Und plötzlich hören ihr alle zu

Heidi Z’graggen sorgt für die spannendsten Bundesratswahlen seit langer Zeit. Ein politisches Leben im Schnelldurchlauf.

Niemand hatte sie auf der Rechnung: Heidi Z’graggen, Urner Justizdirektorin, hat gute Chancen auf einen Sitz im Bundesrat. (Video: SDA)

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Niemand interessierte sich wirklich für Heidi Z’graggen, 52, Justizdirektorin aus dem Kanton Uri, Politologin mit einer Dissertation zum Thema «Professionalisierung von Parlamenten», Krimi-Leserin, historischen Romanen nicht abgeneigt, Skifahrerin, gern in den Bergen, ausgebildete Lehrerin, liiert mit dem Zürcher SVP-Politiker Bruno Dobler, (eine «Fernbeziehung» hat es die NZZ genannt) und seit vergangenem Freitag, nicht zu vergessen: Bundesratskandidatin für die CVP.

Und weil sich niemand so wirklich für Heidi Z’graggen interessierte, weil sich die Medienprofis und Politauguren lieber auf den blassen Zuger Ständerat Peter Hegglin konzentrierten, als nach Altdorf zu fahren, ins Büro von Frau Z’graggen, oder an ihren Wohnort in Erstfeld, weil der Entscheid der CVP-Fraktion am Freitag so viele ausserhalb der CVP auf dem falschen Fuss erwischte, wird jetzt nachgeholt. Und wie!

Wer ist die Z’graggen? Wo steht sie politisch? Was macht sie? Was hat sie gemacht? Mit wem? Wie gross sind ihre Chancen neben Viola Amherd?

Ein politisches Leben im Schnelldurchlauf, auf allen Kanälen, überall gleichzeitig. In allen Sonntagszeitungen hat sie geredet, sie war im Radio und im Fernsehen und auch am Sonntag nimmt sie das Telefon ab. Entspannt und souverän. Sie tönt anders, als man das von den Menschen im Bundeshaus gewöhnt ist. Ungeschliffener. Frischer.

Flirten mit rechts

Sie lasse sich nicht gern in eine Schublade pressen, in ein Links-rechts-Schema, sagt sie am Freitag, am Samstag und auch am Sonntag. Verhindern hat es sich trotzdem nicht lassen. In der gleichen furiosen Geschwindigkeit, in welcher die Medien über das Wochenende ihr Tiefenbetrachtungs-Versäumnis von Heidi Z’graggen aufholten, schufen sie auch gleich ein neues Drehbuch für die Bundesratswahlen vom 5. Dezember. Wenn Peter Hegglin der Kandidat für die Rechten war, dann wird dieser Platz jetzt wohl zwangsläufig von der Urnerin übernommen werden müssen. «Z’graggen ist die Kandidatin der rechten Fraktionen», schrieb die «NZZ am Sonntag», im Indikativ.

Und was macht das jetzt mit Z’graggen? Bandelt sie mit der SVP an? So wie es vor einem Jahr Ignazio Cassis getan hat? Was verspricht sie der FDP? Gibt sie sich jetzt weiter rechts, als sie ist?

Nach all den öffentlichen Äusserungen von Z’graggen im Verlauf der letzten 72 Stunden kann man sagen: Ja. Und auch Nein. Sie sagt durchaus Dinge, die einem SVPler und auch manch einem Freisinnigen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Den UNO-Migrationspakt beurteilt sie kritisch («nicht unterschriftswürdig»), beim Rahmenabkommen mit der EU macht sie einige Fragezeichen (die Unionsbürgerrichtlinie geht ihr zu weit), und auf die Frage des «St. Galler Tagblatts», ob sie weiter rechts stehe als Viola Amherd, sagt sie: «Ich gehe davon aus, dass ich mit meinem Profil eher zum rechten Flügel meiner Partei gehöre.» Und war da nicht noch die Geschichte, als sie, die Präsidentin der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission, den bürgerlichen Ständeräten dafür dankte, dass diese bürgerlichen Ständeräte ihre Kommission substanziell schwächen wollten?

«Sie kämpft für ihre Projekte, rhetorisch beschlagen und dossierfest.»Christoph Schillig
Ehemaliger Landtagspräsident, Grüne Uri

Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Z’graggen mag zwar wirtschaftspolitisch weiter rechts stehen als ihre Konkurrentin Viola Amherd. In anderen Fragen sind sich die beiden aber sehr einig. Z’graggen befürwortet die Ehe für alle, und sie wird – trotz der Episode mit der Heimatschutzkommission – als Politikerin wahrgenommen, die grüne Anliegen mit Vehemenz vertritt. Konservativ im Wortsinn: Bewahren der Schöpfung, der Heimat, der Landschaft. Das liege an der Prägung durch ihren Kanton, sagt Z’graggen. «Dass ich eine bewahrende und vorsichtige Seite habe, hat hier sicher seinen Ursprung.» Andererseits sei gerade der Kanton Uri als Transitkanton schon von jeher offen gegenüber Neuem, und sie selber auch gegenüber dem städtischen Teil der Schweiz aufgeschlossen. «Schliesslich habe ich in Bern und Genf studiert und ich habe viele Bekannte, die in Städten leben.»

