Der Opportunist

Pro Tell beitreten, Pro Tell verlassen: Der gewählte Bundesrat Ignazio Cassis hat seine Reputation beschädigt.

Es musste ihm doch klar sein, dass die Mitgliedschaft zu einer öffentlichen Debatte führen würde: Ignazio Cassis. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Es musste ihm doch klar sein, dass die Mitgliedschaft zu einer öffentlichen Debatte führen würde: Ignazio Cassis. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Es ist so eine Sache mit der öffentlichen Wahrnehmung von Bundesräten. In der Regel können sie tun und lassen, was sie wollen – irgendwann erhalten die Magistraten ein Etikett verpasst. Und kriegen es nicht wieder los. Der miesepetrige Moritz Leuenberger, das «animal politique» Pascal Couchepin, der abgehobene Didier Burkhalter: Die klischierten Bezeichnungen bleiben haften. Und wie immer bei Klischees steckt viel Wahres in ihnen. Üblicherweise kristallisieren sich bundesrätliche Attribute im Laufe der Regierungstätigkeit heraus. Nicht so beim neuen Aussenminister. Ignazio Cassis hat es geschafft, sich noch vor Amtsantritt ein Alleinstellungsmerkmal zu ergattern: Er ist der Opportunist.

Neun Tage vor der Bundesratswahl ist der Tessiner der Waffenlobby-Organisation Pro Tell beigetreten. Als Tagesanzeiger.ch/Newsnet dies nach der Wahl aufdeckte, brauchte der designierte Aussenminister gerade mal zwei Tage, um mit bemerkenswerter Elastizität die Mitgliedschaft wieder abzulegen. Cassis verlasse Pro Tell «angesichts der öffentlichen Diskussion und der Instrumentalisierung seines damaligen Beitritts», teilte die Bundeskanzlei mit. Mit Verlaub: Es war Cassis, der den Beitritt zu instrumentalisieren versuchte – indem er sich davon kurz vor seiner Wahl Stimmen aus dem rechtsbürgerlichen Lager erhoffte. Zudem musste Cassis klar sein, dass die Mitgliedschaft zu einer öffentlichen Debatte führen würde. Pro Tell ist als Hau-drauf-Organisation bekannt, die selbst wegen geringfügiger Änderungen beim Waffenrecht ein Scheitern des Schengen-Abkommens in Kauf nimmt. Da soll der FDP-Aussenminister Mitglied sein können, ohne dass es die Öffentlichkeit irritiert?

Ignazio Cassis hat mit der Pro-Tell-Episode seine Reputation beschädigt. Kritiker, die dem Tessiner seit längerem Wendigkeit vorwerfen, sehen sich bestätigt, politische Gegner werden die Angelegenheit ausschlachten. Für Cassis wird es nicht leicht sein, den Ruf des Opportunisten wieder loszuwerden. Dabei hat der neue Aussenminister weit Wichtigeres zu tun, als sich um sein Ansehen zu kümmern.

Erstellt: 17.10.2017, 19:26 Uhr

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