Ein Fall, grösser als meine Fantasie

Unser Autor Res Strehle hat bereits in den Neunzigerjahren zur Crypto AG recherchiert. Was jetzt bekannt wird, ist viel mehr, als sich damals erahnen liess.

1970 kauften CIA und BND zusammen die Firma Crypto AG; die Chiffriergeräte aus der Produktion der folgenden Jahrzehnte waren manipuliert. Foto: undatierte Aufnahme, PD

1970 kauften CIA und BND zusammen die Firma Crypto AG; die Chiffriergeräte aus der Produktion der folgenden Jahrzehnte waren manipuliert. Foto: undatierte Aufnahme, PD

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Warum gerade jetzt? Warum soll es ausgerechnet jetzt ein Skandal sein? Ahnte man nicht seit 40 Jahren, dass die Crypto AG manipulierte Chiffriergeräte verkaufte? Viele Kritiker der Cryptoleaks wiesen in den letzten Tagen auf diesen Widerspruch hin. Die Antwort darauf gibt am besten die CIA selber.

Niemand hat die früheren Enthüllungen über die Firma Crypto AG in der Schweiz so minutiös verfolgt wie der US-Geheimdienst. In den Cryptoleaks-­Dokumenten lässt sich nachlesen, wie der CIA in den 90er-Jahren bei jedem Verdacht auf den tatsächlichen Hintergrund der Firma bangte, ob die ­Legende nun auffliegen würde. Weit entfernt ­davon, allmächtiger Drahtzieher im Hintergrund, zu sein, ähnelte der Geheimdienst eher dem bangen Vater eines Wunderkindes, dessen Legende sich jederzeit als Bluff herausstellen konnte. In den Dokumenten lässt sich aber auch nachlesen, wie die CIA es schaffte, dass die Story nie zu einem internationalen Skandal wurde. Bis heute.

1993 erzählte mir der entlassene Crypto-Verkäufer Hans Bühler von ­seinem Verdacht, dass die Geräte seiner Firma manipuliert seien. Die NSA und der deutsche Bundesnachrichtendienst stünden hinter der Firma und würden mit den manipulierten Geräten die geheimen Nachrichten in allen Kundenländern entschlüsseln können. CIA und BND würden im Hintergrund der Firma die Fäden ziehen. Bühler recherchierte, ich half ihm mit journalistischen Mitteln. Die Spur der Eigentümer führte in der Tat nach Deutschland, aber endete auf halbem Weg auf dem Handelsregister in Vaduz, das keinerlei Auskunft gab. Die technologischen Vorgaben kamen aus Arizona (dem Sitz von Motorola) und Bonn – die Firmenleitung stellten Siemens-Manager. Sowohl Motorola wie Siemens wurden damals gute Verbindungen zu den Geheimdiensten nachgesagt. Eine Spur, aber kein Beweis.


Video: Interview mit Res Strehle

Der ehemalige Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», Res Strehle, recherchiert seit den Neunzigerjahren zu Geschehnissen rund um die Crypto AG. Video: Anthony Ackermann


Ich war erst skeptisch, solche Mutmassungen kannte ich aus der Verschwörungstheorie. Doch kurz nachdem ich den ehemaligen Vizedirektor der Crypto AG besuchte, der von der Firma in den 70er-Jahren entlassen worden war, war ich plötzlich selber im Lager der ­Verschwörungstheoretiker. Der Entwicklungsingenieur war zum Schluss gekommen, dass während seiner Zeit in der Firma alle Chiffriergeräte manipuliert waren. Er sprach von einer Hintertür, die in die Geräte eingebaut war. Sie zu entfernen, war ihm mehrfach verboten worden. Er wurde schliesslich entlassen.

Die Beweise dafür würden in einem Safe liegen, der nur in seinem Todesfall geöffnet werden durfte – das war seine Lebensversicherung. Der Mann fühlte sich offenkundig bedroht, es hatte in seinem Umfeld auch schon Anschläge gegeben. Auch mir war mulmig ­zumute, als ich an diesem düsteren Februar-Abend sein Haus verliess und ins Auto stieg. Er und einige Kollegen in der Firma waren überzeugt, dass Boris Hagelin junior, der Sohn des Firmengründers, 1970 in Washington nicht durch einen gewöhnlichen Autounfall ums Leben ­gekommen war. Hagelin sei nicht damit einverstanden gewesen, dass sein Vater die Firma an die CIA verkaufte.

