«Die An’Nur-Moschee müsste längst geschlossen sein»

Der Journalist Shams Ul-Haq war undercover in Schweizer Moscheen. Und weist auf grosse Missstände hin. Warum er sich dem Risiko ausgesetzt hat. Das Interview.

Shams Ul-Haq sorgt mit seinen Reportagen zur Situation in Flüchtlingsheimen und Moscheen für Aufsehen.

Shams Ul-Haq sorgt mit seinen Reportagen zur Situation in Flüchtlingsheimen und Moscheen für Aufsehen. Bild: PD

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Sie haben über Monate in Schweizer Moscheen recherchiert und berichten nun in der «SonntagsZeitung» von Aggression, Radikalisierung und Aufrufen zur Missachtung der Schweizer Gesetze. Was beunruhigt Sie am meisten?
Am meisten überrascht haben mich die laschen Gesetze in der Schweiz. Trotz verdeckten Ermittlern mit Migrationshintergrund vor Ort werden in Schweizer Moscheen Jugendliche radikalisiert. Insbesondere die An’Nur-Moschee in Winterthur müsste schon längst geschlossen sein.

Warum müsste man aus Ihrer Sicht die An’Nur-Moschee schliessen?
Die aggressiven Predigten und die Art und Weise, wie junge Menschen radikalisiert werden, sind eine grosse Gefahr. Hinzu kommt, dass der Kulturverein, der die Moschee führt, laut Satzung die Integration fördern sollte. Doch in diesem Bereich wird überhaupt nichts getan. Das alles ist nicht erst seit heute bekannt. Mehrere Leute, die vom vorletzten Imam radikalisiert wurden, sind ja bereits nach Syrien gereist.

Sind Sie den verdeckten Ermittlern auch begegnet?
Der Vorstand und Informanten aus der Moschee, die ich über Monate aufgebaut habe, haben mir das bestätigt. Man arbeitet mit diesen Ermittlern zusammen. Sie gehen öfter zum Freitagsgebet in die Moscheen und hören sich das an. Aber die Moschee ist natürlich die ganze Woche offen.

Sie leben in Deutschland. Wieso haben Sie sich entschieden in Schweizer Moscheen zu recherchieren?
Wie der Titel der Reportage sagt, meine Undercover-Recherchen sind mein persönlicher Jihad. Ich bin privat oft in der Schweiz unterwegs und habe vom Problem der Winterthurer Moschee immer wieder gelesen.

Sie haben auch in Deutschland Moscheen unter die Lupe genommen. Ist die Situation in der Schweiz vergleichbar?
Nein, in Deutschland ist es viel schlimmer. Dort sind die Gesetze zudem mindestens so lächerlich. Der Terrorverdächtige, welcher sich vergangene Woche in Leipzig in der Haft umgebracht hat, wurde im Flüchtlingsheim und in einer Moschee in Berlin radikalisiert. Flüchtlingsheime sind der Nährboden für gefährliches Gedankengut. Das musste ich in dem Jahr, in dem ich undercover unterwegs war, feststellen. Die Schweiz sollte nicht warten, bis die Situation ähnlich gefährlich wird.

Bei Ihrer letzten Reportage im Asylzentrum Kreuzlingen kam es zu einer Untersuchung im Auftrag des Staatssekretariats für Migration (SEM). Demnach würden einige Ihrer Vorwürfe «jeder Grundlage entbehren». Bei den geschilderten Gewaltanwendungen steht Aussage gegen Aussage. Haben Sie gelogen?
Dem Alt-Bundesrichter, der die Untersuchung durchgeführt hat, wurde nicht alles gezeigt. Ich bleibe bei meinen Vorwürfen. Erst kürzlich war ich wieder in Kreuzlingen und habe mit Flüchtlingen geredet. Man muss sich nicht wundern, wenn die Flüchtlinge nachher in Moscheen wie An’Nur wieder auftauchen. Ich konnte das selbst beobachten. Das SEM hat im Übrigen zugegeben, dass es Fehler gab und dass die Ausbildung verbessert werden müsse.

Die Situation in Flüchtlingsheimen ist auch Thema in Ihrem Buch «Die Brutstätte des Terrors», das soeben in den Handel gekommen ist. Worum geht es da?
Darin beschreibe ich die gefährliche Situation in diesen Heimen in Europa, insbesondere in Deutschland und der Schweiz. Wir müssen aufpassen, sonst werden wir zunehmend Probleme mit radikalisierten Migranten bekommen. Es werden immer wieder Flüchtlinge festgenommen, die mit dem Islamischen Staat in Verbindung stehen, oft wird dies von den deutschen Behörden verschwiegen. Das Buch soll zudem den normalen Bürgern schildern, was in einem Flüchtlingsheim abgeht. Denn letztlich weiss niemand, was dort passiert. Man kennt nur die Medienberichte.

Wie riskant ist es, solche Reportagen zu schreiben?
Natürlich habe ich Angst. Es gab schon entsprechende Facebook-Kommentare und vereinzelt auch Telefonanrufe. Doch meine Arbeit ist wichtig. Wir Migranten müssen mehr beitragen. Wir kommen viel einfacher in Moscheen als hellhäutige Europäer. Ich kritisiere deshalb auch all die muslimischen Vereine in Deutschland und der Schweiz, die zu wenig aktiv sind. Aber ich will auch die positiven Beispiele betonen, etwa Moscheen in Zug oder in Zürich. Solche Institutionen müssen wir vermehrt aufbauen und arbeiten lassen. Andere wie die An’Nur-Moschee sollte man rasch schliessen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2016, 14:27 Uhr

Shams Ul-Haq

Der Journalist lebt in Hessen, ist in Pakistan geboren und seit 2001 deutscher Staatsbürger. Jahrelang war er als Korrespondent in Lybien, Syrien, Afghanistan, Pakistan und anderen Ländern unterwegs und bezeichnet sich heute als Terrorismus- und Migrationsexperte. Soeben ist sein erstes Buch “Die Brutstätte des Terror” erschienen.

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