Bund wirbt für weniger CO2 – mit mehr CO2

Der Bund bestellt für 1,4 Millionen Franken PR-Texte über eine CO2-freie Energieproduktion – bei einer Agentur in Berlin, die für jeden einzelnen Text in die Schweiz jetten muss.

Die Schweizer Airline SkyWork fliegt täglich von Bern nach Berlin und zurück. (Thomas Hodel)

Die Schweizer Airline SkyWork fliegt täglich von Bern nach Berlin und zurück. (Thomas Hodel)

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«Tue Gutes und sprich darüber»: Diesem alten Public-Relations-Grundsatz fühlt sich auch der Bund verpflichtet – und lässt sich das eine schöne Stange Geld kosten. Das Bundesamt für Energie (BFE) hat soeben für bis 1,4 Millionen Franken einen PR-Auftrag an eine kleine Kommunikationsagentur vergeben. Ihr Auftrag: Sie soll über «innovative Energieprojekte», die vom BFE subventioniert werden, schöne Artikel verfassen. Von «Success Stories» spricht das BFE in schönstem PR-Jargon.

Die PR-Offensive von Bundesrätin Doris Leuthards Energieamt steht ganz im Zeichen der Energiewende. Der Ausstieg aus der Kernenergie soll auch dank Energieforschung und innovativen «Leuchtturmprojekten» erreicht werden. Forschung und Projekte subventioniert das BFE mit rund 35 Millionen Franken pro Jahr – und genau diese «Success Stories» soll die beauftragte Agentur nun einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen. Die Ziele, die das BFE verfolgt, hat es in der Ausschreibung des Millionenauftrags wie folgt umschrieben: «Unter anderem setzte sich das BFE ein für eine effiziente Energienutzung, für die Erhöhung des Anteils an erneuerbaren Energien sowie für die Senkung der CO2-Emissionen.»

Diese hehren Zielsetzungen promoten soll jetzt die Agentur Dr. Vogel Kommunikation, die – Achtung! – ihren Sitz in Berlin hat. Dr. Vogel, das ist der Schweizer Benedikt Vogel, der früher als Journalist für die «Basler Zeitung» gearbeitet hat, heute aber in Berlin lebt und arbeitet. Vogel wird darum für jeden einzelnen Artikel von Berlin in die Schweiz reisen müssen – per Flugzeug, wie Vogel auf Anfrage bestätigt. Die staatliche Informationsoffensive für eine CO2-ärmere Energieproduktion verursacht also erst einmal: mehr CO2.

Über 100 Flüge

Und Vogel wird oft, sehr oft ins Flugzeug nach Zürich oder Basel steigen müssen: Der BFE-Auftrag, der sich über vier Jahre erstreckt, umfasst pro Jahr 25 Beiträge über ebenso viele Energieprojekte. Zusätzlich muss Vogel sechsmal pro Jahr an Sitzungen in Bern teilnehmen. Das macht in vier Jahren bis zu 124 Flüge von Berlin in die Schweiz. Vogel versichert allerdings auf Anfrage, dass er diese Reisen, «wenn es möglich ist», bündeln werde. So werde er die Besuche von «zwei oder drei» Projekten ab und zu verbinden. Dass Vogel die Projekte in der Schweiz vor Ort besichtigen muss, ist eine Auflage des BFE.

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Der Bund verpflichtet für seine CO2-Kampagne eine Agentur, die dafür von Berlin nach Bern jetten muss – weil es das billigste Angebot war. Was halten Sie davon?






Für diesen «Grundauftrag» bezahlt das BFE Vogel über die nächsten vier Jahre 579’920 Franken. Das entspricht laut BFE einem Stundenansatz von rund 150 Franken. Weitere Leistungen, etwa Webvideos und Powerpoint-Folien, kann das BFE bei Vogel jederzeit als «Option» abrufen. Kostenpunkt dafür: Bis zu 832’700 Franken. Zudem ist mit dem Auftrag an Vogel auch die Option auf eine Verlängerung um weitere viere Jahre verbunden. Das würde den Bund dann nochmals bis zu 1,4 Millionen Franken kosten.

«Gar nicht fliegen»

Vogel hat einen ähnlichen Auftrag schon die letzten vier Jahre lang für das BFE ausgeübt. Damals kam er via ein Einladungsverfahren zum Handkuss. Jetzt hat das BFE den Auftrag aber nach WTO-Vorgaben öffentlich ausgeschrieben. Dabei habe Vogel erneut den Zuschlag erhalten, weil er den günstigsten Preis offeriert habe, hält das BFE fest. Vogel erfülle aber auch die übrigen Zuschlagskriterien sehr gut, sagt BFE-Sprecherin Marianne Zünd. Namentlich sei er im Energiebereich «fachlich versiert».

Zu Vogels Aufgabe gehört es auch, die von ihm geschriebenen Artikel in geeigneten Fachpublikationen unterzubringen. Im letzten Jahr habe er total 152 Veröffentlichungen in 39 verschiedenen Publikationen realisiert, teilt das BFE mit. Dabei handelt es sich fast ausschliesslich um Fachzeitschriften wie «Energierundschau», «HK Gebäudetechnik» oder «Haustech».

«Aus Sicht des CO2-Ausstosses wäre es natürlich optimaler, wenn Herr Vogel in der Schweiz basiert wäre und gar nicht fliegen müsste», räumt BFE-Sprecherin Zünd ein. Man habe Vogel den Zuschlag aber nicht mit diesem Argument verweigern können. In einer WTO-Ausschreibung könne man einen Anbieter nicht ausschliessen, weil er geografisch entfernter sei und dadurch weiter reisen müsse.


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Erstellt: 23.08.2018, 15:02 Uhr

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