Wie lange währt der historische Tag für die Frauen?

In den Köpfen der Männer sei das Geschlechterthema endlich angekommen, glauben Frauenorganisationen. Oder hoffen es zumindest. 

«Zwei gute Kandidatinnen»: Die neu gewählten Bundesrätinnen Karin Keller-Sutter (links) und Viola Amherd. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

«Zwei gute Kandidatinnen»: Die neu gewählten Bundesrätinnen Karin Keller-Sutter (links) und Viola Amherd. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

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Als sie ein Mädchen war, durfte ihre Mutter noch nicht abstimmen. Im Nationalrat erlebte sie, wie Elisabeth Kopp, die erste Frau im Bundesrat, aus dem Amt gejagt wurde. Sie war dabei, als Ruth Metzler Christoph Blocher weichen musste. Ein politisches Leben lang hat SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer gegen eine männliche Übermacht gekämpft. Heute hört sie auf als Nationalrätin, und ihre Zeit hier in Bern endet mit einem Triumph. «Das ist ein historischer Moment!», ruft sie in der Wandelhalle. Ein Moment, der alles verändere. «Irreversibel», nennt sie ihn und meint damit die Selbstverständlichkeit, mit der Viola Amherd und Karin Keller-Sutter gewählt wurden. Ohne Spielchen, ohne Sprengkandidaten. Einfach so. «Weil es zwei gute Kandidatinnen waren.»

«Ich glaube, in vielen Männerköpfen ist in den vergangenen Wochen etwas passiert», sagt Kathrin Bertschy, GLP-Nationalrätin und Co-Präsidentin der Frauenorganisation Alliance F. Sie macht dies an Kleinigkeiten fest. An jenem Dokumentarfilm von SRF etwa, der letzte Woche das Schicksal der sieben bisherigen Bundesrätinnen beleuchtete und auf den sie viele Reaktionen von Nationalratskollegen erhielt. Könnte vielleicht doch ein Problem sein, wenn 50 Prozent der Bevölkerung unzureichend in der Regierung repräsentiert sind, sagten diese Männer.

Auf dem Weg zur Normalität

«Mit der Wahl beenden Sie ein dornenvolles Kapitel der freisinnigen Frauen», sagte Keller-Sutter gestern nach ihrer Wahl vor der Vereinigten Bundesversammlung. Und später: Die Wahl zweier Frauen sei der Übergang zur Normalität. Ihre neue Kollegin Viola Amherd sagte: «Ich hoffe, dass bei künftigen Bundesratswahlen das Geschlecht keine besondere Beachtung mehr braucht und für das Amt geeignete Frauen künftig selbstverständlich gewählt werden.»

Fast dreissig Jahre hat es gedauert, bis die FDP wieder eine Frau in die Regierung schicken konnte, und dornenvoll war der Weg nicht nur für jene aus dem Freisinn. Das Land, das seinen Frauen erst anno 1971 das Stimm- und Wahlrecht erteilte, tat sich lange schwer, wenn eine Frau in die Regierung gewählt werden sollte.

Die erste Bundesratskandidatin war die Sozialdemokratin ­Lilian Uchtenhagen. An ihrer Stelle wählte die männliche Mehrheit 1983 aber Otto Stich zum Bundesrat, der gar nicht nominiert war. Uchtenhagen sei zu «emotional», hiess es.

Zweite Bundesrätin – nach Elisabeth Kopp – hätte 1993 Christiane Brunner werden sollen. Die streitbare Gewerkschafterin wurde aber von allen Seiten angefeindet, und an ihrer Stelle wurde wieder ein Mann gewählt. Nur weil dieser die Wahl nicht annahm, bekam die Schweiz mit Ruth Dreifuss, Brunners «politischem Zwilling», doch noch eine Bundesrätin. Die dritte Bundesrätin, Ruth Metzler, wurde zwar geschmeidig in den Bundesrat gewählt, aber keine vier Jahre später nicht wiedergewählt.

Der Fünfer ist gefallen

Noch vor der Wahl des freisinnigen Ignazio Cassis im September 2017 hielt FDP-Frauen-Präsidentin Doris Fiala eine Frauenkandidatur nicht für vordringlich. Ein Jahr später wäre eine solche Aussage nicht mehr hingenommen worden. Was ist geschehen? «Dahinter steckt hartnäckige Arbeit der CVP- und FDP-Frauen», sagt Kathrin Bertschy. Plötzlich rede man von der «Konkordanz der Geschlechter». Nicht mehr nur der Wohnkanton und die Parteizugehörigkeit sollen künftig bei Bundesratsmit­gliedern berücksichtigt werden, sondern auch das Geschlecht. «Dieser Anspruch der Frauen kann nicht mehr infrage gestellt werden.»

Auch Politologe Claude Longchamp hätte vor einem halben Jahr noch nicht gedacht, dass bald drei Frauen im Bundesrat sitzen – er traute es der CVP nicht zu, dass sie ein reines Frauen-Ticket lanciert, denn da waren noch Schwergewichte wie Gerhard Pfister und Konrad Graber. Longchamp glaubt, dass unter anderem die Debatte um die Lohngleichheit im Frühling zu einem Umdenken führte, während der der Ständerat die ­Vorlage postwendend an den Bundesrat retournierte. «Da ist der Fünfer heruntergefallen.» Gleichzeitig habe die Kampagne «Helvetia ruft» den Frauen Mut gemacht.

So ist es heute auch durchaus denkbar, dass die Schweiz in absehbarer Zeit wieder von einer Frauenmehrheit regiert werden könnte; bisher war dieser Fall nur einmal und nur während 14 Monaten eingetreten. Es ist gut möglich, dass ausgerechnet die SVP wieder eine Frauenmehrheit herbeiführen wird. Claude Longchamp ist überzeugt: Wenn die Partei die Nachfolge von Bundesrat Ueli Maurer regelt, wird sie den Namen Magdalena Martullo-Blocher auf ihr Ticket setzen.

Nach der gestrigen Wahl scheint es, als wäre der Weg für eine ständige angemessene Frauenvertretung in der Landesregierung bereitet. Nur: Woher sollen sie künftig kommen? Es gibt drei Rekrutierungsgefässe für den Bundesrat: den Ständerat, den Nationalrat und die Kantonsregierungen.

Wer nimmt Platz?

Im Ständerat ist der Frauenanteil mit 15 Prozent aber schon heute sehr tief, und von den ­sieben Ständerätinnen kandidiert nächstes Jahr nur noch Brigitte Häberli-Koller (CVP). Auch im Nationalrat treten viele profilierte Frauen nicht mehr an, und es ist fraglich, ob auf ihren Sitzen nach der Wahl nur annähernd so viele Frauen Platz nehmen werden wie heute. In den Kantonsregierungen schliesslich sind die Frauen schon heute stark untervertreten, die Kantone Appenzell Ausserrhoden, Luzern, Tessin und Graubünden werden gar ausschliesslich von Männern regiert.

Insbesondere in Gremien, die durch Majorzwahlen bestellt werden, ist der Frauenanteil in den vergangenen Jahren gesunken. Die Delle, die sich dadurch bildete, könnte bald bis zum Bundesrat hinaufwandern. Die Arbeit, die Frauen wie Susanne Leutenegger Oberholzer vor drei Jahrzehnten begonnen haben, wird vielleicht doch nicht so schnell abgeschlossen sein.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 23:55 Uhr

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