Das ist die neue starke Frau im Bundeshaus

Eine noch wenig bekannte Ständerätin wird Präsidentin der CVP-Fraktion – der steile Aufstieg einer Frau, die auch anecken kann.

Historische Wahl: Andrea Gmür präsidiert als erste Frau die CVP-Bundeshausfraktion. Fotos: Keystone

Historische Wahl: Andrea Gmür präsidiert als erste Frau die CVP-Bundeshausfraktion. Fotos: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine weitere Männerbastion in der Schweiz fällt: Andrea Gmür präsidiert als erste Frau die CVP-Bundeshausfraktion. Die Luzerner Ständerätin setzte sich am Freitagnachmittag in einer Kampfwahl gegen Nationalrat Leo Müller durch, der ebenfalls aus Luzern kommt. Damit steigt Gmür auf einen Schlag zu einer der mächtigsten Frauen der Schweiz auf.

Bis jetzt war die 55-jährige Gmür national nur wenig bekannt. In den letzten vier Jahren erlebte sie eine steile Karriere. 2015 wurde sie erstmals in den Nationalrat gewählt. Im Oktober 2019 konnte sie bereits in den Ständerat wechseln. Und seit heute zählt sie nun zu den drei mächtigsten CVP-Politikern auf Bundesebene – neben Bundesrätin Viola Amherd und Parteipräsident Gerhard Pfister.

Luzernerin mit St. Galler Dialekt

Damit spielt Gmür im Bundeshaus ab sofort eine Schlüsselrolle. Ihre Fraktion heisst offiziell «Mittefraktion», weil ihr – neben 38 CVP-Parlamentariern – auch drei BDP- und drei EVP-Nationalräte angehören. In der neuen Legislatur wird Gmürs Truppe oft das Zünglein an der Waage spielen zwischen links und rechts. Und Gmür ist als Fraktionschefin quasi das Zünglein am Zünglein.

Obwohl Gmür in Bern den Kanton Luzern vertritt, spricht sie breiten Ostschweizer Dialekt. Sie ist im Toggenburg aufgewachsen und erst durch ihre Heirat in die Zentralschweiz gekommen. Mehr CVP als Gmür geht nicht – die Zugehörigkeit zu dieser Partei ist bei ihr praktisch genetisch bedingt. Schon ihr Vater Jakob Schönenberger war CVP-Ständerat, allerdings für den Kanton St. Gallen.

Doch nicht nur in der Politik, auch in Wirtschaft und Kirche ist sie familiär vernetzt: Ihr Schwager ist Felix Gmür, der Bischof von Basel. Ihr Mann Philipp Gmür ist CEO der Helvetia-Versicherung. Just ihr breites Beziehungsnetz erkläre denn auch ihre rasche Karriere, glauben Parteikollegen. In Luzern heisst es, Andrea Gmür sei an allen denkbaren gesellschaftlichen Anlässen präsent – vom Wirtschafts-Event bis zum Schwing- und Jodlerfest.

Gmür ist mehrsprachig und war Französisch- und Englischlehrerin, während Leo Müller schon Mühe mit der zweiten Landessprache hat.

So setzte sie sich mehrmals in schwierigen Wahlkämpfen durch. 2015 schaffte sie die Wahl in den Nationalrat mit nur 138 Stimmen Unterschied. Für die Ständeratswahl 2019 bootete sie zuerst parteiintern zwei Konkurrenten aus. Dann musste sie den traditionellen Luzerner CVP-Ständeratssitz gegen den Angriff der SVP verteidigen, was nicht von vorneherein gesichert war. Schliesslich distanzierte Gmür ihren Konkurrenten, SVP-Nationalrat Franz Grüter, aber überraschend deutlich.

Dass das Fraktionspräsidium überhaupt vakant war, hat Andrea Gmür den Tessiner Wählern zu verdanken. Diese haben im Oktober den bisherigen Fraktionspräsidenten Filippo Lombardi überraschend als Ständerat abgewählt.

Lombardis Stellvertreter war bisher der 61-jährige Leo Müller, und darum wäre eigentlich er der natürliche Nachfolger gewesen. Doch seine Fraktionskollegen zogen ihm Gmür vor. Die Wahl fand an einer Fraktionsklausur in Luzern statt. Über die Stimmenverhältnisse gibt die Fraktion keine Auskunft. Er hatte das Nachsehen: Leo Müller (r.) im Bundeshaus.