Der Auftritt des Firmenleiters habe genügend Zweifel an Bühlers Vorwürfen geweckt. Langley hoffte, dass die Zuschauer damit zumindest verwirrt ­seien.

Auch das war nicht bewiesen. Entsprechend vorsichtig titelte der Verlag mein Buch, das 1994 erschien: «Verschlüsselt». Der geheimdienstliche Hintergrund der Firma war nur in Frageform angedeutet, von der Spur zum deutschen Eigentümer nur die Tarnfirmen benannt. Auch ein Kollege der SRF-Sendung «Rundschau» recherchierte hartnäckig. Alarmiert schrieb die CIA: «Anfang März erfuhr die CIA, dass Bühler am 23. März eine öffentliche Enthüllung im Schweizer und im Österreichischen Fernsehen plant über die Beziehungen zwischen der Crypto AG und den westlichen Geheimdiensten. In Langley (dem CIA-Hauptquartier Anm. d. Red.) und in Zug starteten alle mit der Schadensbegrenzung.»

Die Firma von Gründer Boris Hagelin verkauft über Jahre manipuliert Chifriergeräte. Foto: Getty Images

Der damalige Firmenleiter Michael Grupe dementierte den nachrichtendienstlichen Hintergrund im Fernsehen vehement. Die Einzelheiten der Sendung sind dem CIA-Bericht zu entnehmen. Der Auftritt des Firmenleiters habe genügend Zweifel an Bühlers Vorwürfen geweckt. Langley hoffte, dass die Zuschauer damit zumindest verwirrt ­seien. Fazit der CIA: «G.s Auftritt hat das Programm vermutlich gerettet.»

Trotzdem zogen sich Grupe und ­weitere Siemens-Leute aus der Firma zurück. An einem Podium nach Erscheinen des Buchs in Zug vertrat sein Schweizer Nachfolger Armin Huber die Firma und bezeichnete unsere Erkenntnisse als pure Hirngespinste. Die CIA-Beobachter notierten, dass ich im Buch das angebliche Attentat auf Boris Hagelin junior erwähnt hatte – ohne dies durch Fakten zu belegen. Damit würde die Glaubwürdigkeit des Buchs geschwächt.

Auf einen Prozess unter Aufgebot von Zeugen wollten es aber weder die Firma noch der deutsche Bundesnachrichtendienst ankommen lassen. Einzig die CIA war forscher und wollte Bühler mit einem Prozess durch alle Instanzen zermürben. Bühler willigte schliesslich gegen eine kleine finanzielle Abfindung zu Stillschweigen ein. Ich titelte im Nachrichtenmagazin «Facts»: «Das letzte Türchen bleibt geschlossen.»

Bühlers Verhaftung war ein Zufallstreffer

In den folgenden Jahren ergab sich zwar noch der eine oder andere Hinweis. 2001 bestätigte mir ein Angestellter der Crypto, dass unsere Erkenntnisse richtig seien. Genannt werden wollte er nicht. Neue Beweise: keine. 2015 gab die NSA die Akten ihres einstigen Chefkryptologen William Friedman frei. Sie belegten, dass er und Firmengründer Hagelin die Chiffriertechnik in Zug ab 1955 in enger Kooperation entwickelten. Das stützte unsere Erkenntnisse aus der Gründungszeit der Firma, aber bewies nichts über die Zeit danach.

Erst jetzt, seit Veröffentlichung der Cryptoleaks, wissen wir: CIA und BND übernahmen die Zuger Firma 1970 gemeinsam und brachten sie mit manipulierten Geräten zur Hochblüte. Nahezu jede zweite Entschlüsselung geheimer Nachrichten im Ausland verdankte der US-Nachrichtendienst der Zuger Firma. Bei den Deutschen beruhten zeitweilig vier von fünf Geheimberichten an die Botschaften darauf. Ein Erfolgsprojekt, auf das der frühere Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer bis heute stolz ist. Erst jetzt wissen wir, dass er Deutschlands geheimes Engagement nach den Medienberichten 1993 beendete. Erst jetzt wissen wir, dass die CIA danach allein weitermachte, wohl bis zur Aufspaltung der Firma 2018.

Der Iran hat mit der Verhaftung Bühlers einen Zufallstreffer gelandet. Gelöst wurde der Fall damals nicht. Doch er stiess die Tür einen Spalt breit auf, um dem Geheimnis der Zuger Firma auf die Spur zu kommen. Endlich.

Erstellt: 13.02.2020, 22:07 Uhr

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