«Die jungen Leute sind heute mutiger»

Klimastreik, Frauenstreik: Protestbewegungen bilden sich heute schneller und wirken stärker. Politologe Claude Longchamp erklärt, warum.

«Fridays for Future»: Jugendliche demonstrieren für Klimaschutz. Foto: Reuters

«Fridays for Future»: Jugendliche demonstrieren für Klimaschutz. Foto: Reuters

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Arabischer Frühling, Occupy Wall Street, Gilets jaunes, Klimastreiks, jetzt der Frauenstreik in der Schweiz – ist im letzten Jahrzehnt weltweit eine neue Protestkultur gewachsen, Claude Longchamp?
Der Arabische Frühling 2011 markierte in der Tat einen Wendepunkt. Er zeigte, dass es nun für verschiedene gesellschaftliche Gruppen möglich ist, sich für ihre Anliegen unabhängig von klassischen Massenmedien Gehör zu verschaffen. Die Proteste in der arabischen Welt waren jedoch eher eine Welle zugunsten der Demokratisierung als eine nachhaltige Verschiebung des Machtapparats. Ein weitaus zentraleres Moment für die Protestbewegungen geschah meines Erachtens 2016, als Donald Trump zum Präsidenten des USA gewählt wurde.

Inwiefern?
Die Wahl hat in so kurzer Zeit wie noch nie zuvor eine breite Masse mobilisiert. Hunderttausende gingen in den USA, aber auch in Europa auf die Strasse. Diese Proteste, allen voran die Women’s Marches, waren Nährboden für die spätere #MeToo-Bewegung, die sich schnell auf der ganzen Welt verbreitete und lokale Nachahmung fand – in der Schweiz war das #Aufschrei.

«Der Klimastreik ist die drittstärkste Mobilisierungsaktion in der Schweizer Geschichte.»

Noch schneller als bei Donald Trump mobilisierten sich die Menschen beim Klimathema.
Ja, natürlich brodelte das Thema schon länger unter der Oberfläche. Aber in Fahrt kam es erst mit der UNO-Klimakonferenz im Dezember 2018 im polnischen Katowice. In der Schweiz war das Weltwirtschaftsforum im Januar mit Rednerin Greta Thunberg der Angelpunkt. Die schnelle Politisierung in den Wochen danach ist phänomenal. Bereits im Februar brachte sie in der Schweiz 60'000 Menschen auf die Strasse, was sich schon im März und April auf die kantonalen Wahlen auswirkte: Fast überall gab es eine Verschiebung zugunsten der Parteien mit ökologischen Anliegen. Die Klimastreik-Bewegung ist somit die drittstärkste Mobilisierungsaktion in der Schweiz. Der Landesstreik 1918 brachte es dank der Kraft der Gewerkschaften und der sozialen Not der Bevölkerung nach langer Vorbereitungsarbeit auf 250'000 Streikende. Der Frauenstreik 1991 auf 500'000.

Nur wenige haben im Vorfeld damit gerechnet, dass der Frauenstreik von 1991 tatsächlich so viele Frauen dazu bringen würde, die Arbeit niederzulegen. Welches sind seine wichtigsten Auswirkungen?
Die SP wurde feminisiert, teils auch die Gewerkschaften. Ruth Dreifuss wurde nach Elisabeth Kopp als zweite Frau überhaupt in den Bundesrat katapultiert. Zahlreiche Entscheidungen bei Volksabstimmungen, im Parlament und in der Landesregierung wären ohne diese Entwicklung anders ausgefallen – bis heute: Doris Leuthard lüftete noch vor ihrem Rücktritt das Geheimnis, dass der Bundesrat ohne die vier Frauen bei der Entscheidung zum Atomenergieausstieg weniger mutig gehandelt hätte.

«Die jungen Leute sind heute zuversichtlicher, dass sie eine Stelle finden, und damit mutiger.»

Streik ist das stärkste Instrument einer Protestbewegung. Lange scheint er aus der Mode gewesen zu sein, heute ist er so präsent wie kaum je zuvor. Weshalb?
Das hängt damit zusammen, dass sich sehr junge Leute an den Protesten beteiligen, Menschen zwischen 16 und 25 Jahren. Die sogenannte Generation Z scheint unbekümmerter, politisierter und radikaler zu sein, was wahrscheinlich auch mit dem aktuellen Tiefststand der Jugendarbeitslosigkeit zusammenhängt. Während die vorgängige Generation Y, auch Generation Praktikum genannt, noch um ihre Eingliederung in den Arbeitsmarkt zitterte, sind junge Leute heute zuversichtlicher, dass sie eine Stelle finden, und damit wohl mutiger.

Wie wird sich diese Streikkultur entwickeln?
Das weiss man erst im Nachhinein. Vorteile von Bewegungen sind, dass sie schnell rund um ein Thema entstehen können. Ob sie anhalten, ist aber offen. Das thematische Umfeld kann sich ändern, sie können instrumentalisiert oder diskreditiert werden. Oder sie organisieren sich besser, was sie aber auch bürokratisch werden lässt. All das sind Fallstricke auf dem Weg, eigene Utopien zu verwirklichen. Und trotzdem: Liberale, demokratische, soziale, ökologische, Jugend- und Frauenbewegungen haben die Entwicklung der Schweiz mindestens so stark geprägt wie die politischen Parteien – nur nicht konstant, sondern schubweise.

(Annabelle)

Erstellt: 14.06.2019, 15:04 Uhr

Wahlbeobachter



Claude Longchamp ist ein Schweizer Historiker und Politikwissenschaftler, der unter anderem an den Universitäten Bern und Zürich doziert. Sein Meinungsforschungs-Institut gfs.bern führt nach eidgenössischen Volksabstimmungen sogenannte Vox-Analysen durch und erstellt im Auftrag der SRG das Wahlbarometer.

Darf ich das?

Das Streikrecht steht seit 1999 in der Bundesverfassung. Worauf man achten sollte:



1. Wer in einer Berufsgruppe mit Betreuungs- und Fürsorgepflicht arbeitet, sollte sicherstellen, dass die Versorgung der Schutzbefohlenen gewährleistet ist.

2. Wenn ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) abgeschlossen wurde, empfiehlt Christine Flitner, Zentralsekretärin des Schweizerischen Verbands des Personals öffentlicher Dienste, Kontakt mit der jeweiligen Gewerkschaft aufzunehmen. Ein GAV heisst nicht unbedingt, dass man nicht streiken darf.

3. Kollektive vor einzelnen Aktionen: Flitner rät, dass sich Frauen zusammentun. Länger dauernde Aktionen sollten dem Arbeitgeber angekündigt werden. «Manche Arbeitgeber werden versuchen, mit Sanktionen zu drohen. Solche Drohungen sollten von der Arbeitnehmerin öffentlich gemacht werden.»

4. Ein Forderungskatalog, der dem Arbeitgeber abgegeben wird, hilft, die Streikabsichten zu unterstreichen, und zeigt, wo Handlungsbedarf besteht. «Damit sich nach dem 14. Juni auch etwas bewegt.»

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