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Der Kluge reist im Stehen

In den S-Bahnen der SBB sollen Sitze abgebaut werden, um so mehr Platz für stehende Passagiere zu schaffen. Das ist eine gute Idee.

Weniger Sitzreihen für mehr Platz: Pendler stehen dicht gedrängt in einem Interregio-Zug.
Weniger Sitzreihen für mehr Platz: Pendler stehen dicht gedrängt in einem Interregio-Zug.
Alessandro della Valle, Keystone

Zugfahren schont die Umwelt – die Nerven kaum. Jedenfalls nicht jene der Pendler auf dem Zürcher S-Bahn-Netz. Dieses ist in Stosszeiten oft überlastet. Nun wollen die SBB mehr Platz in den Wagen schaffen, indem sie ganze Sitzreihen entfernen. Ein Pilotversuch in Basel startet im November. Anderswo brachte die Massnahme bereits Erfolg. Bei der Berner Regionalbahn RBS etwa hat man 24 Sitzplätze durch 70 Stehplätze ersetzt. Reklamationen seien bislang ausgeblieben, zitiert «20 Minuten» eine Sprecherin der Bahn.

Trotzdem gibt es kritische Stimmen. Sie fürchten sich vor Zuständen wie in der Londoner U-Bahn oder der Pariser Metro. Die Wahrheit ist: Diese Zustände sind auf gewissen Strecken und in manchen Bahnhöfen längst erreicht. Eine Anpassung der Infrastruktur und des Rollmaterials an die neue Pendlerrealität ist überfällig.

Die SBB-Chefs zeigen sich angetan von Bodenmarkierungen, wie sie auf Perrons in Japan üblich sind. Sie sollen das Anstehen vor den Türen effizienter machen. Eine kluge Idee, angesichts des entwürdigenden Schauspiels, das sich bei Zugseinfahrten im Bahnhof Stadelhofen allfeierabendlich wiederholt.

Täglich 135'000 Passagiere am Stadelhofen

Mit einem Sitzabbau lässt sich ebenso rasch und günstig die Kapazität in den Waggons steigern. Den Pendlern wird nichts weggenommen. Im Gegenteil. Bereits heute stehen viele von ihnen im Korridor, die Mappe zwischen den Beinen, während sie irgendwo im Abteil verzweifelt Halt suchen. Sehr zum Ärger jener Reisenden, denen das Glück der Frühzugestiegenen einen Sessel beschert hat. Ordentliche Stehplätze mit Haltegriffen, das weiss jeder, der das Verrenkungsspiel schon mitgemacht hat, wirken stressmindernd.

Natürlich pendelte jeder gerne mit dem Orient-Express ins Büro. Genösse am Morgen seinen Kaffee aus einer Porzellantasse und am Abend Champagner aus dem Kristallglas. Halb liegend und weich gepolstert, bestenfalls allein. Die Realität sieht anders aus: 135'000 Personen steigen am Stadelhofen täglich ein und aus. Viele fahren durch einen Tunnel zum HB, wo sie den Schnellzug nach Bern nehmen. Andere fahren durch einen Tunnel nach Stettbach, wo ihr Auto steht. Beide U-Bahn-Fahrten dauern bloss ein paar Minuten. Sie sind stehend problemlos zu absolvieren.

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