Das Ende eines Traumas

Karin Keller-Sutter schreibt Parteigeschichte.

Im zweiten Anlauf geschafft: Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Im zweiten Anlauf geschafft: Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Foto: Anthony Anex (Keystone)

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Dann schreitet sie nach vorne. Geht ans Rednerpult. Entfaltet ihre Notizen. Richtet den Blick konzentriert in den Saal. Wartet, bis der Applaus abklingt. Und spricht als Bundesrätin zur Vereinigten Bundesversammlung. Endlich! Es war ein langer Weg für Karin Keller-Sutter.

Acht Jahre ist es her, seit die damalige St. Galler FDP-Regierungsrätin für das höchste politische Amt kandidiert hat. Dass sie gegen Johann Schneider-Ammann unterlag, hat sie nachhaltig geprägt. Nie wieder wollte sie antreten; nie wieder wollte sie, die Perfektionistin, verlieren.

Die Erfahrung wirkt noch immer nach: Obwohl die Ständerätin als klare Favoritin gilt, wirkt sie kurz vor ihrer Wahl angespannt. Wiederholt blickt sie zur St. Galler Delegation auf der Zuschauertribüne, nervös sucht sie das Gespräch mit Sitznachbar Paul Rechsteiner (SP), mit ernster Miene lauscht sie den Worten ihres Fraktionschefs Beat Walti.

 «Die Menschen erwarten zu Recht von uns, dass wir uns nicht gegenseitig blockieren, sondern miteinander reden.»

Doch vorne, am Rednerpult, fällt die Anspannung ab von ihr. Dort findet sie in ihre neue Rolle – vom ersten Moment an. Magistral spricht Keller-Sutter über den Wert des Konsenses in der Schweizer Politik: «Die Menschen in der Schweiz erwarten zu Recht von uns, dass wir uns nicht gegenseitig blockieren, sondern miteinander reden.» Die besten Lösungen entstünden nicht aus absoluter Harmonie, sondern aus der Auseinandersetzung mit anderen Meinungen.

Und sie sagt mit wenigen Worten alles, was es zur bisherigen Frauenvertretung der FDP im Bundesrat zu sagen gibt: Mit ihrer Wahl beende die Bundesversammlung ein «dornenvolles Kapitel» der freisinnigen Frauen. Nach fast 30 Jahren Absenz in der Landesregierung dürfe sie die Aufgabe als zweite FDP-Bundesrätin übernehmen. «Ich glaube, dass wir damit wieder zur Normalität übergehen können.»

Mit der Wahl von Karin Keller-Sutter überwindet die FDP nicht nur das Trauma des erzwungenen Rücktritts von Elisabeth Kopp im Jahr 1989 – auch die 54-Jährige kann mit ihrem persönlichen politischen Tiefschlag abschliessen: Mit ihrer ersten erfolglosen Kandidatur vor acht Jahren habe sie «eine Geschichte mitgebracht». Deshalb sei sie im Nationalratssaal so emotional gewesen, sagt sie später an ihrer Medienkonferenz. Schliesslich könne man bei Bundesratswahlen nie sicher sein, dass man gewählt werde.

Unbestrittene Eignung

Doch die Zweifel waren unbegründet. Sie erzielte bereits im ersten Wahlgang 154 Stimmen – ein Glanzresultat, auch wenn ihr im Vorfeld sogar ein noch deutlicherer Sieg zugetraut worden war. Doch für die FDP ging es auch darum, Keller-Sutters Konkurrent Hans Wicki ein respektables Ergebnis zu verschaffen. Der Nidwaldner Ständerat machte 56 Stimmen. 27 Stimmen entfielen auf weitere Personen. Dazu gehörte dem Vernehmen nach etwa der Bündner Ständerat Martin Schmid, der zwar Ambitionen gehegt hatte, aber angesichts der deutlichen Favoritenrolle Keller-Sutters auf eine Kandidatur verzichtete.

Mit der St. Gallerin erhält die Schweiz eine Bundesrätin, deren Eignung in sämtlichen Parteien unbestritten war. Frau, Ostschweizerin, Exekutiverfahrung, Bundesparlamentarierin: Die ehemalige Regierungsrätin verkörperte das bei dieser Vakanz gesuchte Profil geradezu idealtypisch. So empfahlen sie alle Fraktionen ausser der CVP, die sich nicht festlegen wollte, zur Wahl. In den Hearings hatte die ausgebildete Konferenzdolmetscherin mit ihrer Auftritts-, Dossier- und Sprachkompetenz überzeugt. In der SVP etwa stiess Keller-Sutter geradezu auf Begeisterung. «Wenn sie es nicht schafft: Wer soll es dann je schaffen in den Bundesrat?», fragte Ständerat Hannes Germann.

Keller-Sutter hat sich den Ruf als kompromissbereite Brückenbauerin erarbeitet.

Anders als bei ihrer ersten Kandidatur hat sich die diesjährige Ständeratspräsidentin in ihren acht Jahren in der kleinen Kammer ein grosses Netzwerk und den Ruf als kompromissbereite Brückenbauerin erarbeitet. 2010 hatte ihr die Linke wegen ihrer asyl- und sicherheitspolitischen Positionen noch die Unterstützung versagt. Seit ihrer Wahl in den Ständerat 2011 setzte Keller-Sutter jedoch auf andere Themen und profilierte sich als Wirtschafts-, Sozial- und Aussenpolitikerin. Deswegen war sie diesmal auch auf linker Seite von Anfang an gesetzt. Geschätzt wird dort namentlich ihre Bereitschaft, mehrheitsfähige Lösungen zu finden, wie SP-Fraktionschef Roger Nordmann am Morgen vor der Wahl sagte.

Trotzdem wird Keller-Sutter für freisinnige Kontinuität im Bundesrat sorgen. Inhaltlich wird sie sich mit Ausnahme der Europapolitik nicht substanziell von ihrem Vorgänger Schneider-Ammann unterscheiden, sondern andere Akzente setzen. Offen ausgetragene Konflikte, wie sie Johann Schneider-Ammann zuletzt mit den Bauern oder den Gewerkschaften führte, werden mit Karin Keller-Sutter wegen ihrer kommunikativen Stärke und ihrem konsensorientierten Verhandlungsstil jedoch unwahrscheinlicher.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 23:32 Uhr

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