Einerseits, andererseits. Mal rechts, mal links, mal bewahrend, mal eher weniger. Es ist wie so oft bei Regierungsrätinnen oder Regierungsräten, gerade aus kleineren Kantonen (und gerade von der CVP): Politik ist gut und recht. Aber zuerst muss gearbeitet werden. Pragmatismus vor Ideologie.

Das sagen auch jene, die sie schon seit Jahren beobachten – und nicht erst seit Freitag. «Sie kämpft für ihre Projekte, rhetorisch beschlagen und dossierfest», sagt Christoph Schillig, ehemaliger Landratspräsident und seit sechs Jahren für die Grünen im Urner Kantonsparlament. Engagiert sei sie, hartnäckig, stets gut informiert über die Dossiers der anderen Regierungsratskollegen, ihr strategisches Denken ziemlich ausgeprägt.

Kein Fehlverhalten nachgewiesen

Nicole Cathry, FDP-Landrätin, beschreibt Z’graggen als angenehm im Umgang, als gut vorbereitet und dossierfest: «Sie setzt sich jeweils mit Herzblut für ihre Geschäfte ein.» Zudem sei sie so erfahren als Regierungsrätin, dass sie auch spontan und ohne Rücksprache mit der Verwaltung auf Fragen im Landrat reagieren könne.

Zwei grosse Themen dominierten die Zeit von Z’graggen in der Urner Regierung. Ein negatives und ein positives. Zum einen: der Justizfall Ignaz Walker. Seit acht Jahren beschäftigen sich die Urner Justiz und das Bundesgericht mit dem mutmasslichen Mordauftrag durch einen Cabaret-Betreiber aus Erstfeld. Im Verlauf der verschiedenen Prozesse wurde immer wieder Kritik an den Urner Justizbehörden und auch an Z’graggen laut. Ein konkretes Fehlverhalten konnte man ihr aber nie nachweisen.

Z'graggen (Mitte rechts) auf dem Sessellift mit Samih Sawiris (Mitte links) im Dezember 2015. Foto: Alxandra Wey (Keystone)

Auch ihr zweites grosses Thema als Regierungsrätin wurde kontrovers betrachtet: Z’graggen war die Wegbereiterin für das Tourismusresort des ägyptischen Investors Samih Sawiris in Andermatt. Sie habe manchmal fast zu gut zu Sawiris geschaut, sagen Kritiker. An der Urner Fasnacht machten sich die Leute lustig darüber, wie verzückt ihre Justizdirektorin auf den Bildern mit Sawiris wirkte. Fasnacht halt. Doch auch hier bleibt einer Mehrheit der Urnerinnen und Urner eher in Erinnerung, wie hartnäckig sich Z’graggen für das Resort einsetzte – und es zu einem erfolgreichen Abschluss brachte.

Nur nicht beirren lassen

In ihrem Kanton sorgte die Bundesratskandidatur dennoch für Staunen. Wohlgesinnte nannten es mutig, andere nannten es frech. Und erinnerten daran, wie Z’graggen vor acht Jahren schon einmal nach Bern wollte, als Stände­rätin. Und damals gegen den partei­losen Markus Stadler auch darum verlor, weil sie im Wahlkampf sagte, sie wolle bei einer Wahl in den Ständerat auch Regierungsrätin bleiben. Das war ähnlich unbedarft wie ihr kürzlich zu laut ausgesprochenes «Depp», von dem sie weiterhin behauptet, es sei ein «akustisches Missverständnis» gewesen.

Sie lässt sich nicht beirren, sie macht das jetzt, und sie macht es genau so, wie sie das möchte. Wenn sie etwas in ihren 14 Jahren als Regierungsrätin gelernt habe, dann sei es das: «Nicht immer ist es klug, sofort alles zu wollen. Eine gute Lösung muss manchmal reifen. Ich bin da pragmatisch, aber ich bleibe dran.»

Ein interessanter Satz für eine, die seit Freitag so nahe am höchsten Amt in der Schweiz ist, wie es sich viele im Bundeshaus wünschten – und nie erleben werden. Übers Wochenende ist Z’graggen die Hotelliste von Bern durchgegangen, morgen wird sie mit ihren Urner Regierungskollegen schauen, wie sie die nächsten zweieinhalb Wochen für ihre Kampagne freigespielt werden kann. Die Sache ist ernst geworden. Die Leute hören ihr jetzt zu. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.11.2018, 20:34 Uhr

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