Die Dauerkritik bringt die Kesb in Personalnot

Viele Mitarbeiter haben in den letzten Monaten gekündigt, die Suche nach neuen ist schwierig.

Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde in Obwalden.

Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde in Obwalden. Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Die Kindes- und Erwachsenenschutz­behörden (Kesb) greifen nicht öfter ein als ihre Vorgängerbehörden, die kommunalen Vormundschaftsämter. Ende 2015 waren 40'629 Kinder von einer Massnahme betroffen, unter dem alten System Ende 2012 waren es 42 381 Kinder. Im Erwachsenenschutz ist die Zahl der Massnahmen in dieser Zeit leicht gestiegen, von 83'335 auf 85'963. Die Kesb nutzen diesen Befund, um der Öffentlichkeit zu signalisieren, dass sie nicht so schlecht seien wie ihr Image. Die kritische Berichterstattung wirke sich sehr negativ auf die tägliche Arbeit, aber auch auf die Personalrekrutierung aus, sagen die Verantwortlichen mehrerer Kesb.

Der öffentliche Druck laste schwer auf den rund 2000 Mitarbeitenden. Viele hätten deswegen in den letzten Monaten gekündigt, sagt Diana Wider, Generalsekretärin der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes). Zugenommen habe der Druck insbesondere nach dem Fall Flaach Anfang 2015 und weiteren medienwirksamen Fällen. «Manche unserer Mitarbeitenden trauen sich nicht zu sagen, dass sie bei der Kesb arbeiten», sagt Ruedi Winet, Präsident der Kesb-Vereinigung des Kantons Zürich. Das beeinträchtige das Wohlbefinden der Mitarbeitenden. Es habe in den letzten Monaten eine höhere Fluktuation gegeben, sagt er. Auch zeigten sich «gewisse Ermüdungserscheinungen nach der Aufbauphase, die sehr viel Energie gekostet hat». Hinzu komme, dass die Arbeit bei der Kesb für Juristen und Sozialarbeiter nicht sonderlich attraktiv sei. Dies, weil man es mit schwierigen Leuten zu tun habe, die meist nicht freiwillig kooperierten.

Die Personalsuche gestalte sich auch deshalb als schwierig, weil es den Job bis vor kurzem noch gar nicht gegeben habe, sagt Peter Dörflinger, zuständig für die Kesb in Appenzell Ausserrhoden. Patrick Fassbind, Leiter der Kesb Basel-Stadt, bestätigt: «Es mangelt an einer breiten Basis von erfahrenen Bewerbern.» Um diese zu schaffen, brauche es zehn Jahre. Die Kesb besteht mittlerweile seit knapp vier Jahren.

Kommunikation verbessern

Gründe für den schlechten Ruf der Kesb sehen die Verantwortlichen vorab in der mangelnden Kommunikation. Man habe sich in den letzten Jahren in erster Linie auf die Neuerungen konzentriert, welche die Gesetzesänderung 2013 gebracht habe. Auch sei der Aufwand enorm gewesen, alle bestehenden Fälle an das neue Recht anzupassen. Darunter habe die Kommunikation gelitten. Das soll sich nun ändern, sagt Kokes-Generalsekretärin Diana Wider. «Wir wollen unsere Entscheide besser erklären, gegenüber den direkt Betroffenen wie auch gegenüber den Gemeinden, die sie umsetzen müssen.» So soll das Vertrauen in die Arbeit der Kesb verbessert werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2016, 23:00 Uhr

«Wir schaffen keine Zustände wie mit den Verdingkindern»

Mit Diana Wider sprach Andrea Fischer

Seit Einführung des neuen Kindes- und Erwachsenenschutzrechts wurden bei Kindern nicht mehr Massnahmen verfügt als früher. Sehen Sie darin einen Trend?
Ja. Wir hatten schon 2013 und 2014 erste Daten, die haben sich nun bestätigt. Sie zeigen, dass die Kesb sehr zurückhaltend sind mit Massnahmen und sie nicht bei jeder Gefährdungsmeldung verfügen. Man schaut zuerst, wo das Problem ist, und macht die Eltern auf Beratungsangebote aufmerksam. Nutzen sie diese, dann ist Eltern und Kindern geholfen. Ich bin überzeugt, dass es zu einer Stabilisierung bei den Massnahmen kommt.

Trotzdem reisst die Kritik nicht ab. Sie selber sagten vor einigen ­Monaten, die Kesb müsse gegenüber Betroffenen besser kommunizieren. Ist die Kritik auch berechtigt?
Absolut. Dass die Kesb am Anfang zu ­wenig kommuniziert haben, lag auch an den fehlenden Ressourcen. Wenn Sie als Leiterin einer Kesb eine Gefährdungsmeldung bekommen, was machen Sie dann? Die Gefährdungsmeldung ab­klären oder den Gemeindepräsidenten ihre Aufgabe erklären? Ich verstehe jeden Kesb-Verantwortlichen, der sagt, er müsse primär die Fälle bearbeiten. Die fehlende Kommunikation hatte dann aber entsprechend negative Konsequenzen. Wir von der Kokes wären es anders angegangen und hätten den Kesb geraten, von Anfang an die Beziehungsarbeit nicht zu vernachlässigen.

Das haben Sie aber nicht gemacht.
Man hat auch nicht mit dieser heftigen Kritik gerechnet. Das neue System war im Vorfeld überhaupt nicht umstritten. Man hatte vielmehr Respekt vor dem neuen Recht mit seinen massgeschneiderten Massnahmen und dem Selbstbestimmungsrecht der Schutzbedürftigen. Darauf haben wir uns konzentriert.

Jüngst gab es vermehrt Klagen von Eltern erwachsener behinderter Kinder, die über jedes Detail ihrer Betreuungsarbeit Rechenschaft ablegen müssen. Was läuft falsch?
Einzelne Behörden hatten tatsächlich festgelegt, die Eltern grundsätzlich nie von der Rechenschaftspflicht zu ent­lasten oder gar ganz zu entbinden. Das geht natürlich nicht. Im Gesetz steht klar, dass man prüfen muss, ob man die Eltern davon befreien kann.

Gab es auch ungerechtfertigte ­Kritik aus Ihrer Sicht?
Ja, diejenige, die uns vorwirft, wenn wir nichts ändern würden, hätten wir in 20, 30 Jahren die gleiche Situation wie damals mit den Verdingkindern. Sie ist unbegründet und stimmt nicht.

Reicht es zu sagen, es läuft gut?
Offenbar nicht. Aber wir können letztlich nur darlegen, dass wir überzeugt sind von der Art und Weise, wie es läuft und dies anhand von Fällen erklären. (Tages-Anzeiger)

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