Zu wenig Kontrollen: Tierquäler bleiben unentdeckt

Auf Tausenden Schweizer Bauernhöfen werden Tiere vernachlässigt. Kantonstierärzte schlagen Alarm: Es fehle an Personal.

Der Fall Hefenhofen: 90 Pferde konnten gerettet werden. Sie waren teilweise in einem bedenklichen Zustand. Foto: Adrian Moser.

Der Fall Hefenhofen: 90 Pferde konnten gerettet werden. Sie waren teilweise in einem bedenklichen Zustand. Foto: Adrian Moser.

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Gestern berichtete die «SonntagsZeitung» von gravierenden Vorfällen im Umgang mit Nutztieren. Kontrolleure treffen auf Kühe, die abgemagert und krank sind, auf Schweinekadaver, die im Stall liegen, oder auf Schafe, die ohne Wasser in sengender Hitze dahinvegetieren. Auf einem Zürcher Hof liess ein Bauer 39 Kälber an Rindergrippe verenden – ohne sie medizinisch zu versorgen.

Es ist gut möglich, dass es viele weitere Höfe gibt, wo Tiere leiden, ohne dass Behörden es bemerken. Denn die Amtstierärzte sind komplett am Anschlag. «Wir sind überlastet», sagt der Berner Kantonstierarzt Reto Wyss. Er ist Präsident der Vereinigung Schweizer Kantonstierärztinnen und Kantonstierärzte. Seine Mitarbeiter würden enorme Überstunden anhäufen. «Und trotzdem müssen wir priorisieren und können nicht alle Fälle zeitgerecht behandeln – das ist sehr belastend.» Es bestehe die Gefahr, dass man etwas verpasse oder zu spät komme.

Stelle des Veterinärs gekürzt

Von «sehr wenig Ressourcen» spricht auch die Aargauer Kantonstierärztin Barbara Thür. Der Bund verlange, dass die Betriebe alle vier Jahre überprüft würden. «Doch wir können diese Vorgabe nur zu 80 Prozent einhalten», sagt sie. Von 600 Betrieben werden im Aargau nur 520 alle vier Jahre überprüft. «Wenn der Veterinärdienst Hinweise erhält, können wir nicht immer aus­rücken. Wir müssen abwägen, was wir leisten können und was nicht», sagt Thür. Die Politik ­stehe mit in der Verantwortung, dass die Ressourcen reichten, fügt sie hinzu. Beim Aargauer ­Veterinärdienst ist 2017 unter SVP-Regierungsrätin Franziska Roth die Stelle eines Tierarztes abgebaut worden.

Auch die Kantonstierärzte in der Ostschweiz klagen. Albert Fritsche aus St. Gallen erzählt davon, dass sein Amt einen Pendenzenberg von rund 500 bis 600 Nachkontrollen von einem Jahr ins nächste schleppe. Und Amtstierarzt Paul Witzig im Thurgau sagt: «Mit ein paar Leuten mehr könnten wir weitere Fälle aufdecken oder verhindern.» In seinem Kanton ist ein Betrieb in Hefenhofen wegen ausgehungerter Pferde und Kühe vor zwei Jahren in die Schlag­zeilen geraten.

Viel Aufwand verursachen die sich häufenden juristischen Streitereien mit Landwirten. Zunehmend haben Veterinärdienste nicht nur mit den Bauern, sondern auch mit deren Anwälten zu tun. Und immer öfter werden Kontrolleure eingeklagt, wenn sie auf die Höfe gehen, wegen Hausfriedensbruch, obwohl im Tierschutzgesetz das Zutrittsrecht für die Vollzugsbehörden verankert ist. «Die daraus folgenden langwierigen Verfahren und persönlichen Anklagen gegen die einzelnen Mitarbeitenden wirken lähmend und binden Ressourcen, welche dann für die nötigen Kontrollen vor Ort fehlen», sagt der St. Galler Kantonstierarzt Fritsche.

Auf 10647 Schweizer Höfen gab es letztes Jahr sogenannte Grundkontrollen, bei welchen der Tierschutz überprüft wird. Die kantonalen Unterschiede waren dabei enorm, wie die detaillierte Statistik zeigt, welche dieser Zeitung vorliegt. In Genf, dem Tessin oder Appenzell Innerrhoden wurde nicht einmal jeder zehnte Hof inspiziert. In Luzern oder dem Thurgau hingegen jeder dritte.

Ob Tiere kein Wasser haben, knöcheltief im Kot stehen, eitrige Wunden aufweisen oder ausgehungert sind, können Kontrolleure meist nur dann feststellen, wenn sie Höfe ohne Ankündigung besuchen. Auch das handhaben die Kantone unterschiedlich.

Mehr Beanstandungen durch unangemeldete Kontrollen

Mehrere Kantone halten die gesetzliche Vorgabe, dass 10 Prozent der Kontrollen unangemeldet zu erfolgen haben, nur knapp ein – der Kanton Schaffhausen liegt gar darunter. Ein Digitalisierungsprojekt habe Personal absorbiert, sodass man «eine Zeit lang gar keine unangemeldeten Kontrollen durchführen konnte», sagt der Schaffhauser Kantonstierarzt Peter Uehlinger. Dass man das Minimum verfehlt habe, lasse sich aber nicht schönreden. «Denn gerade beim Tierschutz erwischt man Übeltäter nur, wenn sie durch die Kontrolleure überrascht werden.»

In Graubünden kamen die Prüfer in 98 Prozent der Inspektionen ohne Voranmeldung vorbei. Nur so stosse man auf gravierende Mängel, sagt auch der Bündner Kantonstierarzt Giochen Bearth. «Wir haben aufgrund solcher Inspektionen deutlich mehr Beanstandungen.»

Die Notwendigkeit solcher Überraschungsbesuche zeigt auch das Beispiel des Kanton Thurgau. Im letzten Jahr gab es 741 Kontrollen, davon 431 unangemeldet, also mehr als jede zweite. Bei der Hälfte stellten die Prüfer Mängel fest, jede zehnte Inspektion führte zu einer Strafanzeige gegen den Landwirt bei der Staatsanwaltschaft.

Die Situation spitzt sich zu

«Unangemeldete Kontrollen sind extrem wichtig, aber sie brauchen sehr viel Personal», sagt die Aargauer Kantonstierärztin Thür. Kürzlich waren zwei ihrer Leute einen Tag lang unterwegs und wollten vier Tierhalter kontrollieren – eine einzige Person war anwesend.

Die Situation wird sich noch verschlimmern. Der Bundesrat hat beschlossen, dass die Kantone voraussichtlich ab Mai 2020 statt 10 mindestens 40 Prozent der Kontrollen unangemeldet machen müssen. Michel Rérat, Vizepräsident des Vereins der Kantonstierärztinnen und Kantonstierärzte, sagt, dass dieses Ziel ohne zusätzliches Personal auf keinen Fall erreicht werden kann.

Hinweise an: recherchedesk@tamedia.ch

Erstellt: 01.07.2019, 07:01 Uhr

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Hier lesen Sie alle Artikel zur Serie:

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Verantwortlich Umsetzung Online: Hannes von Wyl

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