Rechte Charmeoffensive

Der designierte SVP-Präsident Albert Rösti hat einen rasanten internen Aufstieg hinter sich. Er steht dafür, wie sich die SVP stilistisch neu erfindet.

Soll der neue SVP-Präsident werden: Nationalrat Albert Rösti beim Joggen in seiner Heimat Uetendorf BE (20. Mai 2015).

Soll der neue SVP-Präsident werden: Nationalrat Albert Rösti beim Joggen in seiner Heimat Uetendorf BE (20. Mai 2015). Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Und auf einmal wirken Rösti-Anekdoten wie die folgende so erhellend. Es war Ende Dezember 2014, als SVP-Präsident Toni Brunner die Medien zum Wahlkampfauftakt lud; mit ihm kamen Wahlkampfleiter Albert Rösti und weitere SVP-Grössen. Da die Organisatoren das Medieninteresse offenkundig unterschätzt hatten, herrschte im kleinen Konferenzzimmer des Berner Restaurants «Fédéral» bald Gedränge. Und während sich die letzten Journalisten noch auf einen Stehplatz zu quetschen versuchten, hörte man Albert Rösti plötzlich in Richtung Toni Brunner brummeln: «Ihr habt einen viel zu kleinen Raum reserviert.» Brunner erwiderte nichts, überhörte die Rüge geflissentlich, worauf Rösti um einige Brumm-Dezibel verstärkt nachdoppelte: «Ihr habt einen zu kleinen Raum reserviert! Das habt ihr nicht gut organisiert!»

Die Episode blieb nicht nur darum haften, weil Massregelungen unter Parteifreunden in einem Raum voller Medienleute unüblich sind. Sie liess vor allem augenblicklich erkennen, dass hier jemand Autorität auszuüben versucht. Und zwar ein Jemand von so pagenhaft-freundlicher Ausstrahlung, dass der Versuch hätte hellhörig machen müssen. Jetzt, nach Röstis Designation zum SVP-Präsidenten, scheint die Einordnung schnell zur Hand: An diesem Dezembertag 2014 präsentierte sich ein Jemand, den es nach oben zog, der klarmachen wollte: Ich bin in der Lage zu zeigen, was ich will.

Schon mit Röstis Ernennung zum Verantwortlichen des SVP-Wahlkampfs 2015 hatte kein Beobachter gerechnet. Erst vor vier Jahren für die SVP Bern in den Nationalrat gewählt, agierte er dort in seiner Anfangszeit als unauffälliger Agrarlobbyist – eine frappante Parallele zur Laufbahn des früheren SVP-Präsidenten Ueli Maurer (gewählt 1996). Das Amt des Wahlkampfleiters übernahm Rösti im August 2013, nachdem seine berufliche Karriere auf einem Tiefpunkt angelangt war. Wenige Monate zuvor hatte der studierte Agronom und Familienvater unter unschönen Umständen sein Mandat als Direktor der Schweizer Milchproduzenten abgeben müssen – mit bestimmten Verbandssektionen konnte er es überhaupt nicht mehr.

Seine Beförderung innerhalb der SVP liess damals zwei Schlüsse zu. Erstens gibt es in der Partei ein funktionierendes Männernetzwerk für gestrauchelte Mitstreiter. Und zweitens war die SVP dabei, sich für die Wahlen neu auszurichten: knallharte, nationalkonservative Positionen, dargeboten aber nicht mehr brüllend und spottend, sondern mit Konzilianz. Die SVP leitete mit Rösti die Neukolorierung der Blocher-Politik ein: das Gesamtkunstwerk des Übervaters in wärmeren Farbtönen. Der Erfolg nach dem moderat geführten Wahlkampf 2015 dürfte den Parteistrategen die Richtigkeit dieses Wechsels bestätigt haben.

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Röstis Ernennung zum Parteipräsidenten erscheint da als die logische und konsequente Fortführung. Sehr viel mehr als Brunner, der noch der aggressiven Aufsteigergeneration der 90er Jahre entstammt, bringt Rösti Voraussetzungen als Allianzenschmied mit. Der von der rechten Intelligenzia so herbeigesehnte «bürgerliche Schulterschluss»: Der 48-jährige Rösti hat das Zeug, ihn voranzutreiben. Dennoch ist Aufmüpfigkeit gegenüber dem Blocher-Zirkel nicht zu erwarten. Nicht nur als konsequenter Gegner der Energiewende – Röstis wichtigstes Dossier im Nationalrat – hat der nette Berner seine Linientreue bewiesen. Er ist in keiner zentralen Frage der letzten Jahre vom Kurs der Parteivordenker abgewichen.

Gespannt sein darf man auf seine atmosphärischen Inputs im Präsidialamt. Die Art und Weise seiner Inthronisierung veranschaulicht wieder einmal, wie atemberaubend straff die SVP geführt ist: Kein langes Tamtam mit Findungskommissionen, einfach ein knappes Communiqué, wonach der alte Präsident geht und ein neuer namens Rösti kommt – die Delegiertenversammlung am 23. April möge das bitte abnicken. Ob Rösti, heute Gemeindepräsident von Uetendorf BE, an der Spitze einer solchen Bewegung wird bestehen können? Ein paar zusätzliche Brumm-Dezibel werden dafür nicht ausreichen.

Erstellt: 09.01.2016, 18:35 Uhr

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