Hildebrand, ein Spekulant?

Der abgetretene SNB-Präsident in einer Reihe mit Kweku Adoboli und Jérôme Kerviel? Die Affäre um Philipp Hildebrand ist auch ein Krieg der Worte. Zeit für eine Klärung.

Wurde als «Gauner», «Falschmünzer» und «Spekulant» betitelt: Der zurückgetretene SNB-Präsident Philipp Hildebrand (Bildmontage).

Wurde als «Gauner», «Falschmünzer» und «Spekulant» betitelt: Der zurückgetretene SNB-Präsident Philipp Hildebrand (Bildmontage). Bild: Keystone

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Die gefallenen Banker Kweku Adoboli, Jérôme Kerviel und Jon Corzine verkörpern den Typus: Von purer Gier getriebene Spekulanten, Geschäftemacher, Finanzjongleure. Den schnellen Profit suchend sind sie Risiken gegenüber blind und halten sich selbst für allwissende Übermenschen. Ihre Gewinnlust erscheint als genetisches Programm, moralisches Empfinden ist ihnen fremd.

Und nun, Kashya und Philipp Hildebrand: er, ein ehemaliger Manager eines New Yorker Hedgefonds, der es zum Schweizer Nationalbank-Präsidenten gebracht hat, sie, früher Händlerin am selben Ort, inzwischen in der Kunstbranche aktiv. Zwar ist der SNB-Präsident politisch umstritten, doch die Allgemeinheit zollt ihm Respekt – jedenfalls, bis eine private, moralisch fragwürdig Devisentransaktion ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Verzettelt in Widersprüche gibt Hildebrand seinen Rücktritt bekannt – und seine Kritiker sehen sich in ihrem Urteil bestätigt: der Nationalbankchef, ein Spekulant.

Von finanziellen Vorteilen und Risiken

Wirklich? Bei genauem Hinsehen entpuppt sich der Sachverhalt als komplizierter. Ziel einer Spekulation ist es, durch den Kauf und späteren Verkauf eines Gutes finanzielle Vorteile zu erlangen. Eine eindeutige Definition davon gebe es jedoch nicht, sagt Ökonom Horst Bienert von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Klar definiert sei nur die «Arbitrage»: der risikolose Gewinn, der aus dem augenblicklichen Ausnutzen von Preisunterschieden resultiert. Beispielsweise im Devisenhandel seien die Möglichkeiten für Arbitragegewinne jedoch minim, weil Hochleistungsrechner die Bildung solcher Preisunterschiede gar nicht zulassen.

Wer dennoch mit Gewinnabsichten Devisen handelt, muss folglich ein Spekulant sein. Werden über einen kurzfristigen Anlagehorizont hin Immobilien, Aktien, Obligationen oder Wertpapieren jeglicher Art gekauft, so gilt im Grunde genommen dasselbe, so Bienert: Wer die künftige Entwicklung seiner Anlage nicht exakt kennt, spekuliert beim Kauf immer auf einen finanziellen Vorteil.

Wo die «eigentlichen» Spekulanten sind

In der Praxis haben solch prinzipielle Überlegungen freilich nicht viel Wert. Hier tragen Anlageprodukte Namen wie «Income», «Balance» oder «Growth» und werden entsprechend ihrer Zusammensetzung in unterschiedliche Risikoklassen eingeteilt. Wer mehr Risiko auf sich nimmt, wird im Durchschnitt mit einer höheren Rendite belohnt – wobei konservative Anleger eher als «Investoren» und wagemutigere Typen eher als «Spekulanten» betitelt werden, wie ein langjähriger Anlageberater sagt.

Über unsere Pensionskassen legen wir alle Geld am Finanzmarkt an. Dabei steht jedoch nicht Profit und Risiko, sondern die Vermögenserhaltung im Vordergrund: Es bestehen Limiten für Investments in Fremdwährungen, Währungsrisiken werden über die Finanzmärkte abgesichert. Die entsprechenden Gegenpositionen gehen Grossbanken oder Währungsfonds ein. Wie der ZHAW-Wirtschaftsprofessor Peter Meier sagt, sind dies die einzigen Marktteilnehmer, die mit dem Devisengeschäft systematisch Gewinn erzielen können – unter Inkaufnahme der damit verbundenen Risiken. Wenn irgendwo, so wäre das Attribut «Spekulation» im Zusammenhang mit Devise hier also am ehesten angebracht.

Finanzprofis als Dilettanten

Was aber ist nun mit den Hildebrands? Den Spekulationsvorwürfen widersprach Kashya Hildebrand gestern, indem sie auf die Stümperhaftigkeit der fraglichen Deals verwies: Hätten die Hildebrands im Sommer 2011 illegal Gewinn erzielen wollen, so wären die Transaktionen wohl über versteckte Nummernkonten und ohne Involvierung der Kontrollstelle erfolgt. Zudem hätte man wohl Euro und nicht Dollar gekauft – und vermutlich auch gehebelte Finanzprodukte statt nackter Devisen.

Werden die Hildebrands also unfair vorverurteilt? Sind sie womöglich Opfer ihrer Herkunft? Dass die Hildebrands als binationales Ehepaar eine 50-50-Anlagestrategie ihres Vermögens in Franken und Dollar betreiben, ist im Zuge des Verwirrspiels um E-Mails und Verantwortlichkeiten beinahe schon untergegangen.

Ein griechisches Dilemma

Ein mittlerweile verstorbener griechischer Reeder und Milliardär war seinerzeit mit demselben Problem konfrontiert: In welcher Währung soll ein Weltenbummler sein Vermögen anlegen, wenn er in mehreren Währungsräumen heimisch ist? In den Wirtschaftswissenschaften spricht man vom sogenannten «Onassis-Problem». Diversifikation macht das Dilemma in der Praxis lösbar – ob sich geldpolitische Entscheidungsträger an eine solche Strategie halten dürfen, wurde bis anhin jedoch nicht entgültig beantwortet.

Alle Vorwürfe über ihre Intentionen entkräftet haben die Hildebrands indes nicht. Was umso fataler ist, zumal die SNB-Spitzenkräfte bezüglich Spekulation über alle Zweifel erhaben sein müssen – gerade weil sie die spekulativen Geschäfte von Geschäftsbanken überwachen sollen.

Aber muss man die Hildebrands wegen eines fragwürdigen Dollar-Devisengeschäfts selbst als Spekulanten verunglimpfen? In Anbetracht von unklarer Sachlage und Begriffsbedeutung erscheint die Wortwahl selbst spekulativ.

Erstellt: 12.01.2012, 21:27 Uhr

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