Für Gmür sprachen – das sagten Fraktionskollegen schon vor ihrer Wahl – die kommunikativen Fähigkeiten. Sie ist mehrsprachig, war Französisch- und Englischlehrerin an verschiedenen Gymnasien, während Leo Müller Mühe mit der zweiten Landessprache hat. Überhaupt erhofften sich ihre Unterstützer, Gmür werde der Fraktion ein frischeres Gesicht verleihen als der zwar stets freundliche und korrekte, aber auch etwas spröde wirkende Müller.

Überdies hat sich Gmür innerhalb der Fraktion schon in ihrer ersten Legislatur als fleissige Schafferin bewiesen. Innerhalb der Fraktion habe sie sich so oft wie kaum jemand mit eigenen Voten und Anträgen eingebracht und eingemischt, sagen Kollegen.

Gegen Leo Müller sprach am Ende auch, dass er stark im rechten und konservativen Flügel der CVP verankert ist. Nachdem schon Parteichef Pfister aus dieser Ecke kommt, war dies einigen Fraktionskollegen zu einseitig. Viele fürchteten zudem, dass die Fraktion mit Leo Müller vollends zum verlängerten Arm der Bauernlobby werden würde. Müller ist studierter Agronom, Rechtsanwalt und Notar und über seine Kanzlei und mehrere Verwaltungsratsmandate (unter anderem bei Fenaco) eng mit der Agrarbranche verbandelt.

Keine Linksauslegerin

Das heisst aber nicht, dass Andrea Gmür eine Linksauslegerin der CVP wäre. Eine zweite Kathy Riklin ist sie definitiv nicht. Anfang 2018 provozierte sie Negativschlagzeilen, als sie im Nationalrat einen Antrag im Interesse der Versicherungsbranche einbrachte. Das trug ihr den Vorwurf ein, als verlängerter Arm ihres Ehemannes, des Helvetia-Chefs, zu agieren. Gmür verteidigte sich damals so: «Mein Mann und ich können unabhängig voneinander auf drei zählen.»

Auch im Kanton Luzern brechen linke Kreise und Frauenrechtlerinnen beim Namen Andrea Gmür nicht in Begeisterungsstürme aus – im Gegenteil. Bis heute haben sie ihr nicht vergessen, dass Gmür 2011 im Kantonsrat federführend bei der Einführung eines Eigenbetreuungsabzugs für nicht berufstätige Mütter war.

Im Nationalrat spielte Gmür hingegen 2018 eine mitentscheidende Rolle in einem anderen Anliegen für die Frauengleichstellung. Mit einem 40-zeiligen Gedicht warb sie am Rednerpult für eine weiche Frauenquote in Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen, die der Nationalrat mit nur einer Stimme Unterschied dann auch beschloss. Ihre Reimkünste trugen Gmür damals bei den Ratskollegen tosenden Applaus ein – und in den Medien erstmals breitere Aufmerksamkeit. Das klang damals auszugsweise so:

«Für rote Köpfe und fast Tote / sorgt ein Wort: die Frauenquote.»

Dagegen sein nur aus Prinzip, / das wär ein Zeichen leichter Blösse, / ich hoffe gern auf Ihre Grösse.

Gemischte Teams sind effizienter, / agiler, klüger, intelligenter, / tun der Wirtschaft wirklich gut, / brauchen nicht mal sehr viel Mut. / Es ist Zeit, dass etwas geht, / dass sich die Welt leicht bewegt.»

Nun hat sich auch die CVP bewegt und nach 18 Männern in dieser Funktion die erste Fraktionschefin der Parteigeschichte inthronisiert. Und sollte es jemand wagen, Andrea Gmür als eine Quotenfrau zu sehen, so hat sie ihre Antwort bereits vorweg gereimt:

«Ohne Prestige, schlecht der Ruf, / als Gott die Quotenfrau erschuf. / Nur weiss ich leider nicht, warum, / die Quotenfrau, die ist nicht dumm.»

Video: Gmür rezitiert im Bundeshaus

«Die Quotenfrau, die ist nicht dumm»: Andrea Gmür sorgt 2018 für Unterhaltung im Rat. Video: Tamedia

Erstellt: 17.01.2020, 16:30 Uhr

Artikel zum Thema

Geschieht im Kanton Luzern Historisches?

Zum ersten Mal überhaupt könnte die CVP ihren Sitz im Ständerat verlieren. Dieser wird von der SVP angegriffen – mit intakten Chancen.  Mehr...

«Für rote Köpfe und fast Tote sorgt die Frauenquote»

Im Parlament dominierte beim Thema Aktienrecht die Diskussion um die Frauenquote. Die CVP stellte sich dabei kreativ hinter die Vorlage. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...