Der traurige zweite Rang der Schweiz

Nach dem Blutbad in Florida dreht eine Statistik im Web ihre Runden: Die Schweiz rangiert bei der Anzahl Schusswaffentoter gleich nach den USA. Eine Erklärung.

Fassungslosigkeit in Florida: Trauernde fordern nach dem Schul-Attentat schärfere Waffengesetze. (Video: Tamedia/Reuters)

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Das Schulmassaker in Florida von Mittwoch erschüttert derzeit die USA. Es ist längst kein Einzelfall mehr und hat auch eine weitere Statistik auf den sozialen Medien wieder in Umlauf gebracht.

So verzeichnen die USA mit 29,7 Tötungen durch Feuerwaffen pro Million Einwohner die höchste Anzahl Toter durch Schusswaffen. Dies laut Zahlen des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) aus dem Jahr 2011 und der in Genf beheimateten NGO «Small Arms Survey» aus dem Jahr 2007. Diese hat die Zeitung «The Guardian»zusammengetragen und anschliessend Industriestaaten verglichen. In der Schweiz sind solche Verbrechen eher selten. Deshalb erstaunt es, dass auf dem nächsten Rang der Statistik die Schweiz mit 7,7 «Schusswaffentoten» pro Million Einwohner folgt.

Weshalb rangiert die Schweiz auf dem zweiten Platz? Eine erste Erklärung liegt im Begriff «Schusswaffentote», der auch in den Daten des Bundesamts für Statistik auftaucht. Darin sind neben den Fremdtötungen auch die Suizide enthalten. Und dies zu einem Grossteil: 2015 starben 231 Personen durch Schusswaffen. Davon waren 91,3 Prozent Suizide.

Insgesamt ist die Zahl der Toten in der Schweiz durch Schusswaffen zwar abnehmend. Doch gibt es gemäss einer weiteren Studie (Värnik, 2008) mit Ausnahme von Finnland kein Land in Europa mit solch einer hohen Schusswaffensuizidrate wie die Schweiz. Mehrere Studien kommen zudem übereinstimmend zum Schluss, dass rund die Hälfte aller Schusswaffensuizide mit einer Armeewaffe stattgefunden haben.

250 Waffen auf 1000 Einwohner

Das Milizsystem erlaubt es verhältnismässig vielen Schweizer Haushalten, ihr Sturmgewehr zu Hause zu lagern. Wie viele es genau sind, ist aufgrund eines fehlenden zentralen Waffenregisters nicht erfasst. Der Bundesrat ging 2013 bei der Revision des Waffenrechts davon aus, dass sich zwei Millionen Feuerwaffen in schweizerischen Haushalten befinden. Damit kämen in der Schweiz rund 250 Waffen auf 1000 Einwohner. Gemäss «Small Arms Survey», sind gar rund 3,4 Millionen Schusswaffen in Schweizer Privatbesitz. Weltweit steht die Schweiz im privaten Waffenbesitz an vierter Stelle hinter den USA, dem Jemen und Serbien.

In der Frage, inwiefern diese Schusswaffensuizide direkt auf die Verfügbarkeit der Waffen zurückzuführen sind, ist sich die Forschung nicht vollständig einig. Die Mehrheit der Wissenschaftler bejaht, dass mit einer Reduktion der Verfügbarkeit von Waffen die Gesamtzahl Suizide abnimmt. Die Studien beschreiben jedoch eher die Häufung der zwei Phänomene, ohne direkte Kausalität herstellen zu können.

EU-Waffenrecht für die Schweiz

Auf politischem Boden der Schweiz gibt derzeit das neue EU-Waffenrecht zu reden. Nach den Terroranschlägen von Paris hat die EU vergangenen Frühling ihr Recht verschärft, um Terrorismus und organisiertem Verbrechen besser entgegentreten zu könne. Dies hat auch in der Schweiz zu Diskussionen geführt, denn als Schengenland müsste sie die Regulierungen übernehmen. Viele der neuen Richtlinien werden bereits erfüllt, einige aber sind äusserst umstritten. So sind beispielsweise nach EU-Recht neu halbautomatische Waffen mit grossen Magazinen verboten. Für Pistolen liegt die Grenze bei 20 Schuss, für Gewehre bei 10 Schuss. Die Schweiz kennt bei der Magazinkapazität bisher keine Einschränkungen.

Für die Armeewaffe haben die Schweizer Diplomaten bereits eine spezielle Bestimmung der Waffenrichtlinie ausgehandelt: Demnach dürfen Armeeangehörige nach Ablauf ihrer Dienstzeit die Waffe weiterhin behalten, sofern sie als Mitglied eines Schützenvereins regelmässig trainieren. Der Bundesrat schickte die Vorlage im September in die Vernehmlassung. Im Parlament dürfte die entsprechende Vorlage, die der Bundesrat voraussichtlich im Frühjahr verabschiedet, gute Chancen haben.

Schützenorganisationen drohen jedoch bereits mit einem Referendum, und auch mehrere Kantone haben in der Vernehmlassung Kritik geäussert. Sollte es zur Volksabstimmung kommen, ginge es dabei nicht nur um das Waffenrecht, sondern gleichzeitig auch um die Schengen- und Dublin-Mitgliedschaft der Schweiz. (saf)

Eine frühere Version des Textes hat nur auf die UNODC und nicht auf die Zusammenstellung des Guardians aus «UNODC»- und «Small Arms Survey»-Zahlen verwiesen.


Soldaten verlieren so viele Waffen, dass Armee Flyer verteilt

Erstellt: 16.02.2018, 16:40 Uhr

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