen Sekrets mit Lungenwürmern aus der Nase», steht im Strafentscheid.

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Die detaillierten Zahlen der Tierverkehrsdatenbank zeigen erstmals, dass vor allem junge Tiere verenden: Zwei Drittel aller gestorbenen Rinder lebte 2018 kein halbes Jahr lang. «Entscheidend ist, dass sie lange genug bei der Mutter sind», sagt Regula Kennel, Leiterin Unternehmensentwicklung von Proviande. Die gesamte Branche einigte sich deshalb vor vier Jahren darauf, dass Kälber erst ab drei Wochen an Mäster verkauft werden. «So kommen sie erst auf einen fremden Betrieb, wenn sie ein gestärktes Immunsystem haben.» Laut Kennel halten sich die Landwirte an diese Regelung. «Sonst wäre die Zahl verstorbener Kälber noch höher.»

Böser Verdacht wegen männlicher Kälber

Auffällig ist, dass insgesamt zwar mehr weibliche Tiere verenden. Dies aber deutlich später. 28 Prozent der männlichen verendeten Tiere starben schon in der ersten Woche. Bei weiblichen Kälbern waren es nur 17 Prozent. Genau das nährt einen schweren Verdacht. «Es gibt gewisse Rassen, bei denen die Tiere zwar viel Milch geben, dafür aber kaum Fleisch ansetzen», sagt Cesare Sciarra, Leiter Kontrolldienst vom Schweizer Tierschutz. «Bei diesen Milchrassen sind die männlichen Tiere wirtschaftlich eher uninteressant.»

Man höre immer wieder Gerüchte, dass Bauern deshalb männliche Neugeborene töten. «Und sie auf der Kadaverstelle oder im Gülleloch entsorgen.» Einen Beweis hat Sciarra nicht. Dass männliche Tiere deutlich früher verenden als weibliche, sei aber «ein sehr starkes Indiz».

Einen persönlichen Eindruck hatte Toni Kathriner. Bis vor vier Jahren lebte der Zürcher Landwirt von Milchkühen. Heute hält er keine Nutztiere mehr, aus ethischen Gründen. «Der wirtschaftliche Druck war so enorm, das liess sich nicht mehr mit meinem Bild von Tierwohl vereinbaren.» Es sei unbestritten, dass gewisse Bauern männliche Kälber absichtlich verenden lassen. «Sie aufzuziehen wäre schlicht nicht rentabel», sagt Kathriner.

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Die Branche bestreitet dies. Laut Nationalrat Marcel Dettling (SVP) hat sich die Marktlage in den letzten Jahren deutlich entspannt. «Heute erhält man für einen Milchrasse-Muni schon kurz nach der Geburt über 400 Franken», sagt der Präsident des Schweizer Kälbermäster-Verbands. «Jeder Bauer wäre blöd, würde er männliche Tiere absichtlich abtun und auf dieses Einkommen verzichten.»

Tierarzt Kaske wiederum gibt an: «Bei keinem einzigen meiner Klienten habe ich erlebt, dass man Kälber absichtlich getötet hätte.» Denkbar sei aber, dass bei männlichen Kälbern im Krankheitsfall auf besonders teure Therapien verzichtet werde. «Eine Euthanasie könnte dann finanziell tragbarer erscheinen», sagt Kaske. Ein anderer Tierarzt gibt an, dass schon heute etliche Bauern auf die Behandlung von Munis verzichtet. Weil diese je nach Krankheit zu teuer sei. In vielen Fällen würden die Tiere eingeschläfert. Es komme aber auch vor, dass sie krank vor sich hinvegetieren, bis sie tot sind.

Das passierte im Kanton Zürich. Letztes Jahr verurteilte die Staatsanwaltschaft einen Bauer, der Kälber und Jungtiere hielt. Im Strafbefehl heisst es: «Obwohl der Beschuldigte Kenntnis über seine offensichtlich an einer Rindergrippe erkrankten Tiere hatte, unterliess er es, diese adäquat zu behandeln oder zu töten.» 39 Kälber verendeten.



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Erstellt: 07.07.2019, 00:29 Uhr

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