Der lustige Mensch vom Toggenburg

Toni Brunner war als Präsident der SVP das freundliche Gesicht einer nicht immer so freundlichen Partei. Seine Bilanz: Erstaunlich makellos.

Brunners Hausbeiz: Der abtretende SVP-Präsident vor dem Gasthaus Sonne in Wintersberg (Archiv).

Brunners Hausbeiz: Der abtretende SVP-Präsident vor dem Gasthaus Sonne in Wintersberg (Archiv). Bild: Karl-Heinz Hug/Keystone

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Mit ein Grund, warum die SVP so überproportional viel Raum in den Schweizer Medien erhält, ist die verschwörungstheoretische Aura, die diese Partei seit ihrem Aufstieg in den 90er-Jahren umgibt. Entscheidet Christoph Blocher alles alleine? Was steckt hinter den SVP-Attacken der «Weltwoche»? Freuen die sich wirklich über einen Bundesrat Guy Parmelin?

Viel Raum für Spekulation. Lange kann man sich auch an folgender Frage aufhalten: Wie gross ist (war!) der Anteil von Präsident Toni Brunner am Erfolg seiner Partei? Wie gross seine Autonomie? Sein Einfluss?

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Das sind Fragen, die sich alle Entscheidungsträger in der SVP unterhalb von Christoph Blocher gefallen lassen müssen. Schon über Ueli Maurer, den Vorgänger von Brunner als Präsident, wurde stets gespottet, er sei nur ein Präsident von Blochers Gnaden (der Scherz funktioniert bei «Giacobbio/Müller» bis heute). Auch als Toni Brunner, der bereits seit 1995 im Nationalrat sitzt, 2008 zum Nachfolger von Maurer gewählt wurde, machten sich zuerst alle lustig. Der Bauer aus dem Toggenburg. Freundlich, sympathisch, aber wahrscheinlich auch etwas (ziemlich!) naiv. So einer soll dem Zürcher Führungszirkel, soll IHM tatsächlich Paroli bieten?

Brunner kümmerte das Gerede nie. Oder er liess es sich zumindest nicht anmerken. Im Gegensatz zu den meisten Parteipräsidentenkollegen seiner Ära geht Brunner jegliches Beleidigtsein ab. Egal, wie stark man als Journalist auf seiner Partei oder auf ihm herumhackte: Ein böser Brunner? Kaum vorstellbar. So unbeschwert er als junger Bauer im Bundeshaus Mitte der 90er-Jahre aufgetaucht war, so unbeschwert führte er seine Partei als Präsident bis zu den Wahlen 2015, bis zu ihrem grössten Erfolg überhaupt. Vor wenigen Wochen, als Philipp Müller seinen Rücktritt als Präsident der FDP bekannt gab, wurde der Freisinnige in den Medien zum «Mr Turnaround» hochgejubelt, zum besten Präsidenten der vergangenen Jahre. Brunners Leistung ist im Vergleich höher einzustufen. Ja, bei den Eidgenössischen Wahlen 2011 verpasste die SVP ihr Ziel von 30 Prozent, verlor 2,4 Prozentpunkte. Aber der Wahlsieg vom vergangenen Herbst macht das mehr als wett: Die SVP ist die stärkste Partei in der jüngeren Schweizer Parteigeschichte. Mit ihren Initiativen (je länger, je erfolgreicher) prägt sie die Politik in diesem Land, treibt die versammelten Gegner vor sich her. Brunner ist ein Gesicht dieses Erfolgs und es ist das mit Abstand freundlichste.

Das glucksende Lachen, seine Körperlichkeit (er gehört zu jener Sorte Menschen, die das Gegenüber ständig anfassen) und seine Beizen-Art machen Brunner zu jenem SVPler mit den grössten Sympathiewerten ausserhalb der Partei. Brunner zelebriert das natürlich auch. In seinem Haus der Freiheit in Wintersberg bei Ebnat-Kappel (SG), wo er selber Bier zapft und Enzianschnapps ausschenkt, sich an den Tisch mit den SVP-Fans setzt, eigentliche Audienzen mit der Basis hält. Wer wissen will, warum man Brunner kaum böse sein kann (das funktioniert eben in beide Richtungen), muss einen Abend mit ihm im Haus der Freiheit verbringen. Wenn man Leute als gmögig bezeichnet, meint man Leute wie Brunner.

Nicht, dass ihn diese freundliche Art auf irgendeine Weise «weich» gemacht hätte. Brunner war immer ein Parteisoldat, exakt auf Linie. Das war er als Gründungsmitglied und späterer Präsident der SVP St. Gallen (1998 bis 2008), das war er als Vizepräsident der nationalen Partei (2000 bis 2008). Er hat jede noch so extreme Initiative der SVP voll mitgetragen: In seine Präsidentschaft fallen die Annahme der Ausschaffungsinitiative und die Masseneinwanderungsinitiative, die Lancierung der Durchsetzungs- und der Völkerrechtsinitiative.

Misserfolge waren während seiner Zeit rar. Die verlorenen Wahlen 2011 gehören dazu, die Blamage mit Bundesratskandidat Bruno Zuppiger, seine persönliche Niederlage bei den Ständeratswahlen in St. Gallen 2007 und 2011. Gross schienen ihn diese Verluste nie zu kümmern, das glucksende Lachen verging ihm kaum einmal. Mit ein Grund dafür könnte seine Fähigkeit gewesen sein, sich rar zu machen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Maurer, im Gegensatz auch zum Führungspersonal in den anderen Parteien war Brunner für die Medien nur sehr selektiv zu sprechen: Wer ihn ans Telefon haben wollte, musste jeweils seine Sekretärin beknien.

So war es auch am Abend des Rücktritts von BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (als er für einmal tatsächlich erreichbar war). Jenem Abend, an dem Brunner zeigte, dass man ihn vielleicht doch die ganze Zeit unterschätzt hatte. Staatsmännisch und getragen kommentierte der Parteipräsident den Abgang der meist gehassten Person innerhalb der SVP mit fast freundlichen Worten. So konkordant wie ein Mitglied jener «Classe politique», die von der Partei sonst so gerne verhöhnt wird. Brunner zog das durch: Nach dem Wahlsieg im Herbst, nach dem Rücktritt von Widmer-Schlumpf, bis zu den Bundesratswahlen im Dezember. Der lustige Mensch vom Toggenburg gab den demütigen Gewinner. Es war die letzte Volte einer erstaunlich erfolgreichen Ära als Parteipräsident der SVP.

Erstellt: 09.01.2016, 15:29 Uhr

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