«Die Meinungsbildung geht nach der letzten Umfrage weiter»

Politologe Lucas Leemann erklärt, weshalb die Umfragewerte der Tamedia-Abstimmungsumfrage vom Endresultat abgewichen sind.

Das bedingungslose Grundeinkommen holte weniger Ja-Stimmen, als die Umfragen vorhersagten.

Das bedingungslose Grundeinkommen holte weniger Ja-Stimmen, als die Umfragen vorhersagten. Bild: Alexandra Wey/Keystone

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Herr Leemann, Sie haben für Tamedia die Abstimmungsumfragen durchgeführt. Die Resultate der dritten und letzten Welle lagen deutlich neben den tatsächlichen Resultaten vom vergangenen Wahlsonntag. Wie erklären Sie sich das?
Betrachtet man einzig die Resultate der dritten und letzten Welle, waren die Umfragewerte teilweise tatsächlich weit entfernt vom Abstimmungsresultat. Das greift meines Erachtens aber zu kurz. Man muss auch die Entwicklung zwischen den verschiedenen Umfragewellen berücksichtigen.

Wieso?
Initiativen verlieren in der Regel während eines Abstimmungskampfes an Zustimmung. Sie starten mit einem knackigen Titel, mit einem Problem und einer Lösung, die gut klingt. Dann kommt die Gegenkampagne, die meist auf die vielen schädlichen Nebeneffekte zielt oder aufzeigt, dass die Initiative gar keine Lösung für das angebliche Problem ist. Die Stimmenden reagieren darauf, und die Zustimmung sinkt. Unsere Umfragen haben bei der Pro-Service-public- und bei der Milchkuhinitiative abnehmende Trends aufgezeigt. Zwischen der zweiten und der dritten Welle ist die Zustimmung um 11 respektive 10 Prozent gesunken.

Trotzdem, die letzte Umfrage zur Pro-Service-public-Initiative sagte rund zwei Wochen vor der Abstimmung einen Ja-Anteil von 45 Prozent voraus. Am Schluss waren es weniger als 33 Prozent.
Zwischen der zweiten und der dritten Umfragewelle ist gleich viel Zeit vergangen wie zwischen der dritten Welle und dem Abstimmungssonntag. Interpretiert man Umfrageresultate als Vorhersagen, geht man davon aus, dass in den letzten zwei Wochen in der Meinungsbildung nichts mehr passiert. Das ist aber nicht so. Die Meinungsbildung geht weiter. Nimmt man beispielsweise an, dass von der letzten Umfrage bis zum Abstimmungssonntag nochmals gleich viel Zustimmung verloren geht, kommt man dem Abstimmungsresultat näher. Im Falle der Pro-Service-public-Initiative wäre dann der Ja-Anteil von 48 auf 37 Prozent gesunken. Damit kann ich leben.

Bei der Initiative zum bedingungslosen Grundeinkommen ist die Zustimmung zwischen der zweiten und der dritten Welle aber gestiegen.
Das ist so. Wir wissen noch nicht genau, was da passiert ist. Das werden wir genau anschauen. Generell kann man sagen, dass es schwierig ist, mit Umfragedaten sehr tiefe beziehungsweise sehr hohe Zustimmungen zu Vorlagen punktgenau zu modellieren.

Bei der Asylgesetzrevision und der Fortpflanzungsmedizin waren Ihre Umfrageresultate näher beim Endergebnis. Weshalb?
Das waren beides Referenden und Behördenvorlagen. Die haben traditionellerweise einen anderen, stabileren Meinungsbildungsprozess als Initiativen. Deshalb sind die Umfrageresultate näher beim Endresultat.

(sip)

Erstellt: 07.06.2016, 16:42 Uhr

Lucas Leemann

Der Politikwissenschaftler Lucas Leemann führt zusammen mit Fabio Wasserfallen die Tamedia-Abstimmungsumfragen durch. (Bild: defacto.expert)

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